Aus dem Schatten: Thiaroye - Schauspiel Köln
Transgenerationale Albträume
11. Januar 2025. Die französische Dramatikerin Alexandra Badea erinnert mit ihrem Stück "Aus dem Schatten: Thiaroye" an ein grausames Kolonialverbrechen, das bis heute nachwirkt.
Von Cornelia Fiedler
"Aus dem Schatten: Thiaroye Stück" von Alexandra Badea in Köln © Thilo Beu
11. Januar 2025. Das Massaker von Thiaroye ist ein entsetzlicher Höhepunkt in der Gewaltgeschichte der französischen Kolonialpolitik: Aus Afrika stammende Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg in Europa in der französischen Armee gekämpft hatten, werden nach der Befreiung Frankreichs 1944 in den Senegal gebracht und in Kasernen interniert. Im Camp de Thiaroye, nahe Dakar, verweigern dann korrupte, rassistische Kolonialbeamte den sogenannten "Senegalschützen" den Rest ihres Soldes. Als diese dagegen protestieren, eröffnet die Kolonialarmee das Feuer und tötet, nach abweichenden Quellen, zwischen 35 und 300 Menschen.
Fast naturalistisch gespielt
In ihrem Stück "Aus dem Schatten: Thiaroye" verknüpft die rumänisch-französische Dramatikerin Alexandra Badea die fiktiven Geschichten zweier Familien – der eines Täters von Thiaroye und der eines Ermordeten. Regisseur Poutiaire Lionel Somé, selbst Enkel eines "Senegalschützen", inszeniert die deutschsprachige Erstaufführung ruhig und respektvoll.
Die drei Handlungsstränge über zwei Zeitebenen werden im Depot 2 des Schauspiel Köln fast naturalistisch gespielt: Da sind zum einen Nina (Katharina Schmalenberg) und Amar (Serge Fouha), sie aus Rumänien, er aus dem Senegal, die sich in den 1970ern in Frankreich kennenlernen und verlieben. Amar wird von Albträumen über seinen unbekannten, im Senegal verschollenen Vater geplagt.
Die Geschichte hört nicht auf
Zum anderen sind da zwei Angehörige der dritten Generation, die im Jahr 2005 unabhängig voneinander auf die Spur der verdrängten Geschichte gestoßen werden: Régis (Glenn Goltz), der schwer am Sinn seines Lehrerdaseins an einer "Brennpunktschule" zweifelt, begleitet seinen sterbenden Großvater. Nach dessen Tod findet er Unterlagen, die seine Mittäterschaft in Thiaroye bezeugen. Ebenfalls im Jahr 2005 hat sich Banker Biram (Leonard Burkhardt) in einem Dauerrausch aus Arbeit und Partys eingerichtet. Er wird durch die Recherchen der Journalistin Nora (Zainab Alsawah) auf die Geschichte seines Großvaters, Amars Vater, gestoßen, der in Thiaroye erschossen wurde.
Reise in die Vergangenheit © Thilo Beu
Klingt kompliziert – und ist es auch auf der Bühne, die Marion Schindler in drei Filmset-artige Bilder unterteilt hat. In einer etwas hölzernen Mischung aus psychologisch angelegten Spielszenen und ausführlichen, politischen-philosophische Überlegungen wird hier diskutiert, gegrübelt, geschimpft, analysiert.
Gespräche, Erinnerungsmonologe und Recherchen legen nach und nach die transgenerationalen Traumata offen: Die Kinder leiden unter dem Schweigen, das ihre Familien wie einen Schutzwall um die Geschichte gelegt haben. Sie spüren den unerträglichen Schmerz der Eltern. Und sie müssen dennoch darauf beharren, zu erfahren, woher sie kommen, um sich selbst in der Welt verorten zu können. Diesen Widerspruch löst Regisseur Somé, in einem ruhigen Ritual auf, das Nora, Biram, Amar, Régis und Nina zusammenführt: ein gemeinsames Totengedenken am Massengrab von Thiaroye – einem Ort, an dem es nicht einmal eine Hinweistafel gibt, einem Ort, an dem Kinder spielen.
Zum Schweigen gebracht
Skandalös ist bis heute der Umgang der französischen Regierung mit diesem Kapitel der Geschichte. Erst vor gut einem Monat, am 1. Dezember 2024, dem 80. Jahrestag von Thiaroye, hat Präsident Emanuel Macron erstmals den Begriff Massaker verwendet. Bis heute gibt es keine Entschuldigung, keine Entschädigung, keine juristische Aufarbeitung. Warum nicht?
Die Kolonialverwaltung muss ihre Gründe gehabt haben, den fehlenden Sold nicht auszuzahlen und die Internierten nicht gehen zu lassen, überlegt Journalistin Nora während der Arbeit an ihren Feature über Thiaroye. "Warum? Um sie zum Schweigen zu bringen? Um eine Protestbewegung im Keim zu ersticken? (…) Das Geld und ihre Kriegserfahrung machten diese Männer zu einer aufgeklärten Elite, die in der Lage gewesen wäre, für ihre Unabhängigkeit zu kämpfen." Die Vermutung liegt also nahe, dass das Massaker sich bestens in die Logik der französischen Kolonialpolitik einfügte. Und von dieser profitiert Frankreich bis heute.
Aus dem Schatten: Thiaroye
von Alexandra Badea
Aus dem Französischen von Frank Weigand
Regie & Video: Poutiaire Lionel Somé, Bühne: Marion Schindler, Kostüme: Julia Simmen, Musik: Abdoul Kader Traoré, Licht: Michael Gööck, Dramaturgie: Nina Rühmeier.
Mit: Zainab Alsawah, Leonard Burkhardt, Serge Fouha, Glenn Goltz, Katharina Schmalenberg.
Premiere am 10. Januar 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
www.schauspiel.koeln
Kritikenrundschau
Manches an diesem Abend bleibt Axel Hill von der Kölnischen Rundschau (13.1.2025) unverständlich, und die "Autorin trifft bei zudem keine klare Entscheidung, ob sie die Geschichte oder die emotionalen Konflikte in den Mittelpunkt stellt. Die Biografien der Figuren und ihre Motivationen werden derart mit Details angereichert, dass diese im Verlauf des Abends oft genug untergehen." Positiv für den Kritiker: "Zusammengehalten wird der Abend vom starken Darstellerquintett, das im klar strukturierten Bühnenbild von Marion Schindler Platz zum Agieren hat und von den Videoarbeiten des Regisseurs nicht dominiert" werde.
In der ersten halben Stunde scheint die Inszenierung für Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (13.1.2025) "Schultheater-Befürchtungen zu bestätigen", es werde historischer Kontext geliefert und "engagiert monologisiert". Zum Verlauf der Handlung heiß es: "Man ahnt, wie diese Puzzleteile am Ende zusammenpassen werden – und fürchtet, dass der Weg zur Lösung dahin durch die Mühen der Pädagogik führt. Tut er auch. Doch die Absicht verstimmt nicht und das liegt an der großen Ernsthaftigkeit, mit der Poutiaire Lionel Somé und sein Ensemble Badeas Stück umsetzen (…)."
Die Fülle der Stückhandlung sei "nicht ganz ohne", konstatiert Christoph Ohrem in der Sendung "Scala" auf WDR 5 (13.1.2025), aber das "klare Bühnenbild" und die "recht schnörkellose Regie" würden helfen. Das "schreckliche Thema" habe ihn "aber nicht wirklich mitgenommen", sagt der Kritiker. Das Spiel des Ensembles sei "etwas hölzern", die Figuren bereits im Text "holzschnittartig angelegt". Fazit: "Ein gutes und wichtiges Projekt, das leider doch etwas zu fad daherkommt."
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne





neueste kommentare >