Prima Facie - Deutsches Theater Berlin
Unrecht und Gesetz
18. September 2023. Suzie Millers MeToo-Monolog "Prima Facie" war schon ein Broadway-Hit und wird in den nächsten Wochen an zig deutschsprachigen Theatern gespielt. Er erzählt von einer Anwältin für Sexualdelikte, die selbst Opfer wird. In Berlin läuft das Stück im Eröffnungsreigen der neuen DT-Intendanz. Mit Mercy Dorcas Otieno, inszeniert von András Dömötör. Eindrucksvoll.
Von Sophie Diesselhorst
Mercy Dorcas Otieno in "Prima Facie" am Deutschen Theater Berlin © Thomas Aurin
18. September 2023. Fünf Minuten vor Schluss tritt auf einmal eine zweite Person auf die Bühne und bleibt an der Seite stehen. Sie ist nur dazu da, Mercy Dorcas Otieno davon zu erlösen, zum Publikum sprechen zu müssen. Vor einem großen Lichtpanel hatte sie, wie aus der Zukunft kommend, ein furioses Plädoyer dafür gehalten, dass die Rechtsprechung geändert werden muss: Von Männern gemachte Gesetze, ein von Männern gemachtes Rechtssystem versagt in steter Regelmäßigkeit für Frauen, die Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind.
Dann bricht sie zusammen und fällt wieder hinein in ihre eigene Opfergeschichte, wendet sich ab vom Publikum, der Öffentlichkeit, und spricht die letzten Worte in den Safe Space hinein, den die stille Zuhörerin herstellt: Ihr Plädoyer ändert nichts daran, dass sie sich anstellt in der langen Reihe vergewaltiger Frauen, denen nicht geglaubt und deren Vergewaltiger am Ende freigesprochen wird.
Top-Anwältin wird selber Opfer
Und man glaubt's ihr, geht dank der starken Schauspielerin eine weitere Wendung mit mit dieser ebenfalls starken Figur, die anfangs eher klischeehaft gezeichnet ist. Mercy Dorcas Otieno betritt die Bühne tänzelnd als Showmaster ihrer Kunst: Sie ist eine erfolgreiche junge Anwältin, die ihre Mandanten im Kreuzverhör zuverlässig raushaut. Ihr Spezialfach: MeToo. Genießerisch zieht sie in ihrem Reenactment eines typischen Kreuzverhörs alle Register, die ihr zur Verfügung stehen, um eine Zeugin und Klägerin gründlich zu verunsichern und unglaubhaft zu machen.
Der Stolz scheint Tessa, so der Name der Anwältin, aus allen Knopflöchern ihres gelben Hosenanzugs, und weiter geht's im "Suits"-Modus – mit den Kanzlei-Kolleg:innen wird der Erfolg gefeiert, aber nicht zu sehr, denn morgens um acht sitzt sie "fit nach zwei Soja Latte" wieder in ihrem Büro, um die nächsten Fälle vorzubereiten.
Empowerment und intensive Einfühlung: Mercy Dorcas Otieno spielt das Solo "Prima Facie" © Thomas Aurin
Aus Überstunden ergeben sich Affären am Arbeitsplatz, und so bandelt Tessa mit einem Anwaltskollegen an, aber nur sehr kurz: Denn gleich beim ersten Date, ein vorheriger One-Night-Stand auf der Bürocouch nicht mitgerechnet, vergewaltigt er sie – und schreibt ihr, die die eigene Wohnung danach fluchtartig verließ und völlig traumatisiert durch die Straßen irrt, am Morgen danach eine aufgeräumte SMS, ob sie etwa schon zur Arbeit aufgebrochen sei. So tun, als wäre nichts passiert: Ein Narrativ, das von dem Rechtssystem, in dem Tessa sich vorher so souverän bewegt hat, unterstützt wird, wie sie schmerzhaft am eigenen Leib erfahren muss.
Traumatisierendes Kreuzverhör
Dabei macht sie alles richtig: Als die SMS auf ihrem Telefon pingt, sitzt sie bereits auf der Polizeistation und erstattet Anzeige. Keinen Moment lang versucht sie, sich selbst zuzuschreiben, was geschehen ist. Sie schweigt auch nicht aus Scham, sondern sie spricht mit ihrer Mutter. Sie wechselt innerhalb der Kanzlei die Abteilung, ein Angebot, das ihr zufällig kurz vorher gemacht wurde. Sie ist erleichtert, ihrem Vergewaltiger auf dem Flur nicht zufällig begegnen zu müssen. Aber sie arbeitet weiter. Was in ihrem Innenleben vorgeht in den mehr als zwei Jahren, bevor es endlich zum Prozess kommt, überlässt Suzie Millers Stück weitestgehend der Fantasie des Publikums.
Im Spirit des Empowerment arbeitet das Stück an jeder Kurve dagegen, seine Protagonistin zum Opfer zu machen. Umso klarer wird, wer sie tatsächlich zum Opfer gemacht hat: Der, der ihr Unrecht angetan hat und am Ende freigesprochen wird – dank des "Prima Facie" oder auch Anscheinsbeweises, der in solchen Fällen, wo es normalerweise nur zwei Zeugen gibt, das Loophole für gute Anwälte bildet, um ein ohnenhin traumatisiertes Vergewaltigungsopfer im Moment der Retraumatisierung so gründlich zu verunsichern, dass es sich in den Widersprüchen der eigenen Erinnerung verstrickt.
Kein Stück für die winzige Box
Suzie Millers Stück hat eine klare Message: Die Rechtsprechung muss geändert werden, damit sich Fälle wie der hier geschilderte nicht immer weiter wiederholen. Das Stück, das 2019 in Sydney uraufgeführt wurde und in London und am Broadway Erfolge feierte, steht auch im deutschsprachigen Raum in dieser Saison auf vielen Spielplänen. Dass das Deutsche Theater Berlin es nicht im intimen Raum der kleinen Box bringt, sondern auf der großen Bühne der Kammerspiele, ist ein Statement. Und es funktioniert: In der zurückhaltenden Inszenierung von András Dömötör, die mit sparsamen Requisiten arbeitet und sich auf Lichteffekte und wenige Kostümwechsel beschränkt, läuft Mercy Dorcas Otieno zu Hochform auf.
Ihre Tessa ist eine Kämpferin, die nicht vergisst, dass sie einmal Profiteurin des Systems war, unter dessen Räder sie jetzt gerät. So wie Tessa im Kreuzverhör die Register zog, zieht Otieno aus ruhigem Kraftzentrum verschiedenste Register ihrer Figur und wechselt von Null auf Hundert zwischen der cocky Erfolgsfrau, dem kichernden Telefonat mit der Freundin, dem schwierigen Besuch bei der Mutter und eben vor allem: zwischen Verteidigerin und Anklägerin im Rechtssystem. Sie rettet die Figur per Intensiv-Einfühlung vor der Plakativität, die auch in ihr schlummert. Und sie macht damit ihr Anliegen so dringlich, dass es den Kunstgriff mit der stummen Zuhörerin zum Schluss beinahe braucht, um wieder wachgerüttelt zu werden: Wir waren im Theater. Diesmal war es abgründig welthaltig.
Prima Facie
von Suzie Miller
Deutsch von Anne Rabe
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: András Dömötör, Bühne und Kostüme: Moïra Gilliéron, Musik: Tamás Matkó, Dramaturgie: Jasmin Maghames.
Mit: Mercy Dorcas Otieno.
Premiere am 17. September 2023
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.deutschestheater.de
Kritikenrundschau
András Dömötör inszeniere "schnörkellos im auf wenige Leuchtelemente und drei Hocker auf Rädern reduzierten Bühnenbild von Moïra Gilliéron", bescheinigt Fabian Wallmeier auf rbb24 (18.9.2023). Er setze "ganz auf seine Darstellerin", die "in allen Facetten in die Vollen" gehe und den Abend "mühelos" trage. Mercy Dorcas Otieno mache Vorfreude darauf, "was in künftigen Inszenierungen von ihr am DT zu sehen sehen wird".
"Die rhetorische Finesse des Monologs könnte einen in erhellende Bredouillen treiben, die eine neue Sensibilität für MeToo und die vielen aktuell anhängigen und in den Medien rauf- und runterdiskutierten Verdachtsfälle schaffen", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (18.9.2023). Die Inszenierung mache allerdings "den Fehler, sich darauf zu verlassen, dass die Dramatikerin, dass die Hauptfigur auch für den Zuschauer von Anfang an im Recht sein muss". Daraus folge dann "Botschafts- und Rechthabertheater", findet der Kritiker.
"Die Fronten sind klar, die gesinnungsstarke Aufführung wird als Empowerment-Manifest zur Fortsetzung eines Flugblatts mit theatralischen Mitteln", findet Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (19.9.2023). Die "starke Schauspielerin" Mercy Dorcas Otieno müsse den arg plakativen Text retten.
Das "ziemlich hölzerne Stück über sexuelle Gewalt" werfe die Frage auf, was Einvernehmlichkeit bedeutet, zumal wenn im Gerichtssaal Aussage gegen Aussage stehe, Frau gegen Mann, so Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.9.2023). In der Inszenierung von András Dömötör spiele Mercy Dorcas Otieno "mit Gefühl und Leidenschaft" die Topjuristin Tessa. "Leider ist sie trotz des Mikroports oft schwer zu verstehen, wirkt im Lauf des rund hundertminütigen Abends merklich überfordert, wodurch es dem Publikum nicht gerade leichter gemacht wird, den juristischen Volten des Stücks zu folgen."
"Eine gute Wahl" findet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (19.9.2023) den Text. Regisseur András Dömötör und die Ausstatterin Moira Gilliérron überließen ihrer Schauspielerin das Feld: "Mercy Dorcas Otieno stellt uns die Szenerie im Gerichtssaal plastisch vor Augen, schmerzhaft deutlich, als würde sie von der Rolle rückhaltlos übernommen."
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Sehr zeigefingerhaft mündet „Prima Facie“ in eine Abrechnung mit dem männlich geprägten Rechtssystem. Mit aller Wucht positioniert sich der Text sehr eindeutig in den Grauzonen sexueller Übergriffe, die vor Gericht oft zu Schlammschlachten werden und aus Mangel an eindeutigen Beweisen in vielen Fällen mit Freisprüchen enden. Keine Frage: das Stück trifft einen wichtigen, diskussionswürdigen Punkt. Das Problem ist aber, dass der Abend jenseits seines „Fuck Patriarchy“-Furors keine Antwort anbietet, wie denn ein Strafverfahren und Rechtssystem konkret aussehen könnte, das diese höchst intimen Vorfälle, bei denen Aussage gegen Aussage steht, zweifelsfrei aufklären und ahnden könnte.
Zur Lounge- und Jazz-Musik von Tamás Matkó tänzelt die Schauspielerin Mercy Dorcas Otieno auf die fast leere Bühne. Sie wirft sich in die emotionale Achterbahnfahrt ihrer Figur: anfangs selbstbewusst-breitschultrige Top-Anwältin im Business-Kostüm, die aus einfachen Verhältnissen aufstieg und es allen gezeigt hat, nach einer kurzen Schwarzblende im zweiten Teil aufgewühltes, sich unter dem Druck des Kreuzverhörs in Widersprüche verstrickendes Vergewaltigungsopfer, das schließlich am eigenen Berufsstand (ver)zweifelt.
Otieno spielt die Rolle voller Leidenschaft und mit beeindruckender Körpersprache. In ihrer Wut verschluckt sie allerdings zu oft Silben, so dass die Textverständlichkeit vor allem in der ersten Hälfte etwas litt.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2023/09/19/prima-facie-deutsches-theater-kritik/
Die Frage Konrad Köglers an dieser Stelle ist nur allzu verständlich; und gewiß haben auch die Stimmen ihr Recht, die dem Stück eine gewisse Plakativität vorhalten, aber zweierlei steht auch außer Frage und macht dieses Stück mit noch größerem Recht zu einem Stück der Stunde: 1. Es hatte durchaus schon eine ganz praktische Wirkung auf das englische Jurysystem und zwar betreffs einer speziellen Schulung der Jury bezüglich dieser "Sie sagt, er sagt"- Konstellationen. 2. Es bietet einfach unglaublich gutes Futter für eine Schauspielerin, nicht umsonst hat Lea Ruckpaul zuletzt den Therese-Giehse-Preis 2025 für ihre Tessa Jane Ensler erhalten und Katharina Schüttler den Rolf-Mares-Preis 2024 (für ihre Tessa Jane Ensler in Milena Mönchs Inszenierung an den Hamburger Kammerspielen, die ich gestern sehen durfte, nun aber wohl Derniere hatte).
Ich muß an dieser Stelle die Hamburger Kammerspiele ausdrücklich loben, denn sie gehen hinsichtlich der MeToo-Fragestellungen, hier der Reformbedürftigkeit patriarchaler
Rechtsstrukturen, offensiv ins Feld, beispielsweise gerade in der laufenden Woche gleich mit zwei Stücken zu dem Komplex, da am 17.10. und 18.10. auch "Sie sagt, er sagt" von Ferdinand von Schirach auf dem Programmzettel (noch 6 weitere Termine bis zum 27.11)
steht. Problembewußt, liebevoll und lesenswert sind im übrigen dabei auch die Stückhefte zu "Prima Facie" und "Sie sagt, er sagt", die ua. beide Beiträge der Anwältin und Buchautorin Christina Clemm enthalten und so quasi aus einem Guss sind.
Es geht um viel mehr als das, was in Gerichtssälen erreichbar ist..
Normalerweise ist es ja eher so, daß man Kritiken liest, um sich ein wenig zu orientieren, was man sich so anschaut, nun ja, und dann gibt es seltene Theaterabende, die getrost als "Sternstunde" (nicht "nur" des jeweiligen Theaters) zu bezeichnen sind, von denen aus einem Kommentar heraus es beinahe heißen muß: "Kritikerinnen und Kritiker kommt nach Kiel, denn hier ist mit Tiffany Köberich nicht weniger zu erleben als eine heiße Anwärterin für die beste Schauspielerin 2025/26 in TheaterHeute etcpp. !!"
Nicht umsonst beginnen die Kritiken dazu, die ich bisher las (Sebastian Schack lieferte am Sonntag für "Kielerleben" eine regelrechte Nachtkritik dazu ab, was ebenfalls zu würdigen ist) mit dem Ende der Inszenierung: Tiffany Köberich war noch nicht einmal von der Bühne abgetreten, das Licht nach ihrem bewegenden Finale noch nicht einmal erloschen, und es brauste der Applaus auf, einhellig, ja, es schienen mir tatsächlich alle im Publikum mit einem gemeinsamen Ruck aufzustehen zu langanhaltenden Standing Ovations (die soetwas von am Platze waren und sind). Die Gazette "Kielerleben" hält auch so manch ein Foto von dieser dritten Inszenierung Mona Kraushaars in Kiel (nach "Spieltrieb" und "Maria") vor, die tatsächlich an ein Theater als eine Gerechtigkeitsinstanz denken lässt, nicht weniger - und mit der Dramaturgin Kerstin Daiber gesprochen den Glauben an die Kraft des Theaters stärkt. Hingehen, einfach hingehen !!
Jedenfalls scheint der Tessa-Ensler-Monolog seit "Klamms Krieg" und "Welche Droge passt zu mir ?", den Kai Hensel-Stücken, einer der breitenwirksamsten zu sein (auch Schwerin wird in nächster Zeit eine Premiere erfahren). Wie schön wäre dazu auch eine breitere "Diskussion" ! Ist dieses Stück letztlich mehr als, wie ein kritischer Kollege und Premierentheaterbesucher am laufenden Band, mir heute mit auf den Weg gab , eine "Infragestellung Römischen Rechtes ohne Nennung von Alternativen", ist das alles nur
"Frontalunterricht mit wenig Sprachwitz" ?? Ich finde schon: gerade in Kiel, wo ja auch die Rechtsreformennuance von "Nein heißt NEIN" hin zu "Nur JA heißt Ja" recht stark akzentuiert auftritt..