Marat/Sade - Residenztheater München
Kimchi klebt am Schuh
22. März 2026. Die Frage nach einer gerechten Welt durchzieht Peter Weiss' "Marat/Sade". Regisseurin Claudia Bossard versetzt das Stück auf eine unaufgeräumte Bühne vulgo in eine unordentliche Welt. Aufgeräumt wird in diesem Wimmelbild nur symbolisch – und Kohlköpfe mit dem Beil zerhackt.
Von Martin Jost
Peter Weiss' "Marat/Sade" von Claudia Bossard inszeniert am Residenztheater München © Sandra Then
22. März 2024. Peter Weiss' Stück ist aktuell im Sinne von zeitlos. Sozialismus oder Kapitalismus – Gleichheit und Gerechtigkeit oder Selbstverwirklichung durch Stärke, was ist besser? Als "Marat/Sade" 1964 uraufgeführt wurde, schien die Entscheidung über den Sieg des einen oder des anderen ideologischen Blocks vielleicht näher als heute. Weiss lässt den Marquis de Sade, einen Überlebenden der Französischen Revolution, den Mord an Jean Paul Marat nachspielen, einem Märtyrer der Revolution. Die historischen Ereignisse bilden den Rahmen ab für eine politische Debatte zwischen Sade und Marat.
Der Marquis streitet für den Individualismus, für eine Gesellschaft, in der Einzelne sich durch ihre Verdienste hervortun können. Sein Mitpatient in der Rolle des Marat argumentiert für die Orthodoxie der Revolution: Für das Ziel der Gleichheit müsse nun mal Blut fließen.
Wie in einem besetzten Haus
Bezeichnend, dass in Peter Weiss' Text der Ort, an dem eine Debatte über das beste Gesellschaftssystem Raum hat, eine Irrenanstalt ist. Würde man seine Regieanweisungen beim Wort nehmen, müssten unzählige Figuren die Bühne bevölkern, darunter Anstaltspersonal, das die "irren" Laiendarsteller immer wieder einfängt, festhält oder beruhigt. Regisseurin Claudia Bossard verlegt "Marat/Sade" im Marstall des Residenztheaters in eine kahle, vermüllte Bude. Wir könnten uns in einem besetzten Haus befinden. Das Ensemble ist auf sechs Figuren eingedampft, "gesunde" Autoritätspersonen fehlen ganz.
Abhängen in der Irrenanstalt: Jacques Roux (Florian Jahr), de Sade (Steven Scharf) und der Ausrufer (Nicola Mastroberardino" in Claudia Bossards "Marat/Sade" © Sandra Then
Der Ausrufer und Marats Lebensgefährtin Simonne verschmelzen zu einem abgeranzten Punker in löchrigen Strumpfhosen (Nicola Mastroberardino). Jacques Roux (Florian Jahr) ist ein bärtiger Zausel, Duperret (Vincent zur Linden) trägt Gelfrisur und Halstattoo. Charlotte Corday (Liliane Amuat) ist meistens so depri und müde, dass man meint, sie müsste die Revolution verschlafen, aber je näher sie an ihren Einsatz als Marats Mörderin kommt, desto unberechenbarer wird sie.
Marat (Lukas Rüppel) wirkt wie Trotzki in Cord und de Sade (Steven Scharf) trägt die meiste Zeit einen blauen Zweiteiler von Adidas (Kostüme: Andy Besuch). Maske, Kostüme und Manierismen passen allen wie angegossen. Von Schluffigkeiten bis Anspannung füllen die Schauspieler*innen ihre Figuren ununterbrochen aus. In welches Gesicht wir auch blicken, immer spielt sich etwas ab. Die zwei Stunden Dauerpräsenz – alle sechs sind schon auf der Bühne, als wir den Marstall betreten – bewirken keine Spielmüdigkeit.
Postideologisches Wimmelbild
Weiss' Text ist einerseits eine sehr verkopfte Übung. Andererseits war der Autor auch bildender Künstler und geht so weit, in den Regieanweisungen konkrete Tableaus abzurufen. So soll Marat im Sterben ausdrücklich das Gemälde von Jacques-Louis David nachstellen. Bossard und ihr Ensemble verwandeln das Stück in ein Wimmelbild aus irren Momenten, Musikeinlagen, Kabbeleien und Gerammel. Da plumpst ein Laserdrucker in die Badewanne und lässt die Lampen flackern, warum nicht. Wenn Marat und de Sade sich auf ein fleckiges Sofa quetschen und ins Mikro sprechen, fallen sie in den Duktus von zwei Podcast-Bros. Scharf und Rüppel lassen Weiss' Blankverse klingen, als suchten sie spontan einen guten Gedanken.
Aufräumen tut Not: Bühnenbild von Romy Springsguth für "Marat/Sade" © Sandra Then
Das Ensemble bewegt sich in einer ranzigen, abgenutzten WG voller Sperrmüll-Mobiliar. Die Bühne von Romy Springsguth ist nicht einfach unordentlich, sie ist voll wie eine Wohnung, in der seit Jahren niemand Bock auf Aufräumen hatte. Ständig klebt jemandem was am Schuh oder man stolpert über Gerümpel. Kohlköpfe werden in der Luft mit dem Beil zerteilt. Sie stehen für die massenhaften Hinrichtungen, für die Marat verantwortlich gemacht wird. Aber was hat es mit den Kimchi-Kanistern auf sich, die überall herumstehen? Gären hier die Opfer der Revolution vor sich hin? Wir bekommen mehr Motive serviert, als wir verdauen können.
Alle Fragen offen
In der Bilderflut präparieren Marat und de Sade ihre Monologe über ihre je bevorzugte Gesellschaftsform. Natürlich kommen sie weder zu einer Lösung noch zu einer Übereinkunft. "Es war unsre Absicht in den Dialogen/ Antithesen auszuproben […] Jedoch finde ich wie ichs auch dreh und wende/ in unserm Drama zu keinem Ende", sagte Sade im Epilog. Der Zweifel und die Ratlosigkeit darüber, ob und wie eine bessere Welt für alle Menschen zu schaffen sei, ist das Zeitlose an dem Stück.
Der Ausrufer/Simonne zieht den Vorhang zu, doch die Traverse hängt schief und kaum ist die Bühne kurz verdeckt, rasselt der Vorhang aus seiner Schiene und fällt zu Boden. Nicht mal auf den künstlichen Schluss des Theaterstücks kann man sich verlassen. Erst 2018 lief "Marat/Sade" in der Inszenierung von Tina Lanik am Resi. Es war schon wieder höchste Zeit, uns unserer Ratlosigkeit zu versichern.
Marat/Sade
Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade
von Peter Weiss
Inszenierung: Claudia Bossard, Bühne: Romy Springsguth, Kostüme: Andy Besuch, Musik: Alexander Yannilos.
Mit: Steven Scharf, Lukas Rüppel, Liliane Amuat, Vincent zur Linden, Florian Jahr, Nicola Mastroberardino.
Premiere am 21. März 2026
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
www.residenztheater.de
Kritikenrundschau
"Es ist alles sehr frei, sehr fluide an diesem Abend. Das Ensemble spielt das Stück im Zustand ostentativer Entspannung, lässt Zeit auf der Bühne vergehen, gibt sich einem Spiel hin, das ans linke Theater der Sechziger und Siebziger erinnert, sich aber auch an die Postmoderne anschmiegt", schreibt Michael Stadler in der Abendzeitung (23.3.2026). "Trotz der Vielzahl an Regie-Ideen, die Claudia Bossard ihrem zu jeder Frechheit bereiten Ensemble zum Fraß hinwirft, wirkt ihre erste Residenztheater-Inszenierung seltsam aus der Zeit gefallen. 'Marat/Sade' bleibt ein Fall für die Theatermottenkiste, wenngleich sie und ihr Team einigen Spaß aus dem Stoff herausholen."
"Bossard hat im Marstall des Bayerischen Staatsschauspiels einen grandiosen, fordernden, intelligent-witzigen, aber im Kern deprimierenden Abend gestaltet", schreibt Yvonne Poppek in der Süddeutschen Zeitung (23.3.3036) und sah "kein karges Debattentheater, sondern ein Spiel mit hohem Schauwert."
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