Einschalten! Dranbleiben!

21. Dezember 2024. Rollenbilder, Liebeskummer, Identitätssuche: Das sind auch in Till Wiebels Coming-of-Age-Stück die wichtigsten Motive. Allerdings arbeitete hier die Drama Control mit, der in seiner Mitbestimmungskonsequenz noch ziemlich einmalige Kinder- und Jugendaufsichtsrat des Jungen Schauspielhauses Bochum. Mit sichtbarem Ergebnis.  

Von Sarah Heppekausen

"Vier Piloten" von Till Wiebel am Jungen Schauspielhaus Bochum © P L Z Z O

21. Dezember 2024. "Es war der erste Tag nach den Sommerferien und das Leben lag vor uns, als würde es uns ein Angebot machen wollen." Das ist so ein Satz, der Atmosphäre schafft. Neugier, Hoffnung, Aufregung, Freiheit. Ein Satz, der vermutlich zigfach in Jugendliteratur und für Jugendserien geschrieben wurde. Der aber trotzdem noch berührt. Vielleicht auch, weil er Erinnerungen an ein Lebensgefühl wachruft (beim älteren Publikum) oder weil er die Gegenwart beschreibt (fürs jüngere Publikum). Auf jeden Fall ist es ein filmreifer Anfang und ein Versprechen.

Obwohl "Versprochen" ja heutzutage genauso wenig Bedeutung hat wie "Sorry" – "echt gar keine mehr". So sagt es Korbinian, dessen Mutter ihm eigentlich einen anderen Namen gegeben hat, der aber nicht seiner ist. So beiläufig, aber nachhallend werden in "Vier Piloten" Identitätsfragen thematisiert. Szenen einer Jugend, so schnell, aber wirkungsstark sie in diesem Alter eben ablaufen.

Ergiebige Zusammenarbeit

Geschrieben hat sie Till Wiebel, Dramaturg am Jungen Schauspielhaus Hamburg, Autor und Regisseur, der sich – so steht es in seiner Biografie – meist auf die Arbeit mit und für junge Menschen fokussiert. 2021 erhielt er den Retzhofer Dramapreis in der Kategorie "Junges Publikum" für sein Stück "Funken", das Mina Salehpour am Theater an der Parkaue inszenierte. Sein neues Stück ist ein Auftragswerk des Schauspielhauses Bochum – und er hat es nicht allein verfasst.

Fürs Leben lernen an der "Wattenscheid High": Kinder und Jugendliche der Drama Control haben maßgeblich am Theaterabend mitgearbeitet © P L Z Z O

Neun Jugendliche der Drama Control haben daran mitgearbeitet. Die Drama Control ist der Kinder- und Jugendaufsichtsrat des Jungen Schauspielhauses und (noch) ziemlich einzigartig in seiner konsequenten Umsetzung. 15 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 22 Jahren bestimmen maßgeblich mit, wenn es um Programmgestaltung und Ausführung im Theaterrevier geht. Sie wollten Till Wiebel als Autor. Der hat sich darauf eingelassen und die Themen der jungen Menschen wunderbar dynamisch und direkt dramatisiert. Als "Outside-Eye" und kritische Stimme war die Drama Control regelmäßig bei den Proben. Und ja, die Zusammenarbeit hat gefruchtet. Beim Premierenapplaus steht eine Menge an jungen Menschen mit auf der Bühne, denen Macht abgegeben und damit Wertschätzung entgegengebracht wird.

Tönende Macht

Eben die wollen sich Sam und Gabriel im Stück mit einem Filmprojekt erarbeiten. Die beiden sind Zwillinge (der eine der bunte Schmetterling, der andere ein Hase in seinem Schatten), aus der Provinz zugezogen und neu an der Schule, die die Direktorin gerade von "Grüne Gesamtschule Ost" in "Wattenscheid High" umbenannt hat, weil das weltoffener klingt und sich die Sache mit der Nachhaltigkeit langfristig eh nicht durchsetzen wird. So schallt ihre Stimme durchs Mikro, denn ihr Gesicht bleibt ein unerkanntes in diesem Schüler*innenleben.

Eine tönende Macht, die sich die Fingernägel lackiert und mit der Vape spielt, während sie Umstrukturierungen verkündet und einen Wettbewerb für die beste Leistung einer AG. Zur Film-AG kommen Korbinian, der bei Alexander Wertmann schwarz gekleidet ist und düster denkt ("zerplatzte Träume, davon ernähre ich mich") und Richkid Skip dazu, den Victor IJdens lässig den Curling-Move schlurfen lässt, bevor er den anderen seine Seele öffnet. Curling ist die Sportart der Schule, Fächer wie Kunst, Musik und Theater wurden vom Lehrplan gestrichen. Die Curling-Umkleiden sind allerdings auch Tatort sexueller Gewalt und des Mobbings.

Vier Piloten c P L ZZ O 16Auf der Ich-Suche: Das Bochumer Ensemble in Nathalie Schatz' Bühnenbild © P L Z Z O

Die Inszenierung von Juli Mahid Carly switcht genussvoll zwischen komischen Momenten und bitteren. Ein Schlagabtausch von lustvoll ausgespieltem Slapstick und berührenden Erzählungen. Dominik Dos-Reis zeigt als Gabriel viel Stärke in der Verletzlichkeit. Marcel Jacqueline Gisdol ist eine Dramaqueen in grünen Fellboots, sucht im Rampenlicht aber vor allem die ungeteilte Aufmerksamkeit des Bruders. Es geht um Liebe und um den Schmerz vermisster Liebe, um Rollenbilder und Ich-Suche. Dafür hat Kevin Pieterse changierende Kostüme entworfen, die für die Tragenden Ausrufezeichen setzen. Sehr dunkel (Korbinian)! Sehr leger (Skip)! Sehr undefiniert definierend in Strumpfhose und Sakkojacke (Gabriel)! Jedes Kleidungsstück ist ein Statement, Sonnenbrille wie Ledermantel.

Sturm und Drang

Die eigentliche Kunst des Abends aber ist die Leichtigkeit, mit der die Darstellenden auch durch schwere Themen springen. Die Ernsthaftigkeit, mit der sie jugendlichen Sturm und Drang durchleiden. Der Witz, trotz dem sie die Dramen des Lebens nicht ins Lächerliche ziehen. Eine Serie zum Einschalten und Dranbleiben.

Vier Piloten
von Till Wiebel in Zusammenarbeit mit Drama Control
Regie: Juli Mahid Carly; Dramaturgie: Kat Heß; Outside Eye/Textmitarbeit: Drama Control (Annika Bode, Ariane Castella, Sam Dokoohaki, Jonathan Hornung, Henri Kidrowski, Godswill Madu, Finnja Negendank, Lema Sahin, Oleksii Stashchuck); Bühne: Nathalie Schatz, Kostüm: Kevin Pieterse, Video: Ann-Katrin Pauly, Lichtdesign: Hannes Koch.
Mit: Dominik Dos-Reis, Marcel Jacqueline Gisdol, Alexander Wertmann, Victor IJdens, Anna Drexler.
Premiere am 20. Dezember 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhausbochum.de
www.theaterrevier.de

Kritikenrundschau

"Clever erdacht" findet Sven Westerströer von der WAZ (24. 12.2024) das Stück, da es aus seiner Sicht viele Zuschauerschichten anspricht. "Die Älteren im Saal erinnern sich wehmütig an ihre Schulzeit, was durch eine Reihe von 80er- und 90er-Jahre-Hits noch verstärkt wird, während die Jüngeren einige ihrer eigenen Probleme wiedererkennen dürften. Es geht um Mobbing, Identitätsfindung und zerplatzte Träume – vor allem aber geht es um Freundschaft, Vertrauen und Zusammenhalt, denn die vier Jungs auf der Bühne sind eine saucoole Gang."

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