Kabale und Hiebe

6. Oktober 2023. Ein großes Gegiere und Gefummel: Bei Jessica Weisskirchen wird Ewald Palmetshofers Intrigenspiel zum SM-Trip in der Folterkammer. Die königliche Schamkapsel glitzert hell, doch die alte Frage bleibt: Wo genau wohnt hier die Liebe?

Von Georg Kasch

"Edward II. Die Liebe bin ich" am Deutschen Theater Berlin, Regie Jessica Weisskirchen © Thomas Aurin

6. Oktober 2023. Als irgendwann die Hundemasken auftauchen, natürlich auf den Köpfen der geifernden Peers, sind viele andere Fetischinsignien schon durchgespielt: Lack und Leder, Bondage und Peitsche, Strapse und Korsett. Dazu Handschellen, Seile, Kerzenwachs, ein Schnuller mit Brillanten-Brosche außen. Die Kostüme Günter Hans Wolf Lemkes sind irre Kreuzungen aus BDSM-Uniformen und Amtsroben, für die er explodierte Geschlechter- und Gesellschaftsrollen neu zusammengesetzt hat. Sieht wirklich gut aus!

Individualisten von heute

Nur wozu? Gespielt wird in der kleinen Box des Deutschen Theaters Ewald Palmetshofers "Edward II. Die Liebe bin ich". Palmetshofer überschreibt damit Christopher Marlowes Historie von 1592 um jenen englischen König, der die Herrschaft und das Leben verlor, weil er seinen Günstling Gaveston über alle anderen erhob. Marlowe wollte zeigen, wie einem schlechten Herrscher die Macht zerbröselt, weil er sie leichtfertig verspielt.

Palmetshofer setzt in seinem 2015 uraufgeführten Stück den Fokus neu: auf die Liebe (wie der Titel betont). Er schafft Individualisten von heute, auch wenn es immer noch eine Königin, einen Bischof und Hofstaatreste gibt, die versuchen, den Liebhaber des Königs loszuwerden und die Ordnung von Hof, Kirche, Bett wiederherzustellen. Hilft nichts. "Ich will", sagt der König trotzig. Und eben: "Die Liebe bin ich." Nicht: Die Liebe sind wir. Zuletzt hat Pınar Karabulut diese große Selbstsuche und Selbstbespiegelung in ihrer Kölner Theater-Film-Serie bildgewaltig in Szene gesetzt.

Edward 2 Thomas AurinBei Hof, bei Höll: Katrija Lehmann, Mathilda Switala, Max Krause, Jonas Hien © Thomas Aurin

Regisseurin Jessica Weißkirchen will nicht die Politik und nicht die (Selbst-)Liebe, sie will Macht durch Sex. Also inszeniert sie Edward als König über eine Folterkammer: lackroter Boden, Ketten an den Seiten, hinten steht ein grober Thron vor drei gotischen Bögen. Vorn aber liegt in einem voluminösen Ganzkörperlederanzug mit prominent glitzernder Schamkapsel Edward aufgebahrt.

Drumherum scharwenzeln die Peers, die ihm bald, da er erwacht und sich zumindest teilweise freimacht, wortwörtlich die Füße lecken. Ohne Erfolg. Edward will nur Gaveston, und man versteht schon, warum: Weil Lenz Moretti eine irritierende, gefährliche Aura verströmt, uneindeutig bleibt im Meer der Eindeutigkeiten.

An die Wäsche und an die Gurgeln

Palmetshofer behauptet, dass sich König und Günstling wirklich lieben. Hier aber verkeilen die beiden sich ineinander wie später mit allen anderen auch. Küsse und Bisse, (Todes-)Kampf und Sex sind von Anfang an nicht zu unterscheiden, heterosexuelles nicht von queerem Begehren. Stattdessen sabbern und gieren alle nach allen, gehen sich an die Wäsche und die Gurgeln. Ob Mathilda Switalas kokett-görige Königin, Max Krauses ganymedhafter Mortimer als Oberkomplotteur, Katrija Lehmanns und Jonas Hiens intrigante Peers – sie alle verschwimmen im Machtkampf gegen Gaveston und Edward zu einem Gesicht. Selbst Jens Kochs König Edward, anfangs noch eine herrlich barocke Queen mit Fingerspitzenballett, geht bald die Lust an Details aus. Hübsch sind Party-Voguing und der queere Feier-Hit Unholy, helfen aber auch nicht, den einmal gesetzten Ton zu durchbrechen.

Wollen die nur spielen?

Schnell verliert man das Interesse an den Figuren, die sich nicht runden wollen, am Konflikt, der nie so richtig in die Spur kommt. Bei all dem Gegiere und Gefummel fragt man sich bald, was die eigentlich wollen. Wirklich Macht? Sex? Oder nur spielen? Einmal, rund um die Absetzung des Königs, wird es kurz spannend. Und wann immer Edwards Sohn, bald Edward III., seinen Auftritt hat: Cai Cohrs entwickelt sich so rasant und lässig zum neuen Kinder-Tyrannen, dass man noch mal richtig wach wird.

Edward 3 Thomas AurinFummeln und Intrigieren: Jens Koch, Lenz Moretti, Katrija Lehmann, Jonas Hien, Max Krause © Thomas Aurin

Der Punkt beim BDSM ist übrigens, dass es strenge Regeln und Verabredungen gibt, damit niemand ernsthaft verletzt wird. Der (oder die) Dom sorgt für die Sicherheit des (oder der) Sub. Hier aber gibt's nur ein Hauen und Stechen, ein Schlagen und Treten. Mit Konsequenzen: So viele echte Schrammen, Wunden, blaue Flecken bei nahezu allen Beteiligten waren lange nicht mehr auf der Bühne zu sehen. Wo ist eigentlich der Intimitätskoordinator, wenn man ihn braucht?

 

Edward II. Die Liebe bin ich
von Ewald Palmetshofer nach Christopher Marlowe
Regie: Jessica Weisskirchen, Bühne und Kostüme: Günter Hans Wolf Lemke, Choreografie: Hannes-Michael Bronczkowski, Dramaturgie: Christopher-Fares Köhler, Künstlerische Produktionsleitung: Julia Plickat.
Mit: Jens Koch, Lenz Moretti, Mathilda Switala, Max Krause, Katrija Lehmann, Jonas Hien, Cai Cohrs, Caspar Nekrasov, Ilja van Urk.
Premiere am 5. Oktober 2023
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

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Kritikenrundschau

Jessica Weisskirchen "lässt ihrem Ensemble viel Raum und Spaß an der Sache - und hat der Szenerie ein paar schöne Ideen hinzugefügt, darunter ein gut choreographiertes Gemeuchel, das vom bekannten 'Blumenduett' aus Léo Delibes' Oper 'Lakmé' so stimmig untermalt wird, als säße man in einem Tarantino-Film", schreibt Felix Müller in der Berliner Morgenpost (7.10.2023) "Und doch beginnt sich das alles nach etwa einer Stunde ein wenig zu dehnen. Warum? Weil man weiß, was kommt – und ahnt, wie es gezeigt werden wird? Liegt es an den Figuren, die man schärfer hätte profilieren können? Oder daran, dass die Vorlage zwar reichlich Wortwitz, aber keinen wirklich soliden Spannungsbogen aufweist? Man hätte dem armen Edward in seinem ledernen Ganzkörperanzug jedenfalls etwas mehr Drama gewünscht."

Jessica Weisskirchen begrabe das Stück unter Sadomasofantasien, so Michael Wolf in der taz (10.10.2023). "Es ist dem Engagement des siebenköpfigen Ensembles zu verdanken, dass man in den ersten dreißig Minuten kaum mitbekommt, dass ihre Figuren null Motivation für all ihre Intrigen, Ränkespiele und Kriege haben dürften. Aber danach, als der Groschen gefallen ist, dauert der Abend eben noch eine gute Stunde."

Kommentare  
Edward II., Berlin: Triggertheater
Das klingt ja nach Triggertheater für die AfD. Wie fantasielos.
Edward II., Berlin: Toxische Spannung
Das ehrwürdige Deutsche Theater gets kinky. Bühnen- und Kostümbildner Günter Hans Wolf Lemke verwandelt die kleine Box in einen Fetisch-Sex-Club voller Eisenketten, Lack und Leder. Die Spieler*innen tragen Leder und Lack, genderfluide Röcke und andere exzentrische Kreationen, mit denen sie an der KitKatClub-Tür keinerlei Probleme haben dürften, beim Premierenpublikum am DT aber mehrfach für Raunen sorgen.

Beeindruckend ist die Konsequenz, mit der das künstlerische Team diese Produktion bis ins kleinste Detail durchzieht. Vom Knebel der Königin Isabella (UdK-Absolventin Mathilda Switala) über das Spanking des Intriganten Mortimer (Max Krause) bis zu den Hundemasken und Dogtraining-Leinen, an denen er und die beiden Peers (Katrija Lehmann, aus Graz mitgekommen, und Jonas Hien, neu vom Schauspielhaus HH nach Berlin gewechselt) über die Bühne gezogen werden, fehlt kaum ein Accessoire aus der phantasievollen Welt des Soft-SM.

Dieses für ein Staatstheater überraschende Setting dient dazu, die eine, sehr eindeutige These des 100minütigen Abends zu illustrieren: der Hof von König Edward (Jens Koch, aus Karlsruhe ans DT gewechselt) ist ein Intrigenstadl, in dem jeder gegen jeden kämpft, nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Alle gieren nach Sex und Macht. Die toxische Spannung aus Lust, Konkurrenzkampf und Unterwerfung gelingt am besten in den Duellen zwischen dem jungen Liebhaber Gaveston (Lenz Moretti) und seinem schärfsten Rivalen Mortimer (Krause).

Die beiden taxieren sich mit Blicken und bedränken sich in Nahkampfduellen. Wie die Regisseurin und ihr Bühnenbildner arbeiten sie erstmals am Haus. Moretti, Sohn des Burgtheater- und Fernsehstars, kommt frisch von der Schauspielschule ins DT-Ensemble. Krause machte seine Ausbildung in München, trat an Lilienthals Kammerspielen und zuletzt auch in Zürich in Choreographien von Trajal Harrell auf und überzeugte in den vergangenen Jahren mehrfach in tragenden Rollen in den ARD-Sonntagskrimis „Tatort“ und „Polizeiruf 110“. Mit seiner Mischung aus lauernder Aggressivität und Verletzlichkeit ist er eine sehr gute Besetzung für diesen Theaterabend und hoffentlich noch öfter auf Berliner Bühnen zu sehen. Hier wirkte er bisher nur in einer Volksbühnen-Installation von Susanne Kennedy mit.

Zum Kritikpunkt, dass die Rollen der Intrigant*innen austauschbar seien, sich die Figuren nicht entwickelten und sich alles in einem großen Intrigen-Knäuel verknote: Genau das ist die Grundidee und Kernaussage des Abends: hier sind alle gleich verkommen und nur nach noch mehr Sex und Macht aus. Man kann kritisieren, dass diese Aussage nicht sehr komplex ist. Aber diese These zu bebildern, ist dem sehenswerten Abend auf dem engen Raum der kleinsten Spielstätte geglückt.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2023/10/06/edward-ii-die-liebe-bin-ich-deutsches-theater-berlin-kritik/
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