Märchenstaub über der Kleingartensiedlung

von Martin Pesl

Wien, 20. März 2014. Lange vor Beginn lässt sich ein Getümmel hinter dem schwarzen Gazevorhang ausmachen. Die Hütte in der Bühnenmitte dreht sich langsam vor sich hin, ein Löwenmaul ist darauf gemalt, Figuren sind in Bewegung, einige auf der Stelle, andere auf und ab und hin und her. Mehrere Minuten bietet sich erst einmal dieses rastlose, aber in sich versunkene Bild zum Leben erwachter Karussellgestalten. Vom Band hören wir in einem Radiointerview, dass es Allerwelt seit den Fünfzigerjahren gebe und dass es nun zur Kleingartensiedlung verkomme.

In dieser Hinsicht ist Allerwelt der Flüchtlingssiedlung Macondo im Süden Wiens nachempfunden, die ihren Namen von dem fiktiven Ort in García Marquez' Roman "Hundert Jahre Einsamkeit" erhalten hat. Der Wiener Autor Philipp Weiss lebte und forschte hier einen Monat lang. In seinem Stück ist "Allerwelt" aber gleichzeitig noch mehr: ein Staat, eine foucaultsche Heterotopie, alles eben – allen ihre Welt.

allerwelt1 560 alexipelekanos uEin Hauch von Disney in der Gartenlaube © Alexi Pelekanos

Wenn die Angst kommt, helfen nur Geschichten

Acht Hauptfiguren gibt es, sie kommen aus Kabul, Prag, Chile, der Türkei usw., sind aus unterschiedlichsten Gründen geflohen und hier gelandet. In sehr kurzen, einander fast überlagernden Einzelmomenten wird von ihnen erzählt, nicht immer mit Anspruch auf Chronologie. In dieser Gleichzeitigkeit und Gleich-ort-igkeit fügt sich das Stück auf den ersten Blick passgenau in die aktuelle Spielzeitplanung des Schauspielhauses Wien, die durchwegs der Interdependenz der Weltereignisse nachspürt. Dabei wäre es als Gewinnerstück des Hans-Gratzer-Stipendiums von 2011 sowieso hier uraufgeführt worden.

Genauer besehen hängen die Figuren aber kaum miteinander zusammen. Erst der Ankunftsort ihrer Flucht verbindet sie, und auch hier will etwa Tereza, gespielt von Katja Jung als Grande Dame im blauen Galakleid, mit Veronika Glatzners Somalierin Fatima, deren zwei Kinder an ihren Händen haften wie erweiterte Körperteile, nichts zu tun haben. Als roter Faden dient Weiss ein Wesen namens Mila Katz: eine Fee – so wird sie zumindest von Nicola Kirsch dargestellt. Entrückt wie ein spielendes Kind, aber auch klug wie ein Schelm sucht sie, die hier geboren sein soll, nach ihren Ursprüngen, ist besessen davon, dass der Soldat Gáspár, der den Ungarnaufstand 1956 erlebt hat, und die dem Prager Frühling 1968 entkommene Tereza ihre Eltern sein könnten. "Wenn die Angst kommt, helfen nur Geschichten", und die erzählt ihr dann auf Kommando ihre Katze (Barbara Horvath). Der vom Bachmann-Wettbewerb oder den Werkstatttagen des Burgtheaters für wortgewandte, oft lustvoll verkopfte Texte bekannte Autor hat hier – durchaus wortgewandt bleibend – den zynisch-kühlen Blick abgestreift und sich ein bisschen Disney gestattet.

Übereinander liegende Zeiten

Sein Regisseur unterstützt ihn darin, und wie. Pedro Martins Bejas Blick konzentriert sich mehr auf eine in Glitzerstaub hüllende Märchenhaftigkeit denn auf Details. In seiner Allerwelt wachsen Schmetterlinge aus dem Boden. Weiss' Text hat er stark dezimiert, die Leerstellen füllt er durch Tanzen, ein Versinken der Figuren in Bewegungsabläufen und mitreißende Werke der Musikgeschichte von "Ave Maria" bis "A Wolf at the Door". Darüber streut er als zusätzlich entrückendes Zaubersalz Videokunst von Sacha Benedetti. Das Kitschbild eines bizarr glücklichen Pärchens löst sich im Hintergrund allmählich auf. Ist das Achtziger? Oder noch Siebziger? Egal, hier liegen sowieso alle Zeiten übereinander.

Die Schauspieler wirken dafür zeitweise so alleine gelassen wie die Figuren mit ihren Schicksalen. Sie stellen sich dieser Tatsache auch ebenso tapfer, besonders überzeugend Simon Zagermann als Transsexueller aus Istanbul. Dass aber Steffen Höld den ungarischen Soldaten mit böhmakelndem Schwejk-Akzent spricht, ist wohl kaum ein theatrales Zeichen der Vereinigung aller Welt, sondern eher ein Hinweis, dass da etwas einfach nicht so genau genommen wurde.

Wenn am Ende der Schlussapplaus mit einer gewissen Ratlosigkeit einhergeht, liegt das vielleicht nicht nur daran, dass das Publikum durch das minutenlang nur noch still dasitzende Ensemble mit einem Nicht-Ende am Nicht-Ort verwirrt wurde. Vielleicht hätte es auch gerne noch mehr erfahren über diese Welt und ihre schrulligen Bewohner. Von dem dichten Puzzle an Geschichten war man nie gelangweilt, im Einzelnen aber auch nicht so recht direkt betroffen. In Summe, im Großen, Allumfassenden hätte einen das Macondo-Märchen berühren können. Schade, dass Weiss' ausufernde Fassung, die 104 Szenen und Chöre von Allerweltstouristen enthielt, offenbar als nicht spielbar erachtet wurde. Die Uraufführung hat aus dem Urwald eine Kleingartensiedlung gemacht.

 

Allerwelt (UA)
von Philipp Weiss
Inszenierung: Pedro Martins Beja,
Bühne und Kostüme: Janina Audick, Musik: Jörg Follert, Video: Sacha Benedetti, Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Veronika Glatzner, Barbara Horvath, Steffen Höld, Katja Jung, Nicola Kirsch, Florian von Manteuffel, Gideon Maoz, Simon Zagermann und den Kindern Theodora Guschlbauer, Simon Maurer bzw. Veronika Schmiedehausen.
Länge: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.at

 

Kritikenrundschau

 "Ein klarer Fall von Migrationskitsch", befindet Ronald Pohl im Wiener Standard (22.3.2014). Schauplatz sei ein "poetisches Reservat voller Außenseiterfiguren". Regisseur Pedro Martins Beja behandelt aus Sicht des Kritikers "die Poesie-Aufschwünge des Textes wie einen Botho Strauß aus dem dramatischen Brühwürfelfach". Der Dramatiker Philipp Weiss würfele die Identitätssplitter durcheinander. "Haben sich die Teilchen gesetzt, bleibt fades Wasser zurück."

In der Süddeutschen Zeitung (26.3.2014) schreibt Wolfgang Kralicek: Weiss habe nach einem Monat im Flüchtlingscamp kein Doku-Drama, sondern ein fast anachronistisch "poetisches Stück" geschrieben. Die Bewohner von "Allerwelt" besäßen zwar recht konkrete "Flüchtlingsbiografien" seien aber literarische Figuren mit ausdifferenzierter Kunstsprache. Den "märchenhaften Charakter der Vorlage" verstärke Regisseur Pedro Martins Beja. Die Atmosphäre habe etwas "Flirrendes". Die Uraufführung erinnere an einen Traum, "in dem nie ganz klar wird, wie alles zusammen hängt". So wie Scheherazade hielten sich auch die Menschen aus Allerwelt mit Geschichten lebendig. Und während das Theater von Flüchtlingen "meist im aufklärerischen Reportagemodus berichtet", riskiere Weiss in seinem Stück einen Märchen-Ton. Auch Märchen könnten grausam sein.

 

 
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