Generation Balkan-Golf 

20. Dezember 2024. In seinem autobiografisch grundierten Roman "Radio  Sarajevo" erzählt Tijan Sila von seiner Kindheit im Krieg Anfang der 1990er Jahre. Sarajevo steht in Flammen, der zehnjährige Tijan lernt zu überleben. Der junge Regisseur Redjep Hajder hat den Stoff jetzt auf die Bühne gebracht.

Von Wolfgang Reitzammer

Tijan Silas "Radio Sarajevo" von Redjep Hajder inszeniert am Theater Ingolstadt © Björn Hickmann

20. Dezember 2024. VW-Golfs der Baureihe 1 sind heute immer noch häufig gesehene Kult-Autos auf den Straßen von Sarajevo. Deshalb ist es auch ein treffender Einfall, dass Lisa Chiara Kohler ein türkisfarbenes Modell dieses Automobilklassikers auf die kleine Bühne des Ingolstädter Herzogkastens gewuchtet und damit ein zentrales Bild-Symbol für "Radio Sarajevo", die Dramatisierung des Romans von Tijan Sila gesetzt hat.

Sechs Personen und ein Auto

Bei dem bejahrten Diesel-Stinker aus den späten 1970er Jahren funktionieren die Scheinwerfer und Scheibenwischer noch tadellos. Ansonsten lässt sich aus dem Oldie eine höchst variable Spielfläche und ein kreatives, schweißtreibendes Spielzeug machen.

Alle sechs Akteure, die mit wechselnden Rollen die wichtigsten Personen aus Silas Roman verkörpern, passen eng zusammengepfercht in die Blechkiste. Mit der Heckklappe lassen sich Granaten-Einschläge und Gewehrschüsse simulieren. Die Kühlerhaube dient auch als perkussives Schlagwerk, im Kofferraum können pubertäre Jugendliche onanieren, auf dem Dach und im Innenraum werden Schlüsselszenen nachgespielt.

Eskapistische Traumwelten

Silas 2023 erschienener Roman ist ein autobiografischer Rückblick auf seine Zeit als etwa elfjähriger Jugendlicher während der Balkankriege (1991 bis 1996). Zentrales Anliegen des Romans und damit auch der Bühnenbearbeitung ist die ungebrochen aktuelle Frage "Was macht ein Krieg mit den Menschen?"

Die Antworten sind differenziert: "Wir stumpften immer mehr ab", das heißt man verliert die Errungenschaften der Zivilisation, man ist auf bloße Sicherung der kläglichen Existenz fixiert und man flüchtet in eskapistische Traumwelten mit Kleber-Schnüffeleien, mit einer Penis-Attrappe und mit hartem West-Rock, der im titelgebenden Radio Sarajevo gespielt wurde. Wenn wirklich Batterien vorhanden sind, können die Jugendlichen zu Judas Priest und Bon Jovi abrocken und mit intensivem Headbanging skandieren: "You got to fight for your right to party!" - so sieht echte Bombenstimmung aus!

RadioSarajevo 3 BjoernHickmannVerbeultes Auto, verbeulte Seelen: Marc Simon Delfs, Matthias Zajgier, Florian Mania + Sarah Schulze © Björn Hickmann

Dieses vom Krieg gezeichnete Sarajevo ist aber nicht nur ein verbeulter Oldtimer, es ähnelt auch einem abstürzenden Flugzeug und einem schwarzen Wald mit dem Tod als Jäger – Bilder vom Autor Silas, die die bewusst reduzierte Inszenierung nicht einblenden kann - oder will.

Schnell getaktete Bühnenszenen

Florian Mania geht ziemlich souverän mit der anstrengenden Doppelrolle als Hauptperson Tijan und als reflektierender Ich-Erzähler um, manchmal nehmen die epischen Passagen etwas den Schwung aus der ansonsten kurzweiligen Aufführung. Dramaturgin Dinah Wiedemann hat mit gutem Blick auf das Original die Transkription ins Dramatische besorgt und damit dem jungen Regisseur Redjep Hajder ein solides Textmaterial für schnell getaktete Bühnen-Szenen geliefert.

Sehnsuchtsort Deutschland

Peter Reisser und Sarah Schulze-Tenberge spielen (meist) Tijans Eltern, die als Bildungsbürger zu Außenseitern in einer vom Recht des Stärkeren geprägten Kriegs-Gesellschaft werden und bald die Flucht nach dem Sehnsuchtsort Deutschland planen. Doch das ruhige Mannheim, das im Roman als "eine bankrotte, arme Stadt" beschrieben wird, "die Häuser zugesprüht mit Graffitis … die Straßen voller Unrat", gerät für die beiden zur pathologischen Endstation.

In einem nachdenklichen, dem Ablauf des Romans folgenden Epilog kehrt Tijan nach 25 Jahren noch einmal nach Sarajevo zurück und muss von früheren Freunden erfahren: "Der Krieg hat niemals aufgehört." So löst der neue Ingolstädter Intendant Oliver Brunner auch mit dieser Produktion seine angekündigte Programmatik des politischen Theaters mit interkultureller Ausrichtung ein, er bietet Nachwuchs-Talenten unter dem Motto "New Works" eine Chance und ermöglicht den Zuschauern einen weiteren lohnenden Erfahrungs-Baustein in Zeiten zunehmender Kriege und fataler Flucht-Geschichten.

Radio Sarajevo
nach dem Roman von Tijan Sila
Uraufführung
Regie: Redjep Hajder, Bühnenfassung: Dinah Wiedemann, Bühne und Kostüme: Lisa Chiara Kohler, Musik: Balthasar Wörner, Dramaturgie: Dinah Wiedemann, Sonja Walter, Licht: Esteban Nuñez
Mit: Florian Mania, Sarah Schulze-Tenberge, Peter Reisser, Jan Gebauer, Matthias Zajgier, Marc Simon Delfs.
Premiere am 19. Dezember 2024
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

theater.ingolstadt.de

Siehe auch Robert Luffs Nachtkritik zu Identitti am Theater Ingolstadt.

Kritikenrundschau

"Das Bühnenbild ist einfach (und) bestechend: ein VW Golf I", so Anja Witzke im Donaukurier (21.12.2024). Das Auto genieße im Bosnien bis heute noch Kultstatus. "Zugleich ist er eine Metapher für die Flucht". "Radio Sarajevo" nicht nur von einer Kindheit im Bosnienkrieg, sondern auch von Emigration. Die Bühnenfassung sei klug aus dem Roman extrahiert. Regisseur Redjep Hajder übersetze die Sprache aus Wucht und Poesie in eine spielerische Ästhetik, die einen sofort gefangen nehme. Fazit: "Ein eindrucksvolles Plädoyer gegen den Krieg. Und ein berührender Abend! Unbedingt anschauen!"

Dass der Abend so gut funktioniert, ist aus Sicht von Isabella Kreim vom Kulturkanal Ingolstadt (20.12.2024) in erster Linie der genialen Idee der Ausstatterin Lisa Chiara Kohler zu verdanken, einen alten Golf 1 auf die Bühne zu stellen. Denn das Schrottauto könne zugleich Schutzraum und gefährlicher Straßen-Spielplatz für die vielen Schauplätze der Gesschichte sein. Dem ganzen Abend bescheinigt die Kritikerin einen großartigen Flow "zwischen dem blutigen Erstn der Gesamtsituation und den kindlichen Üerlebensfreuden".

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