Wechseldusche heiß-kalt

10. Juni 2024. Wie umkreisen internationale Dramatiker*innen das Thema Wahrheit, wenn viele sicher geglaubte Wahrheiten sich auflösen? Was bedeutet dieser Verlust in Kriegs- und Krisenzeiten für das Verhältnis von Eltern und Kindern? Das Münchner Festival Welt/Bühne gibt Auskunft.

Von Sabine Leucht

"Lysistrata macht Urlaub" beim Festival Welt/Bühne am Münchner Residenztheater © Zhamilya Sakhari

10. Juni 2024. Ein ganz schöner Brocken, ein Wechselbad der Gefühle – und der Blick auf die ersten Ergebnisse der Europawahl in der Pause tut das seinige dazu. Es kann einem gleichzeitig heiß und kalt werden, wenn man die rechten Parteien erstarken sieht und sich anschließend im Münchner Marstall umschaut. Es sind einige, aber zu wenige gekommen (und davon gehören viele zur Veranstaltung), um elf Autor*innen zuzuhören, die sich schreibend um die "Wahrheit" bemühen und es sich damit alles andere als leicht machen. 

Wütende Lektionen

"Was ist Wahrheit?" hat das Festival "Welt/Bühne" alle Dramatiker*innen gefragt, die seit 2019 eine Residenz am Bayerischen Staatsschauspiel innehatten. Damals hat das Residenztheater unter der neuen Leitung von Andreas Beck die zuvor eher lose Veranstaltungsreihe übernommen. Seitdem sind die vom Goethe-Institut unterstützten internationalen Lesungen und Gastspiele zeitlich gebündelt – und vor allem gibt es zweimonatige Residenzen in München, in denen neue Texte und Netzwerke entstehen. Coronabedingt ist die aktuelle "Welt/Bühne" erst die zweite dieser Art.

Und schon treten Deepika Arwind aus Indien und Koleka Putuma aus Südafrika gemeinsam aufs Podium, um uns eine wütende und traurige Lektion in Critical Whiteness zu halten. "warum ich gerne weiß wäre?" heißt die – und auch wenn die blutigen Schlachtfelder, die sie in ihrem historischen und geografischen Zickzackkurs durchstreifen, viele sind, der Tenor ist klar: Wahrheit ist eine Frage der Erzählperspektive, und die ist allzu oft eine weiße: "Who needs the truth when you have a story?"

Elastische Wahrheiten

Die anderen Texte an diesem langen Abend stammen von Schreibenden aus Afrika, Osteuropa und Südamerika, aber auch aus Israel und dem Iran. In vielen von ihnen wird die Wahrheit als elastisch oder bereits gebeugt beschrieben, als das, was sozial etabliert ist oder gefährlich: "Sprich die Wahrheit und du wirst mit leerem Magen schlafen", lautet ein Sprichwort in der ugandischen Sprache Luganda. Es geht an diesem dritten Welt/Bühnen-Abend um die Kraft komplexer Erzählungen für die Überlebenden des Völkermords in Ruanda und um Wahrheiten, denen man mit einem Hammer nachhelfen muss.

Welt Buehne Sohn Mutter 1 C Zhamilya Sakhari uZweifel als Weg zur Wahrheit: "Sohn einer Mutter. Mutter eines Sohnes" © Zhamilya Sakhari

Nicht alle Texte sind offen politisch. Die Autor*innen haben viele Gewänder, in die sie ihre Anliegen kleiden. Um die Vielfalt ihre Stilmittel und Ästhetiken muss man sich nicht sorgen. Und auch nicht um ihren Mut. Selbst wenn sie das Politsche über Bande spielen wie die in der Schweiz lebende Ukrainerin Natalia Blok, auf deren Liste von Wahrheiten, deren Anerkennung unliebsame Folgen nach sich ziehen, die Untreue ihres Partners gleich neben der Erkenntnis steht "dass das russische Brudervolk die Ukrainer hasst". Aber, schnippt sie ins Publikum, das mit meinem Partner finden sie interessanter?

Pooyan Bagherzadeh stammt aus dem Iran und empfiehlt aus seiner Erfahrung im Nahen Osten den Zweifel als Weg zur Wahrheit. Auch wenn sie unerreichbar scheint: "Der Zweifel gibt ihr die Chance, sich zu zeigen". Von ihm stammt auch eine der beiden erstmals im Rahmen der "Welt/Bühne" umgesetzten Werkstattinszenierungen, die ins Repertoire des Residenztheaters übergehen.

Parallelführung der Lebensbereiche

"Sohn einer Mutter. Mutter eines Sohns" hat Bagherzadeh selbst inszeniert. Nichts ist darin zu viel und alles Rhythmus – auf der Bühne wie im Text, der zwei Lebensbeichten parallel führt. In Farsi, erfährt man im Nachgespräch, beginnt jede Passage mit dem Wort, mit dem die davor geendet hat. Der Satzbau im Deutschen gibt das nicht her, aber der Übersetzer Aydin Alijenad hat eine Lösung gefunden, bei der man nichts vermisst. Sie heißt: Verbale Engführung und Überlappung; die Erwähnung von Apfelbäumen und Himbeersträuchern etwa wiederholt sich oft. Auch wenn die einen im Norden des Iran und die anderen in einem Dorf in Deutschland wachsen. Pujan Sadri ist der Sohn, der das Land verlassen hat, Evelyne Gugolz die alleine zurückgebliebene Mutter. Und sie spielen das beide so brüchig wie präzise. In ihren gemeinsamen Videocalls sieht man ihre Gesichter in Großaufnahme auf der Bühnenrückwand und kann die Liebe wie die Furcht in ihren Mund- und Augenwinkeln sehen. Nur wenn sie einzeln ins Publikum sprechen, kommt ans Licht, was sie voreinander verheimlichen: Gesundheitliche Probleme, drückende gesellschaftliche Normen.

Toxisch wird ihr Verhältnis trotzdem: Da ist die Mutter, die sagt "Mir geht es nur gut, wenn es dir gut geht" und sich eine Zukunft als tollste Großmutter der Welt imaginiert. Und da ist der Sohn, der nach Deutschland geht, weil er ihren Traum nicht zerstören will. Denn Nima ist schwul, will diese Wahrheit seiner Mutter nicht zumuten und zerstört damit viel mehr, nämlich auch seine Liebesbeziehung.

Welt Buehne Sohn Mutter 3 C Zhamilya Sakhari uDrückende gesellschaftliche Normen: Evelyne Gugolz © Zhamilya Sakhari

Am Rande dieses komplexen Kraftfeldes aus Selbstverleugnung und tiefwurzelnden Schuldgefühlen tauchen wie sanft glimmende Orientierungsmarker auch die politischen Verhältnisse im Iran auf: Eine zurückliegende Inhaftierung von Nima, der als Journalist immer abwägen muss, welche Wahrheit die politische Wirklichkeit gerade verträgt, oder die Aktivitäten seiner Eltern während der Revolution. Und doch fühlt sich der Kernkonflikt schmerzhaft nahe und vertraut an, leider inklusive des auf Selbstaufopferung beruhenden Frauen- und Mutterbildes.

Ein acht Monate langer Tag

Ganz anders die zweite Werkstattinszenierung: Verbal greifen die Stücke, die künftig als Double Feature gezeigt werden, glatt ineinander. Die letzten Worte in "Sohn einer Mutter…" sind "Mama" und "mein Sohn". Das erste und letzte Wort in "Lysistrata macht Urlaub" ist "Papa": Denn hier stehen Vater und Tochter auf der Bühne, die sich die Sätze aus der Rückhand kühl und knapp übers Netz chippen. Die gegensätzlichen Spielweisen demonstrieren von Anfang an, wie groß der Abstand zwischen ihnen ist. Max Mayer und Vassilissa Reznikoff bleiben in der Inszenierung des ukrainischen Autors Olexandr Seredin in ihren Ausdrucksmanierismen gefangen. Mayer zuckelt wie eine dieser aufziehbaren Blechfiguren über die kupferfarbene schiefe Ebene, sie verströmt sich in girlandigen Hand- und Armbewegungen, girlyhaft sirrend, aber mit kaltem Lächeln.

Und manieriert ist auch das Stück, das einen abgewandelten Gedanken aus Aristophanes' "Lysistrata" ins absurde Theater à la Beckett überführt. Der Vater kommt aus dem Krieg und steht für dessen Kodex der Gewalt. Die Tochter will auf einer griechischen Insel mit einem Taubstummen, der nichts vom Krieg weiß, ein "menschliches" Kind zeugen. Während die antike Lysistrata das Schlachten beendete, indem sie den Frauen von Sparta und Athen zum Sex-Streik riet, textet die neue ihren Vater mit Sex-Talk zu, der seinerseits haarsträubende Geschichten von Fischaugen erzählt, die er in den Kopf ihres Geliebten implantiert hat.

Welt Buehne Lysistrata macht Urlaub 3 C Zhamilya Sakhari uEin Baum à la Beckett: "Lysistrata macht Urlaub" © Zhamilya Sakhari

Womöglich ist da eine Inzest-Geschichte im Busch, vielleicht identifiziert sich Seredin aber auch mit den beiden so unterschiedlichen Deserteuren. Seit zwei Jahren lebt er fern seiner ukrainischen Heimat und mag sich in Deutschland wie auf einer Insel fühlen, in der alle ihre Augen und Ohren vor der Wahrheit des Krieges verschließen. Und doch ist sein Kodex längst hier. Der Hass, die Gewalt. Man wählt rechts.

Zurück zur Mammutlesung am Sonntag, in der es am Ende noch einmal richtig zur Sache geht. Erst balanciert der polnische Dramatiker Beniamin M. Bukowski mit seiner wirtschaftswissenschaftlichen Lecture zum Wert der Kunst und wie man ihn am besten steigert hart auf der Abbruchkante zwischen Satire und Zynismus. Jetzt zum Beispiel AfD-nahes Theater zu machen, was immer das sein mag, könnte künftig wertsteigernd sein.

Gleich danach und zum Abschluss lädt Noa Lazar-Keinan aus Israel zu einer "Schlafmeditation" "nach einem Tag, der sich jetzt schon acht Monate hinzieht": Der Text flüstert Entspannungsmantras im Wechsel mit Horrorszenarien, lässt ein traumatisiertes Kind im Schutzraum vor dem inneren Auge erscheinen und schiebt den Dank für den Schutzraum hinterher – "jenseits der Grenze haben sie noch nicht mal das". Es ist ein heißkalter Text voll bitterer Komik, der zum Finale auf die Selbstabschaffung des Menschen hofft, aber lieber erst nach dem eigenen Tod. Und auch Resi-Ensemblemitglied Lisa Stiegler, die neben der Autorin sitzend gelesen hat, scheint am Ende mit den Tränen zu kämpfen.

Ein ganz schöner Brocken, ein Wechselbad der Gefühle. Doch man muss sich dem aussetzen, um nicht stumpf zu werden. Wenigstens in Kunstform.

 

Welt/Bühne
Festival für internationale Gegenwartsdramatik
7. bis 14. Juni 2024

www.residenztheater.de

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