Im Widerstands-Planschbecken

von Elisabeth Maier

Stuttgart, 7. Juni 2014. Vagabunden hatten in der englischen Gesellschaft des 15. Jahrhunderts einen schweren Stand: Man brannte ihnen ein V auf die Stirn. Mit diesem drastischen Bild beginnt der Vortrag von John Jordan, Künstler und Kommunarde, den die britische Polizei einen "heimischen Extremisten" schilt. Via Skype ist der Kunstaktivist und kreative Kopf der Rebel Clown Army, der mit Aktionen wie einer rebellischen Floß-Regatta gegen die Schließung eines Kohlekraftwerks von sich reden machte, in die Herberge des Stuttgarter Theaters Rampe zugeschaltet. Drei Wochen arbeiten dort Performance-Künstler und Theoretiker aus aller Welt zusammen. Sie bewegen sich in den Spuren von Gregor Gog, der an Pfingsten 1929 500 Landstreicher, mittellose Künstler und Obdachlosen auf dem Stuttgarter Killesberg um sich versammelte. Kurz vor der Weltwirtschaftskrise erkundeten diese Heimatlosen, die sich selbst "Kunden" nannten, neue Lebensformen.

Kreativen-Volksküche

"Seid Ihr für Kreativität oder für Widerstand?", fragt Jordan, der zurzeit in der Bretagne ein Camp und eine Schule für kreativen Widerstand organisiert. Die Kreativen bewegen sich nach links zur Volksküche, die Widerständler versammeln sich um das Piano. Spontan verteilen sich die Besucher im Bühnenraum, der zum Herbergssalon umfunktioniert ist. Neben der Leinwand steht der Koch Marcus Bergmann und bereitet ein äthiopisches Gericht mit Bohnen und Rindfleisch zu. Es riecht nach gedünsteten Zwiebeln.

vagabunden1 560 gregoria gog uGerade "Herberge für alle": das Theater Rampe in Stuttgart © Gregoria Gog

Leben und Kunst wollen die Organisatorinnen Tanja Krone und Wanja Saatkamp in dem Projekt verknüpfen. Beide untersuchen das Leben von Menschen am Rande der Gesellschaft, haben die Krise in Europa mit theatralen Mitteln erforscht. Künstler und theoretische Köpfe diskutieren über Konzepte ästhetischer Freiheit. In Events im Stadtraum stellen sie ihre Arbeit vor. Dabei orientiert sich die Kuratorin Tanja Krone am historischen Vorbild, zitiert bei der Eröffnung lustvoll aus Gregor Gogs Reden und Pamphleten. "Jeder kann Gregoria Gog sein", findet die Performerin und Musikerin, die sich seit Wochen auf Facebook eine zweite Identität schafft. Zum Auftakt des Kongresses ist sie in einen lila Rock nebst Seidenbluse geschlüpft, die Mode der 20er-Jahre zitieren.

Obdachlosen-Rekonstruktion

Die in der Stadt vergessene Lokalgeschichte des Vagabunden-Kongresses verlieren die Initiatorinnen Tanja Krone und Rampe-Intendantin Martina Grohmann nicht aus dem Blick. Deshalb ist zur Eröffnung Klaus Trappmann angereist. Der Filmemacher und Pädagoge aus Berlin hat für einen Dokumentarfilm in den 1980er-Jahren ehemalige Teilnehmer der Veranstaltung von 1929 aufgespürt. "Sie waren über ganz Europa verstreut und führen ein bürgerliches Leben." Was die Männer und Frauen über Hunger und Not in den Tagen der Inflation erzählen, geht unter die Haut. Für romantischen Kitsch vom "glücklichen Streuner" ist da kein Platz.

Politische Wirklichkeit und die ungerechten ökonomische Strukturen sind Triebfeder der Projekte. "Bei uns in Russland gibt es offiziell keine Obdachlosen, das wird unterdrückt", sagt die Videokünstlerin und Feministin Taisia Krugovykh. Deshalb will sie mit ihrem Partner Vasiliy Bogatov "das Leben eines Obdachlosen in Plastiktüten" rekonstruieren. Die Künstlerin, die in Moskau lebt, hat einen Film über die subversiven Aktionen von Pussy Riot gemacht. Sie setzt auf Sozialkritik. Menschen auf der Straße, die ins Netz von Organhändlern oder Verbrechern geraten können, will sie "ein Gesicht geben". Wie einst Robin Hood will der finnische Volkswirtschaftler Akseli Virtanen ein Büro eröffnen, um das Geld seiner Kunden zu vermehren. Mit seinen Aktionen will er "die Finanzwirtschaft mit den eigenen Waffen schlagen". Den politischen Widerstand unterstützt der Niederländer Artúr van Balen mit aufblasbaren Gegenständen. Ein riesiger Hammer, den er für mexikanische Demonstranten schuf, ist zwar geplatzt. Mit Aktionen wie dieser macht er in den Medien weltweit von sich reden.

vagabunden 560 emeier uMit den Füßen mal am, mal im Planschbecken: Anne Lipphardt mit TeilnehmerInnen
© Elisabeth Maier

Auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität wagen die Kongressteilnehmer. In dem vom Urban-Gardening-Kollektiv "Grüne Insel" mit Pflanzkästen dekorierten Hof des Theaters Rampe, das sich sein Domizil mit der Zahnradbahn teilt, dachte die Freiburger Juniorprofessorin Anne Lipphardt über die "Nomaden-Existenz heutiger Künstler" nach. Mit den Füßen im blauen Planschbecken referierte die Kulturanthropologin über Netzwerke in aller Welt, "die das einfache Jetten und die günstigen Flugpreise möglich machen". Die Neuauflage des Vagabunden-Kongresses schafft den internationalen Künstlern nun Raum, Projekte und Diskurse anzustoßen.

 

Vagabundenkongress
Idee und Konzept: Tanja Krone und Martina Grohmann, Kuratorin: Tanja Krone, künstlerische Leitung: Wanja Saatkamp.
Mit: Marcus Bergmann, Azul Blaseotto, Vasily Bogatov, Alex Demirovic, Yvonne P. Doderer, Florin Flueras, Gregoria Gog, John Jordan, Taisiya Krugovykh, Maurizio Lazzarato, Andreas Liebmann, Anna Lipphardt, Brian Massumi, Eduardo Molinari, Siyabonga Mthembu, Peter Pal Pelbart, Karl Philipps, Alina Popa, Aya Tarek, Maria Tengarinha, Justin Time, Klaus Trappmann, Artúr van Balen, Akseli Virtanen, Raul Zelin, Tobias Yves Zintel, u.v.a.

www.theaterrampe.de

   

 
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