Jump Into The Void - Kampnagel Hamburg
Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos
25. Oktober 2024. Die Hamburger Gruppen JAJAJA und Hajusom kämpfen sich auf Kampnagel durch den Förderdschungel. Die Konkurrenz ist hart, denn nur die Besten sollen weiterproduzieren. Dann aber geschieht etwas Unerwartetes.
Von Falk Schreiber
Die Gruppen JAJAJA und Hajusom zeigen "Jump Into The Void" auf Kampnagel in Hamburg © Alexandra Polina
25. Oktober 2024. Post vom Amt. Die "Behörde für Kulturförderung" schreibt, "Fachbereich Relevanzprüfung aussterbender Berufe ohne Subventionsanspruch, Unterverwaltung der deutschen Kleinkunst- und Zirkusförderkommission EXI/25" (und wer die deutsche Amtssprache ein bisschen kennt, glaubt sofort, dass es solch eine Institution tatsächlich gibt). Es seien Einsparungen von mindestens 90 Prozent bei der Zirkusförderung geplant, überleben würden zukünftig nur die Besten, und auch bei denen sei fraglich, was man mit ihnen eigentlich anfangen wolle.
Jedenfalls sollen sich die "sehr geehrten Zirkusdirektor:innen" im Hamburger Produktionshaus Kampnagel einfinden, um dort mit einem einminütigen Pitch die eigene Förderrelevanz darzulegen. Wer die Prüfungskommission überzeugt, hat es geschafft, und auf die, die nicht überzeugen, wartet im Untergeschoss das "Remigrationszentrum".
Im Wartezimmer
Die Hamburger Ensembles JAJAJA (bestehend aus Iris Minich und Arvild J. Baud) und Hajusom (bestehend aus Menschen mit und ohne Fluchterfahrung) haben für "Jump Into The Void" einen bunten Abend in Zeiten der Mittelkürzungen entwickelt. Zunächst sitzen da klischeehaft ausgestattete Zirkusdirektor:innen mit Phantasieuniformen und Zylindern im Wartesaal, manche demonstrativ cool, andere aufgeregt, wieder andere beflissen, zwei (nämlich die JAJAJAs) kommen zu spät. Bis endlich ihre Wartenummern aufgerufen werden und sie ihre Zirkuskonzepte darlegen können.
Was aber wenig bringt: Bewertet werden sie von einer KI, und die ist ziemlich desinteressiert daran, wenn hoffnungsfrohe Menschen Förderprosa anbringen, erklären, was für einen wichtigen Beitrag ihr Zirkus für Integration und Gemeinschaft darstellt, oder welch interessantes ästhetisches Konzept sie verfolgen (wobei "im Lehmofen Kartoffeln backen" tatsächlich nicht besonders elektrisierend klingt).
Dann rechnet die KI, und die Artist:innen machen derweil, was Artist:innen eben so machen, während sie ratlos in der Zirkuskuppel warten: Zirkus. "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos" ist der Titel eines Alexander-Kluge-Films aus dem Jahr 1968, und auch wenn das bei "Jump Into The Void" so nicht ausgesprochen wird, geistert dessen Grundhaltung durch die Performance.
Die Spreu vom Weizen trennen
Jedenfalls entwickelt sich der Abend zu einer überraschend professionell choreografierten Show, mit Trapeznummern und Breakdance, ein Trampolin wird auf die Bühne gefahren, Windmaschinen pusten, und Viktor Marek tänzelt mit Sampler im Arm durchs Geschehen.
Aber Vorsicht: Das sieht spielerisch aus, aber wenn auf den Windmaschinen Bälle als hübsche Roboterjonglage tanzen, dann fallen natürlich immer wieder welche zu Boden. Die funktionieren nicht richtig, die sind aus dem Windkanal ausgeschert, die werden aussortiert.
Das Zirkusspiel in "Jump Into The Void" ist eines, das keine Gnade gegenüber Verlierer:innen kennt, und wenn die Artist:innen hier ihre Kunst zeigen, dann ist das kein Ausweg aus dem Förderdschungel, es ist nur eine Aktion, die man macht, weil man nicht weiß, was man sonst machen soll. Allerdings eine, die durchaus unterhält.
Keine Hoffnung
Im Zeitgenössischen Zirkus werden solch kritische Aspekte sehr wohl angesprochen. Vor einem halben Jahr etwa zeigte das britische Ensemble Upswing sein Stück Showdown im Berliner Chamäleon Varieté, in dem Artist:innen in einen gnadenlosen Konkurrenzkampf geschickt wurden. Die Situation bei JAJAJA und Hajusom ist eine ähnliche, auch weil die Performer:innen hier wie dort den Wettbewerb schließlich verweigern und sich solidarisieren. Doch Hoffnung macht "Jump Into The Void" trotzdem wenig – es mag hier nicht aggressiv zugehen, die Trostlosigkeit des bundesdeutschen Förderwesens steht der Kälte der angelsächsischen Entertainmentindustrie aber in nichts nach.
Immerhin: Am Ende wird die Konsole der KI umgeschmissen, so dass die Fördermacht nur noch beleidigt "Ich möchte jetzt wirklich, dass ihr geht" maulen kann. Bringt nur nichts, das Remigrationszentrum kennt keine Gnade, und dass die Hajusom-Performerin MOMO in der Hamburger Realität tatsächlich von Abschiebung bedroht ist, macht die Situation nicht angenehmer. Die politische Schärfe des so kurzen wie unterhaltsamen Abends aber wird so jedenfalls schmerzhaft deutlich.
Jump Into The Void
Von JAJAJA und Hajusom
Künstlerische Leitung und Performance: JAJAJA (Iris Minich und Arvild J. Baud), Choreografie: Cliff Tin Yeung Huen, Dramaturgische Begleitung: Fernanda Ortiz, Bühnenbild: JASCHA&FRANZ (Jascha Kretschmann, Franz Thöricht), Musik: Viktor Marek, Kostümbild: dancingsven, Art Director: Melike Bilir, Produktionsleitung: N.N / Lena Carle, Assistenz der künstlerischen Leitung: Florencia Lasch Macaya, Kostümassistenz: Inge Matida Jabbie, Controlling: Bernd Kroschewski, Grafik und Dokumentation: studio other types, Dokumentation/Video: Thea Seddig, Presse und Öffentlichkeitsarbeit: Hark Empen, Ehrenamt: Jasper Friedrich Tegtmeyer.
Ensemble Hajusom: Arman Marzak, Inge Matida Jabbie, Jasper Friedrich Tegtmeyer, Leonie Götz, Isaac Lokolong, MOMO, Stanley Dennis Robert Ebhodaghe, Katalina Götz, Taymaz Khadem Saba
Team Jump into the Void.
Premiere am 24. Oktober 2024
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause
www.kampnagel.de
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