Treppe hoch im Flamingogang

20. Juli 2025. Mit seinem avancierten Programm für junges Publikum bespielt die Schwankhalle Bremen in "Das Kinderparlament" vor der Sommerpause die Bremer Bürgerschaft. Eine Parlaments-Besetzung der freundlichen Art, in der das Regelwerk geändert und Verteilung geübt wird.

Von Tim Schomacker

"Das Kinderparlament" von Nathalie Forstman, Moira Meine und Ensemble in Kooperation der Schwankhalle Bremen mit dem M_KH (BDP-Mädchen_kulturhaus) und einer Bremer Grundschule © Manja Herrmann

20. Juli 2025. Kurz vor dem Ende baumelt an Kinderbeinen ein Paar leuchtend pinkoranger Socken über den Rand des in Braun furnierten Präsidiumspults. Das verstößt ganz bestimmt gegen das Protokoll, auch wenn dort eher die Sitz- als die Socken-Angelegenheiten genau geregelt sein dürften. Aber das Landesparlament hat Sitzungspause. Und dessen echte Präsidentin hat dem Kinderparlament Zugang gewährt zu diesem prominenten Stück Nachkriegsmoderne, mitten in Bremens guter Stube, wie man hier so sagt. Mithin dem formal wichtigsten Gebäude des kleinsten Bundeslandes. 

"Manchmal glauben wir, Politik beginnt auf Landkarten und endet in grauen Gebäuden", heißt es dazu nachdenklich im hineingesprochen Zuspiel, akustisch unterlegt mit Waldgeräuschen. Sowohl die Überlegungen zur Organisationsform von Bäumen, Pilzen und Wäldern als auch das hübsch vogelzwitschernde Sounddesign dürfte die denkmalgeschützte Sprechanlage im Haus der Bremischen Bürgerschaft gut durchgespült haben.

Eine andere Politik ist möglich

Bunte Masken und pointierte Kostümfarben streifen derweil durch den Plenarsaal; erscheinen, verschwinden, erscheinen wieder, bewegen sich, halten an in permanent neu komponierten Bildern. Mit sparsamen, aber prägnant performativen Mitteln setzt "Das Kinderparlament" eine relativ feste Form (die theatrale) in eine andere relativ feste Form (die parlamentarische). Der Modus ist fragend, erkundend – und freundlich. Wir haben es hier mit keiner Besetzung zu tun. Mit keiner karnevalesken Grelle. Dafür mit kindlicher (und so überhaupt gar nicht kindischer) Neugier. Mit Forderungen und Vorschlägen.

Wie eigentlich funktionieren Aushandlungsprozesse zur Geschäftsordnung der Welt? Im Großen und Globalen wie im Kleinen und Nahen des persönlich beteiligt Seins? Nach einer anarchischen "Kinderpolizei" (2022) und einem feinziselierten "Kindergericht" im vergangenen Jahr, schließt die Bremer Spiel- und Produktionsstätte Schwankhalle eine Trilogie der Gewaltenteilung ab. Jeweils aus ausgedehnten Workshops mit reichlich Kinder-Perspektive wurden elementare Säulen der hiesigen Grundstruktur gesellschaftlich-staatlicher Verfasstheit befragt und bespielt. Nun eben, abschließend und eigentlich die Chronologie umkehrend, die Gesetzgebung.

Spielerische Zugangsregeln 

Gemeinsam mit ihrem ebenso jungen wie spielfreudigen Ensemble werfen Nathalie Forstman und Moira Meine ein ganzes Blickbündel auf die Prinzipien des Parlamentarischen: Ist zu Beginn, mit locker von der denkmalgeschützen Treppe herab performten, immer länger und komplizierter werdenden Regelwerken eher das Haus mit seiner Würde und seinen Protokollen im Fokus, wird der Blick immer wieder neu auf- und angesetzt. Aushandlungsprozesse werden geübt in kurzen Workshops, praktizierte Sozialaktion auf Postkarten (Finden Sie mal ad hoc jemanden, bei dem oder der Sie sich gerade entschuldigen sollten – und das auch wollen und können…) oder spontan wechselnde Fraktionierung nach Spinat-Liebhaberei.

Kinderparlament2"No Krik": Aufnäher, der in einem der Workshops des Kinderparlaments entstanden ist © Schwankhalle Bremen

Der Zugang zum Parlament ist hier programmatisch nicht beschränkt. Es kann zwar sein, dass ein scannendes Einhorn sich wiehernd nach der täglichen Portion Müsli erkundigt und im Zweifel einem aufträgt, das besser nachzuholen. Es kann sein, dass man in stelzendem Storchengang, gegebenenfalls auch flamingoartig zehenspitzig, die Treppen bis ins obere Foyer bewältigen muss, so sind die Zugangsregeln. Aber rein und ran sollen prinzipiell alle kommen.

Übungen zur gerechten Verteilung 

Der Forderungskatalog des jungen Ensembles in Sachen Partizipation kommt dabei in der Sache deutlich, aber in der Form einladend bis samtpfotig daher. In verschiedenen, an Rimini-Formate erinnernden Workshops (mit Blick auf Marktplatz und Roland, Rathaus und Handelskammer, man sollte den Bezugsrahmen stets parat haben) geht es um gemeinsames Erzählen, Streitübungen mit Luftballons, programmatische Empathie-Einheiten und das Recht auf auch mal notwendige Null-Bock-Momente. Das ganze erstaunlich souverän moderiert von den jungen Darstellerinnen und Darstellern.

An der einen oder anderen Stelle könnte man sich gut etwas mehr Vertrauen in die eigene Courage und Komplexitätstoleranz wünschen: die Erwachsenen deutlicher zum Sprechen zu bringen (die sind nämlich ganz schön verdruckst manchmal). Oder als abschließendes Beispiel für einen Schnelldurchgang durchs Gesetzgebungsprozedere gern etwas nahe Liegendes nehmen – aber auch etwas Komplizierteres als die gerechte Süßigkeitenverteilung bei der Premierenfeier. Unterm Strich aber setzt die Schwankhalle mit dieser Produktion an prominentem Ort die eigene Tradition des Menschen-allen-Alters-ernst-Nehmens sehr kurzweilig fort.

Das Kinderparlament
Von Nathalie Forstman, Moira Meine und Ensemble
Regie: Nathalie Forstman, Moira Meine, Kostüme: Noa Noelani, Produktionsleitung: Heni Koch.
Mit: Linus Bothe, Matilda Brünjes, Laisa Carrea, Jönna Diens, Hedda Georgi, Julian Hollendung, Beeven Knoll, Hanne Lemb, Noah Niepel, Noah Petersen, Eleni Rabe, Isaiah Smiley.
Premiere am 19. Juli 2025
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.schankhalle.de

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