Vatermal - Theater Dortmund
Die posttraumatische Generation
23. März 2025. Der Autor Necati Öziri wuchs in der Nähe von Dortmund auf. Die Dortmunder Intendantin Julia Wissert holt seinen Roman "Vatermal" mit ihrer Adaption also quasi nach Hause. Und reichert ihn an – mit Goethe und dem Dortmunder Chor der Migrantinnen.
Von Max Florian Kühlem
"Vatermal" von Necati Öziri am Theater Dortmund © Birgit Hupfeld
23. März 2025. Es wirkt wie mitinszeniert, wenn am Ende von "Vatermal" im Schauspiel Dortmund gleich alle aufspringen und im Stehen jubeln. So toll war dieser Abend doch nun wirklich nicht? Oder hat man irgendwas nicht mitgekriegt, nicht verstanden, gehört nicht zur Zielgruppe? Politisch scheint die Premiere auf jeden Fall wichtig zu sein, denn in Reihe acht sitzt Claudia Roth, momentan noch Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Inszeniert hat Intendantin Julia Wissert selbst, die in Dortmund gelinde gesagt nicht unumstritten ist. Viele warten bis heute, dass der Knoten platzt und sich das Haus unter ihr, mit ihr freispielt.
Unter ihr hat es vergangenen Monat immerhin eine großartige "Antigone" gegeben. Mit ihr bleibt es eher angestrengt. Mit der Stückauswahl hat die Intendantin immerhin erstmal alles richtig gemacht: "Vatermal" ist der Debütroman des Theaterautors Necati Öziri, der in Datteln geboren wurde, also ein paar Kilometer nördlich von Dortmund, und auch im Ruhrgebiet aufwuchs. Er stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, gewann den Literaturpreis Ruhr, wurde in Berlin und Köln inszeniert. Den Roman jetzt für die Dortmunder Bühne zu adaptieren, ist also wie ihn nach Hause zu holen.
Sperriger Einstieg mit "Faust 2"
Eine gute Idee ist auch, den Chor des Migrantinnenvereins Dortmund ins Stück einzubinden. Er sorgt für tolle Momente mehrstimmigen Gesangs, transportiert verschiedene Facetten des Lebens im Exil – zwischen Melancholie und kämpferischer Solidarität. Und seine Mitglieder bringen natürlich viele Freund*innen und Verwandte mit, die am Ende zusammen mit Claudia Roth im Stehen jubeln.
Sorgt für tolle mehrstimmige Momente: Chor des Migrantinnenvereins Dortmund e.V. © Birgit Hupfeld
Aber was ist das für ein Einstieg in das Stück, wenn erst einmal Darsteller*innen im Großbild-Video in Keller-Katakomben zu sehen sind und Text aus "Faust 2" rezitieren? Es geht um Helena und Paris aus dem antiken Mythos. Das konnte doch damals schon der Lehrer im Deutsch-Leistungskurs nicht gut erklären, was die da eigentlich zu suchen haben. Und ja, man könnte jetzt sicher graben und würde Anknüpfungspunkte finden … Arda, der Protagonist des Stücks, erfüllt sich irgendwann den Traum, Literatur zu studieren, und verzweifelt im Roman (nicht im Stück) an einer vierstündigen Goethe-Inszenierung. Müssen deshalb die Dortmunder Zuschauer*innen auch an Goethe verzweifeln?
Rassistische Deutsche, verzweifelte Mutter
Zum Glück schält sich aus dem Kreise der Faust-Figuren bald Arda heraus und fällt in Ohnmacht. Er wacht im Krankenhaus auf mit einer Autoimmunkrankheit, die seine Leber angreift. Auch das ist so eine Sache: Im Text, der sogar auf die Bühne findet, sagt Arda: "Meine Leber hat beschlossen, nicht mehr mitzumachen. Das ist keine Metapher in einem Bildungsroman für Kanaken oder so." Das Programmheft von Dramaturg Jasco Viefhues sieht das anders: "Diese Krankheit dient als Metapher für Deutschland, das Arda nicht als Teil seiner Gesellschaft akzeptiert, sondern ihn ausgrenzt – als würde es einen Teil seiner eigenen Identität angreifen." Ja, was denn jetzt? Die Inszenierung entscheidet sich eindeutig für Bedeutungsschwere.
Der adidas-uniformierte "Chor der Deutschen": Sarah Quarshie, Mouataz Alshaltouh, Lukas Beeler, Alexander Darkow © Birgit Hupfeld
Das ausgrenzende Deutschland wird von einem "Chor der Deutschen" dargestellt. Drei Schauspieler*innen, die Schwarz-Rot-Gold tragen, zu Gigi D'Agostino abgehen wie die neureichen Sylter Partykids (deren Gesang dem Publikum allerdings erspart bleibt) und mal mehr und mal weniger offen rassistisch agieren. Subtil ist das nicht. Auch der Rolle der Mutter gehen Nuancen ab: Lucia Peraza Rios spielt sie als von der eigenen Flucht und der Beziehung zu einem Mann, der sie erst schlecht behandelt und dann abhaut, traumatisiert, leidend, sich Schmerz und Verlust permanent von der Seele schreiend.
Starkes Geschwisterpaar
Ein tolles Zentrum gibt hingegen Mouataz Alshaltouh als Arda ab. Er, der eigentlich leiden müsste, weil er im wahrsten Sinne des Wortes sterbenskrank ist und einen Brief an seinen Vater schreibt, den politischen Flüchtling, der in die Türkei zurückgegangen ist, bevor er ihn kennenlernen konnte, reagiert auf seine widrigen Umstände mit feinem Humor und Melancholie. Er ist ein Ruhepol in einer nervösen Inszenierung, die manchmal zerfasert und wie ein Puzzle wirkt, dessen Teile nicht so recht zusammenpassen wollen.
Vatermal und Mutterleiden: Lucia Peraza Rios, im Hintergrund: Chor des Migrantinnenvereins Dortmund e.V. © Birgit Hupfeld
Besonders stark ist er im Doppelpack mit Fabienne-Deniz Hammer, die seine Schwester Aylin spielt. Sie sind die Generation nach dem Trauma, das durch Armut oder politische Verfolgung erzwungene Migration ausgelöst haben. Sie machen sich keine Illusionen, aber ergeben sich auch nicht der Verzweiflung. "Mein Name ist Arda Kaya und es geht mir gut", sagt der Alshaltouh am Ende und der darauffolgende Jubel ist insofern ein Stückweit berechtigt, als dass die Inszenierung vom nervigen "Faust"-Beginn zu einem schönen Schlussbild gefunden hat.
Vatermal
Eine Familiengeschichte nach dem Roman von Necati Öziri
In einer Fassung von Julia Wissert und Jasco Viefhues
Regie: Julia Wissert, Bühne: Moïra Gilliéron, Kostüme: Nicola Gördes, Sounddesign: Yotam Schlezinger, Chorleitung: Kemal Dinç, Videokonzept und Animation: Parisa Karimi, Live-Kamera Bildgestaltung & Video-Koordination: Tobias Hoeft, Dramaturgie: Jasco Viefhues.
Mit: Mouataz Alshaltouh, Lukas Beeler, Ekkehard Freye, Lucia Peraza Rios, Fabienne-Deniz Hammer, Sarah Quarshie, Melek Erenay und dem Chor des Migrantinnenvereins Dortmund e.V.
Premiere am 22. März 2025
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
www.theaterdo.de
Kritikenrundschau
Julia Wisserts Bühnenfassung des Romans lasse "eine schlüssige, erschreckend nachvollziehbare Geschichte" auf der Bühne entstehen, schreibt Jens Dirksen in der WAZ (24.3.2025). Aber obwohl viele theatrale Mittel aufgefahren würden, werde kein Drama draus. "Nicht einmal so ein richtiges Stück Postdramatik. Selbst der rührende Moment, in dem Arda träumt, wie sich unter seinen Fingern das Vatermal im Gesicht ablöst, bleibt reine Erzählung."
"100 Prozent Weiterempfehlung für diesen bewegenden, herzergreifenden und amüsanten Abend" gibt Bettina Jäger in den Ruhr Nachrichten (24.3.2025). "Regisseurin Wissert stellt die Identifikationsfigur Arda im wahrsten Sinn des Wortes in die Mitte der Inszenierung. Schauspieler Mouataz Alshaltouh liefert hier eine unglaublich reife Leistung ab. Den Körper ganz offen zum Publikum gewendet, blickt er mit reicher Mimik und Gestik auf seinen Leidensweg zurück – ein ruhiger, kluger und abgeklärter Hiob, der durch eine Art riesiges Fenster in seine Vergangenheit springen kann." Bühne und "geschickt eingesetzte Videos" werden ebenfalls gelobt, und "der glockenklare Chor der Migrantinnen hebt das Geschehen auf tragisches Niveau." Einziges Manko: Die 110 Minuten hätten Längen, "wo dialogische Situationen fehlen".
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne
neueste kommentare >
-
Burn, Baby, Burn!, Hannover Sagenhaft gut
-
Die Quelle, Wien Bitte weitermachen
-
Fräulein Else, Wien Danke!
-
Über die Notwendigkeit, ... , Wiesbaden Super Abend
-
Fräulein Else, Wien Phänomenal
-
Irgendetwas ist passiert, Berlin Lauwarm
-
Theaterpodcast Investigativtheater Aufklärung?
-
Quelle, Wien Frontalunterricht
-
Bluets, Berlin Multifunktionsroboter
-
Quelle, WIen Andere Wahrnehmung





______
(Anm. Redaktion. Ein Anflug pauschalen Umsichschlagens ist aus dem Kommentar entfernt worden.)
Was die Intendanz betrifft, da gabs ja schon immer mindestens zwei Perspektiven, und die kritische konnte m.E. nach noch nie so richtig deutlich machen, was sie ihr eigentlich vorwirft, außer daß auch in Dortmund von einer weiblichen Person of Colour recht "normales" (problematischer Begriff, I know) Theater gemacht wird. Der Fokus in Dortmund geht freilich von einem anderen Teil deutscher Gesellschaft aus und schaut auch gern in andere Teile rein, aber sonst - Ästhetiken, Stoffe, bzw. Stoff-Montagen, Strukturen, professionelle Herkünfte etc. - alles recht Stadttheater, wie man es kennt. Ist es das, was ihr permanent vorgeworfen wird? Daß sie nicht überdurchschnittlich performt? Daß sie nicht die Erwartungshaltung der Ausnahme-Besetzung erfüllt, sondern in alle Register durchschnittlicher bis recht "okayer" und manchmal auch daneben treffender Regisseur:innen und Intendant:innen trifft?
Hmm. Zurück zum Text, der also mit Julia Wissert im Allgemeinen beginnt und dann mit dem Stück und seiner Kombi mit Faust 2 aufhört. Hier erzählt die Kritik sich eigentlich selbst, was die Setzung von Faust 2 am Anfang eigentlich will: vom "nervigen Faust-Beginn" zum unutopischen und doch sehr rührenden Freischwimmen der Figur von Arda Kaya.
Ich fand das eigentlich ganz rund und auch gar nicht so schwer einzuordnen. Aber vielleicht hab ich es mir ja auch zu leicht gemacht, das Oberstufentrauma ausgeblendet, und mich auf das sehr selbstverständliche zusammenwirken und gegenseitige Befragen von Realitäten eingelassen - vom Migrant:innen-Chor über Goethes Antikenbezug, und der ständigen Anwesenheit beider, bis hin zu Necati Öziris großartiger Geschichte und seiner Charaktere, die eben auch in allen Ebenen von Realität und der Geschichte, aus denen diese sich speisen, verhaftet sind.
Max Kühlem beschreibt einen mißglückten Abend meiner Meinung nach zutreffend und für mein Empfinden noch mehr als wohlwollend. Ich fand das war eine schmerzhafte Aneinanderreihung von Klischees und handwerklich ziemlich schwach. Das hätte Kühlem auch noch schärfer angreifen können, vielleicht sogar müssen. (...)
@Olympe (de Gouges? ;)) Es ist der kritische Seite gegenüber Frau Wissert absolut nicht vorzuwerfen, dass sie ihre Kritikpunkte nicht klar genug benannt hätte. Sie müssten sie nur lesen:
1) viele ästhetisch, äußerst schwache, handwerklich desolate Arbeiten
2) schwache Auslastung
(...)
zu 1) das liegt natürlich sehr stark im Auge der Betrachtenden, aber es sind wahrscheinlich nicht alle blind und konspirativ verbunden, die Kritik üben. Oder doch?
zu 2) das kann jede*r ganz leicht nachlesen oder abfragen. Sowas wird gezählt und nicht gemeint
(...)
(Liebe*r Kommentator*in, da Ihr Kommentar teilweise unüberprüfbare Tatsachenbehauptungen enthielt, wird er nur teilweise veröffentlicht. Mit freundlichen Grüßen, die Redaktion)
genau das meine ich, wenn ich schreibe "alles recht Stadttheater, wie man es kennt". Und genau daran knüpft sich meine Nachfrage und Kritik bezüglich des überproportionalen Abarbeitens an der Person Wisserts in einem Text über eine Produktion, an der bekanntlich einige beteiligt sind, die eine interessante literarische Grundlage hat, über die man einiges erzählen könnte, etc. .
Mich würde eher interessieren, sozusagen durch die Augen der Kritik blicken zu können, und das dann mit meiner Seherfahrung abgleichen zu können.
Und sonst soll er halt mit offenem Visier und gut untersetzt einen Artikel über die Intendanz Wissert schreiben. Dieses malziöes "2 in 1" hat immer schon eine Gmäckle und ist in der jetzigen Zeit, wo es Argumente sowieso schwer haben gegen das Gefühl - und auf was, wenn nicht auf den Bauch hat es z.B. die Replik mit Claudia Roth sonst abgesehen - nicht wirkllich hilfreich. So far, einen guten Start in die Woche!
Kritik AUCH!!! an der Arbeit Julia Wissert zu üben. Für mein subjektives Erleben sind ihre Inszenierungen oft nicht berührend, kalt und ästhetisch schwach.
Dass hier plötzlich Zensur-Schreie laut werden, wenn Menschen sich eine faire und ausgeglichene Behandlung wünschen, ist leider ein bekanntes Muster reaktionärer Kräfte. Niemand will hier jemandem den Mund verbieten. Wir wünschen uns einzig eine Offenheit für die Themen, die uns angehen. Vielleicht sollte das bei der zukünftigen Auswahl der Kritiker*innen, die zu Aufführungen geschickt werden, von nachtkritik bedacht werden.
Wenn ein langer stehender Applaus auf die "die "vielen Freund*innen und Verwandte" des Migrantinnenvereins zurückgeführt wird, ist das nicht nur ein gefährliches Spiel mit dem rassistischen Stereotyp der gebärfreudigen Muslima- es verkennt auch die Realität, dass Premierenpublikum äußerst selten aus Leuten besteht, die dem Theater kritisch gegenüberstehen.
Was bleiben wird, ist ein wichtiger Abend für das Theater Dortmund und die Community, die sich in ihrem Befreiungskampf gesehen gefühlt hat. Hoffen wir, das viele Stücke dieser Art folgen werden.
Sorry. Ich empfinde ihren Beitrag als äusserst intolerant und abwertend gegenüber Menschen, welche eine andere Sichtweise haben...vor allem wenn da auch noch von "reaktionärer Kräfte" die Rede ist. Hä? Echt jetzt?
Es ist für mich u.a. überhaupt! nicht glaubwürdig, wenn Sie z. B. auf der einen Seite schreiben "..die Kritik sich nicht selbst an die Nase fasst und die eigene (Sprech-)Position hinterfragt" und dann etwas später , dass "Niemand will hier jemandem den Mund verbieten" schreiben.
___
(Anm. Redaktion. Werte Diskutant*innen, die Diskussion kommt an den Punkt, an dem der kritische Austausch ins Sich-Verbeißen abgleitet. Und der Abend gerät aus dem Blick. Bitte sehen Sie uns nach, wenn wir Kommentare, die auf der Metaebene bleiben und sich also fragen, wer wie reden darf, im Folgenden nicht mehr veröffentlichen.)
Nur damit ich es verstehe. Würden Sie kurz erläutern, was Sie mit "Befreiungskampf" meinen, gegen wen und wie dieser geführt werden soll Ihrer Ansicht nach?