Als die Zähne auf dem Rasen lagen

16. Mai 2024. Ein historisches Fußballdrama rund um ein brutales Foul wird zu packendem Dokumentartheater über die Aufarbeitung (inter-)nationaler Traumata. Und mit Torwart-Legende Toni Schumacher steht sogar ein Experte des Alltags mit auf der Bühne, der seine Wahrheit verkünden darf. Aber: Darf er das wirklich? 

Von Max Florian Kühlem

"Die Nacht von Sevilla" bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen © Carsten Kobow

16. Mai 2024. Im Ruhrfestspielhaus in Recklinghausen herrschte eine Stimmung wie im Stadion vor dem Spiel: Auf dem Weg in den großen Saal begegnet man vor allem männlichen Fans, sie bilden lange Schlangen vor den Toiletten. In den Zuschauerrängen stehen zwei Politikerinnen für Fotos zur Verfügung: Kultur-Staatsministerin Claudia Roth und NRW-Kulturministerin Ina Brandes. Hier muss etwas Großes vor sich gehen, das die Präsenz hoher Staatsrepräsentanten erfordert. Tatsächlich ist "Die Nacht von Sevilla" viel mehr als nur eine szenische Lesung. Es ist ein neuer Meilenstein des Dokumentartheaters, ein Vorbild in Sachen Aufarbeitung nationaler beziehungsweise sogar internationaler Traumata. 

Stadion-Stimmung im Publikum

Auf der riesigen Bühne des Ruhrfestspielhauses, die Gastspiele aus aller Welt und unterschiedlichster Bühnenformen aufnehmen muss, sitzt lange Zeit nur ein einzelner Mensch an einem Tisch mit vielen Mikrofonen, der an Pressekonferenzen von Trainern und Spielern vor oder nach wichtigen Turnierspielen erinnert. Die vorher gelöste Stadion-Stimmung im Publikum macht schnell einer gebannten Atmosphäre Platz: Aufmerksam verfolgen die Menschen in den ausverkauften Rängen, wie Peter Lohmeyer, der seine Kompetenz in Sachen Fußball unter anderem im Kino-Erfolg "Das Wunder von Bern" bewiesen hat, den vielstimmigen Text liest, der das Halbfinalspiel Deutschland gegen Frankreich bei der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien aus vielen Perspektiven beleuchtet.

Die Nacht von Sevilla Foto Carsten Kobow 6687Fußballkompetent: Peter Lohmeyer © Carsten Kobow

Der Gründungsdirektor des Deutschen Fußballmuseums Dortmund Manuel Neukirchner hat den Text kompiliert und dafür auf eine Buch-Recherche des Sporthistorikers Stephan Klemm zurückgegriffen, die 2021 ebenfalls unter dem Titel "Die Nacht von Sevilla" erschienen ist. Neukirchner würdigt das Werk des Journalisten Klemm in seiner editorischen Notiz und dankt ihm und anderen "für ihre Mitarbeit an der umfangreichen Quellenrecherche". Oliver Fritsch wirft ihm in einem Artikel in der Zeit allerdings vor, dass er große Teile des Buch übernommen habe und macht den Vorwurf der "Geschichtsklitterung" laut.

"Wie die Wächter von Dachau und Auschwitz"

Kern dieses Vorwurfs ist der Höhepunkt dieses Dokumentartheaterstücks, das wie ein klassisches Drama in fünf Akten aufgebaut ist. Der Höhepunkt im dritten Akt ist allerdings nicht der finale Elfmeter-Krimi, sondern der Zusammenprall des deutschen Torhüters Toni Schumacher mit dem französischen Abwehrspieler Patrick Battiston, der aufs Tor zustürmte. War das Geschehen in der 57. Spielminute ein Foul? Ein besonders unfaires sogar? Battiston blieb bewusstlos liegen, musste ins Krankenhaus gebracht werden. Der Schiedsrichter pfiff kein Foul, aber ein Teil der französischen Welt sah "den hässlichen Deutschen aus der Nazi-Zeit, die Kampfmaschine. Schumacher – aus dem Holz genschnitzt wie die Wächter von Dachau und Auschwitz."

Es ist ein absoluter Gänsehaut-Moment, wenn am Ende des Stücks der heute 70-jährige Toni Schumacher selbst auf die Bühne kommt, als Experte des Alltags quasi – wie in den Inszenierungen der Gruppe Rimini Protokoll. Er darf einen großen Schlussmonolog verlesen, in dem er die harten Vorwürfe, die damals gegen ihn kursierten, noch einmal wiederholt, aber eben auch seine eigene Wahrheit dieses Abends in die Welt setzen darf. Er erklärt sich, findet Gründe, warum er nicht sofort zum bewusstlosen Gegenspieler ging, sondern Kaugummi kauend und mit dem Ball spielend in einiger Entfernung blieb. Er erzählt, wie er später Battiston im Krankenhaus besuchte und es zur Versöhnung kam.

Die Nacht von Sevilla Foto Carsten Kobow 6722Galt schon immer als kunstnah: Torwart-Legende Toni Schumacher © Carsten Kobow

Vor Schumachers Schlussmonolog liest Peter Lohmeyer einen ersten Schlussmonolog, einen offenen Brief, den der französische Kapitän Michel Platini mehr als zwei Wochen nach dem Spiel an das französische Volk schreibt, aus dem hervorgeht, dass die Wunde längst nicht verheilt ist, ein Unverständnis über Schumachers Aktion, seine "Aggression". Zu den historischen Quellen und später geführten Interviews, aus denen sich der Abend speist, gehören auch zwei Telegramme, die sich die damaligen Regierungschefs Helmut Schmidt und François Mitterrand schrieben. Aus Mitterrands Zeilen klingt durchaus Bitterkeit: "Ich für meinen Teil habe mir das Finale am Sonntagabend angeschaut. Ich rechne mit ihrer Enttäuschung." Deutschland war im Finale ausgeschieden.

Erinnerungen im Präsens

Der Abend beweist: Ein Fußballspiel und sein Nachwirkung kann Bühne für die große Weltpolitik sein. Es kann ins kollektive Gedächtnis eingehen, seine Erinnerungen zutage fördern, kollektive Traumata triggern. Auch wenn das von Bahadir Hamdemir szenisch eingerichtete Stück mit Toni Schumachers Wahrheit endet, so räumt es doch auch den vielen anderen Wahrheiten, die naturgemäß über jedes Ereignis existieren, den gebührenden Platz ein. Statements und Erinnerungen von Spielern, Trainern, Kommentatoren und der internationalen Presse sind in den Text eingeflochten. Auch Erinnerungen an den Spielverlauf stehen im Präsens, so dass man das Gefühl hat, man könne Spielern und Trainern beider Mannschaften während des Dramas in den Kopf schauen.

Peter Lohmeyer liest tatsächlich vielstimmig, imitiert sprachliche Eigenheiten von Legenden wie Pierre Littbarski oder Paul Breitner aber nur soweit, dass es noch respektvoll und nicht satirisch-komisch wirkt. Über ihm prangt eine riesige, runde Leinwand, auf die historische Bilder des Spiels projiziert werden. Flutlichter zeigen den Spielstand, der am Ende 8:7 lautet. Was zu dieser Zahl geführt hat, sollte uns bis heute eine Mahnung sein: Die Deutsch-Französische-Freundschaft war und ist vielleicht keine Selbstverständlichkeit. Sie bedarf der Pflege – und dazu trägt dieser Abend durchaus bei.

Die Nacht von Sevilla. Fußballdrama in fünf Akten
von Manuel Neukirchner
Text und Dramaturgie: Manuel Neukirchner, Szenische Einrichtung: Bahadir Hamdemir, Bühne und Licht: Bahadir Hamdemir, Projektleitung: Ann Kathrin Weber, Technische Leitung: Roman Schellenberg, Projektmitarbeit: Carina Bammesberger, Tim Schelenz.
Mit: Peter Lohmeyer und Harald "Toni" Schumacher.
Premiere am 14. Mai 2024
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.ruhrfestspiele.de
www.fussballmuseum.de

 

Kritikenrundschau

"Die Nacht von Sevilla" ist in ihrer Dramatik also endlich dort angekommen, wo sie hingehört, so Holger Gertz in der Süddeutschen Zeitung (18.5.2024). "Neukirchner rekonstruiert das Jahrhundertspiel wesentlich mit Zitaten und Monologen der Spieler, Trainer, Reporter. Nichts davon ist erfunden." Warum war ausgerechnet dieses Spiel ein Lebensspiel? "Weil es von Ambivalenzen erzählt. Weil beide Teams verloren schienen, neue Hoffnung schöpften, erneut enttäuscht wurden, erneut zurückkamen." Am Ende komme in Recklinghausen Toni Schumacher selbst auf die Bühne und liest ein persönliches Resümee des Spiels. "Eine klug gesetzte Pointe" der "Nacht von Sevilla", bei den Ruhrfestspielen wunderbar revitalisiert.

Man werde "Augen- und Ohrenzeuge einer klassischen Tragödie in fünf Akten über den Zusammenprall zweier Mächte, über Sieger und Verlierer", so Wolfgang Platzeck in der WAZ (17.5.2024). Die Fotos, die situationsgenau eingeblendet werden, führen wirklich in eine andere Welt. Davor ein Lesepult mit Mikrofonen, "hier schlägt die große Stunde von Peter Lohmeyer, der allen Protagonisten seine Stimme leiht". Ihm gelinge es allein durch Sprechkunst, "das Drama des legendären Spiels mit all seinen Facetten in die Köpfe der Menschen zu pflanzen. 

Kommentar schreiben