Helena oder Stay safe and sorry - Theater Münster
Mettigel und andere bedrohte Arten
1. November 2024. Eigentlich haben Helena und Menelaos schon genug Paarprobleme. Aber nach dem Biss durch einen Waschbären nimmt die Entfremdung animalische Ausmaße an. Alina Fluck bringt Selma Kay Matters Gegenwartskrisen-Stück nun in Münster zur Uraufführung.
Von Kai Bremer
"Helena oder Stay safe and sorry" am Theater Münster © Birgit Hupfeld
1. November 2024. Als Selma Kay Matters Stück vor mehr als zwei Jahren mit dem Dramatikpreis des Festivals "Trigger" ausgezeichnet wurde, stand seine politische Dimension im Zentrum. Wer sich daran gestern Abend bei der Premiere des Stücks im Studio des Theaters Münster noch erinnerte, war sicherlich überrascht.
Erzählt wird die Geschichte von Helena (Clara Kroneck) und Menelaos (Artur Spannagel), die offenbar schon länger aus Troja zurück sind. Helena war zwischenzeitlich auf einem Kreuzfahrtschiff und hat dort wohl auch einige Männer verrückt gemacht. Wirklich reden will sie mit ihrem Gatten darüber jedoch nicht. Er eigentlich auch nicht, schließlich hat er einen mächtigen hellblauen Plüsch-Puff besorgt (Bühne und Kostüme: Marleen Johow, Klara Schur), auf dem er sich vermeintlich lasziv aalt, ohne dass Helena auf sein ungelenkes Rekeln so richtig reagiert.
Der Haussegen hängt schief
Aber wer will es der schönen Griechin mit ihren roten Wangen im hellblauen Faux-Fur-Mantel verdenken? Ihr Beuteschema scheint, so deutet es sich zumindest an, eher konventionell zu sein. Menelaos jedoch ist kein strammer Spartaner mehr, der Krieg ist schon länger Geschichte. Er trägt Lippenstift, guckt Tiervideos und macht Helena Vorhaltungen, weil ihr CO2-Fußabdruck eine Katastrophe ist. Sie stresst das freilich nur bedingt, auch weil sie während der Kreuzfahrt eine Begegnung mit einem Pottwal hatte, der sie sehr beeindruckt hat.
Helena (Clara Kroneck) will mehr vom Leben © Birgit Hupfeld
Die Preis-Jury vor zwei Jahren lobte "Helena oder Stay safe and sorry", weil es das Publikum mit der Frage nach "der adäquaten Reaktion auf die vielfältigen selbst produzierten Krisen" konfrontiere. Regisseurin Alina Fluck wählt einen anderen Schwerpunkt und nimmt die im Text angelegte, entschiedene Überzeichnung der Gegenwart zum Ausgangspunkt ihrer Uraufführung.
Nachdem sich auf dem Dachboden Waschbären einnisten und der ehedem so tierfreundliche Menelaos seine Jagdtriebe wiederentdeckt, wird Helena von einem von ihnen gebissen. Sie entwickelt (durch den Biss?) eine Sehnsucht, selbst zur "Waschschwester" zu werden. Lustvoll schmiegt sie sich in einen grauen Mantel (klar, wieder Kunstpelz, aber deutlich naturalistischer als der hellblaue zu Beginn des Abends) und lässt ahnen, wie glücklich sie wäre, könnte sie endlich all die irren Menschenmänner hinter sich lassen.
Tierisch in den Nebenrollen
Matters Stück hat Wortwitz. Vor allem aber eröffnet es den Darstellenden viel Spielraum, die kuriosen Szenen auszugestalten. Das gilt zumal für die Nebenrollen, die alle der an diesem Abend grandiose Christian Bo Salle übernimmt. In höchsten Tönen wimmert er für Minuten, als er als Hummer allmählich gekocht wird. Als Wal schreitet er über die Bühne, wirft immer wieder tiefe, vielleicht auch bedrohliche Blicke ins Publikum, ehe er kräftige Fontänen unter die Bühnendecke bläst.
Nun wird es ungemütlich: Clara Kroneck und Artur Spannagel spielen sich durch die Krisen unserer Zeit © Birgit Hupfeld
Die Inszenierung erreicht in manchen Momenten den Humor und gleichzeitig die melancholische Ambivalenz, die den Tierdarstellungen in Thorsten Lensings Verrückt nach Trost eigen war, ohne dabei in irgendeiner Weise epigonal zu wirken – allein schon deswegen, weil Lensings Poesie nicht das Ding von Fluck und Matter ist.
Pointierte Ausstattung
Das starke Spiel der drei Münsteraner Schauspielenden wird durch die Ausstattung von Johow und Schur unterstützt. An sich ist sie schlicht. Gleichzeitig aber ist sie ungemein pointiert. Zahlreiche Requisiten (von Mettigeln bis zum Waschbären) sind bedruckte Formkissen, mit denen nach Herzenslust geknuddelt oder ungelenk herumgefuhrwerkt werden kann. Vom Mettigel werden sogar die ihn umrahmenden Salatblätter abgemampft.
Die Inszenierung hat deswegen in einigen schwächeren Szenen eine Schlagseite ins Läppische. Das mag angesichts der ökologischen Katastrophen, die sich im Hintergrund der Handlung ereignen, für einige Menschen im eng besetzten Studio zu wenig Moral, sicherlich zu wenig Trost und zu viel Spaß mitten im Chaos der Gegenwart gewesen sein. Für alle anderen aber war es ein Theater-Fest.
Helena oder Stay safe and sorry
von Selma Kay Matter
Inszenierung: Alina Fluck, Bühne, Kostüme: Marleen Johow, Klara Schur, Dramaturgie: Julia Fiebag.
Mit: Clara Kroneck, Artur Spannagel, Christian Bo Salle.
Premiere am 31. Oktober 2024
Dauer: 1 Stunde 5 Minuten, keine Pause
www.theater-muenster.com
Kritikenrundschau
"Selma Kay Matter löst die globalen Themen, die das in Münsters Studio uraufgeführte Stück behandelt, in einer Reihe teils skurriler Szenen auf. Wodurch der gut 80 Minuten kurze Abend zugleich eher kurzweilig als thesenlastig ausfällt", schreibt Harald Suerland in den Westfälischen Nachrichten (3.11.2024). "Das liegt natürlich auch am Zugriff der Regisseurin Alina Fluck, die den Gegensatz der beiden Figuren beherzt ausspielen lässt und den Humor des Textes betont."
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