Für immer faul, das will sie sein

11. Dezember 2025. Christiane Rösinger ist wieder am Theater! Nach ihrem Hit "Die große Klassenrevue" vor zweieinhalb Jahren besteigt die Musikerin erneut die Bühne – und bleibt direkt liegen. Aus dem Bett nämlich kommt Rösinger an ihrem neuen Abend kaum raus. Auch ein Akt des Widerstands.

Von Sophie Diesselhorst

"Leben im Liegen" von und mit Christiane Rösinger am HAU Berli © Dorothea Tuchn

11. Dezember 2025. Nicht, dass es überraschend wäre, dass ausgerechnet Christiane Rösinger liegenbleibt. Ihr Oeuvre strotzt nur so von Selbstporträts als Liegenbleiberin, allerdings wird die Antriebslosigkeit zum Beispiel auf ihrem Album "Songs of L. And Hate" (2010) schon eher in ein melancholisches Licht getaucht und sogar richtiggehend problematisiert, zum Beispiel wenn sie sich in "Es ist so arg" eine "melancholische Hypochondrie" diagnostiziert. 

Rösinger als Oblomow

Diese Zeiten sind vorbei, das ist ganz klar, sobald im HAU 1 der Vorhang aufgeht. Mit mildem Lächeln chillt Rösinger im Morgenmantel auf einem Bett, von dem sie sich im Verlauf des Abends auch nur aus guten dramaturgischen Gründen herunterbegeben wird. Was einst besorgniserregend war, ist zur stolz geownten Haltung herangewachsen.

Rösinger gibt den Oblomow, selbst der treue Diener Sachar (Andreas Schwarz) darf nicht fehlen, im ins heutige Berlin verlegten Setting ein Freund, dem die Wohnung gekündigt wurde (Eigenbedarf) und den die großherzige Künstlerin bei sich aufgenommen hat, nicht ohne von seinem Schuldgefühl zu profitieren. Er bringt ihr den Kaffee ans Bett, er macht die Tür auf, wenn Freunde zu Besuch kommen (ständig) und er ist seiner Abhängigkeit überdrüssig, zumal Oblomow-Rösinger selbst ja gar nichts für ihre Machtposition getan hat, als herumzuliegen und Glück zu haben (alter Mietvertrag).

Soziale Isolation ist nicht die Sache dieser Liegenbleiberin. Die Freund*innen, die sie besuchen kommen, rollen aus ihren jeweiligen Hamsterrädern in den mit opulenten Vorhängen gemütlich abgedunkelten Salon hinein und klagen ihr Leid über den Stress – als Mutter (Sila Davulcu), als Künstler (Minh Duc Pham), als etwas zu stark klischierte überzeugte Selbstoptimiererin (Doreen Kutzke). Bei Oblomow-Rösinger lösen sie mit ihren Leidensberichten mehr als ein Schulterzucken aus – in einem Anfall missionarischen Eifers steht sie vom Bett auf und leitet die Freund*innen zum "Liegen lernen" an, mit Demotivationstraining und einer Übung in "vollkommener Langeweile".

Neue und alte Rösinger-Hits

Dass sich aus dem Zulassen der Langeweile oft die beste Kunst ergibt, ist ein Gemeinplatz, der allerdings von Rösingers musikalischem Werk bestätigt wird. In dieses Werk tauchen die Performer*innen, alte und neue Wegbegleiter*innen Rösingers, zusammen ein und singen ein paar neue, aber vor allem viele alte Rösinger-Lieder, begleitet von einem Orchester, das mit auf der Bühne sitzt. Die Arrangements stammen von Albrecht Schrader und stehen Rösingers melancholischem, reduzierten Punksound erstaunlich gut, bringen die so gefühlsstarken wie lakonischen Lyrics noch einmal neu zum Klingen, so dass die Herzen im Publikum aufgehen und der lange in der Nische gebliebenen und natürlich trotzdem zur Legende gewordenen Künstlerin hier auch ein Denkmal errichtet wird. Sie bleibt dabei häufig im Hintergrund, auch wenn sie selbst mitsingt.

LebenImLiegen DorotheaTuch 28147Und plötzlich ist Bewegung drin: Ensemble um Christiane Rösinger © Dorothea Tuch

Wegen der Musik ist dieser Abend nicht zu lang und könnte noch weitergehen, bei der Premiere gab's auch immerhin eine Zugabe. Der Oblomow-Plot hingegen erschöpft sich dann schon irgendwann, selbst wenn er gegen Ende nochmal eine besonders schöne Blüte treibt, wenn Rösinger im Duett mit ihrem Enkel Gideon einen Battle zwischen Teenagern (Gen Z) und "Senagern" (Menschen zwischen 65 und 75, die sich noch nicht damit abfinden wollen, alt zu sein, ergo den schlimmsten Boomern) hinlegt. Es beginnt und mündet in der versöhnlichen Feststellung, dass die Antriebslosigkeit die beiden Lebensalter verbindet.

Der ironische halbe Meter

Mit der "Großen Klassenrevue" produzierte Rösinger vor anderthalb Jahren einen Theaterhit. "Leben im Liegen" baut jetzt sehr viel stärker auf die Subversion, für die Rösinger allerdings ja auch eine besondere Begabung hat. Als Schauspielerin steht sie immer einen ironischen halben Meter neben sich, aber ihre Mimik ist besonders in schweigenden oder singenden Momenten von einer charismatischen Offenheit und blendet die Melancholie nie aus, die immer dabei ist, die Selbstzweifel, die nie den Absprung finden; alles, was zwar hier auch immer wieder an- und ausgesprochen wird, aber eben im Show-Modus. So wie auch im Schlusslied "Sinnlos" ("Es ist alles so sinnlos"), das sie fröhlich im Chor singen. Ins Theater zu gehen, hat an diesem Abend aber doch Sinn gemacht.

Leben im Liegen
von Christiane Rösinger
Text, Komposition, Regie: Christiane Rösinger, Co-Regie: Greta Călinescu, Künstlerische Mitarbeit Regie: Stella Nikisch, Musikalische Leitung, Arrangements: Albrecht Schrader, Bühne: Barbara Lenartz, Kostüm: Svenja Gassen, Maske: Juli Schulz, Video und Live-Kamera: Kathrin Krottenthaler, Lichtdesign: Hendrik Borowski, Dramaturgie: Aenne Quiñones, Choreografie: Brigitte Cuvelier, Pole-Dance-Training: Yvonne Wadewitz, Künstlerische Mitarbeit: Ellias Hampe (Dramaturgie, Produktion), Aleix Ilusa (Kostüm), Rosina Zeus (Bühne), Übersetzung: Lyz Pfister (Panthea), Einrichtung und Operating Übertitel: Katrin Meyberg (Panthea), Ton und Sounddesign: Torsten Schwarzbach (HAU), Sounddesign: Thorsten Hoppe, Technische Leitung: Amina Nouns (HAU), Produktionsleitung: Chiara Galesi (HAU).
Mit: Sila Davulcu, Claudia Fierke, Doreen Kutzke, Minh Duc Pham, Christiane Rösinger, Gideon Rösinger, Andreas Schwarz, Das Orchester der Müdigkeit: Marleen Dahms, Sebastian Gieck, Jannis Gottschalk, Kristina Koropecki, Izzy Ment, Jean-Louise Parker, Albrecht Schrader, Liv Solveig, Lutz Streun, Marie Tjong-Ayong.
Premiere am 10. Dezember 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.hebbel-am-ufer.de

Kritikenrundschau

"Musiktheater als Gesellschaftsanalyse und Therapie. Diese Kombi kann eigentlich nur Christiane Rösinger", lobt Katja Kollmann in der taz (12.12.2025). "Der Pulsschlag passt sich an, Tiefenentspannung durchdringt jede Pore, während Hirn und Herz sich an den aufrichtigen Songs, die den Nagel auf den Kopf treffen, erfreuen. Rösinger schafft es mit ihrem rauen Charme, das Publikum mit purem Existenzialismus zu konfrontieren und gleichzeitig mit guter Energie aufzuladen."

Nicht ungern folgte Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (12.12.2025) "Christiane Rösingers gemütlichen Träumereien". Bisher habe Rösinger "mit ihren Pop-Musicals immer sehr direkt auf drängende, politische Problemlagen der Zeit und dieser Stadt reagiert". Aber auch an diesem Abend "versteht man, warum ihr altes Verweigerungsstück immer noch so aktuell ist". Denn was gäbe es "für schönere Widerstandstechniken gegen eine Zeit der überreizten Provokationen und disruptiven Willkür als die Pflege des Talents zu tiefster Langeweile und auch Demotivation?"

"Christiane Rösinger hat am HAU schon eine Reihe schöner musikalischer Abende inszeniert, zuletzt die 'Große Klassenrevue', die als Losung ausgab: Lieber mit billigem Sekt Richtung Altersarmut, als von den Champagnerresten der Herrschenden trinken. Was die beschwingt-beschwipste Gesellschaftskritik betrifft, ist 'Leben im Liegen' nicht ganz so zugespitzt wie die Vorgänger", befindet Patrick Wildermann vom Tagesspiegel (12.12.2025).

Elena Philipp schreibt in der Berliner Morgenpost (11.12.2025): "Scharfe politische Analysen werden hier nicht serviert, es geht ja vordringlich um Unterhaltung und eine Auszeit fürs dauergestresste, leistungsgeplagte Publikum. Als Sendbotschaft aus einem lebendigen, vom Zeitgeist bedrohten Milieu, das Berlin geprägt hat, ist 'Leben im Liegen' allemal sehenswert."

Ein "Müdigkeits-Musical" sah André Mumot für "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (10.12.2025), das "geschlossener" und auf eine erkennbare Geschichte orientiert wirke, und im Ganzen sehr "leichtfüßig" daherkomme, theatral allerdings eher "Laienspiel" sei. "Das ist keine große Theaterkunst, aber das will es eben auch nicht sein, und darin liegt der Charme."

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