Der Girschkarten - Schauspiel Leipzig
Verschanzt hinter dem Gartenzaun
28. November 2025. Wo die Retrotopien wuchern, will er Landschaftsgärtner sein: Lukas Rietzschel hat ein eindrückliches Porträt einer Dorfgemeinschaft verfasst. Frei nach Anton Tschechow.
Von Tobias Prüwer
Lukas Rietzschels "Der Girschkarten" in der Regie von Enrico Lübbe in Leipzig © Rolf Arnold
28. November 2025. Hermetisch geschlossen ist die weiße Box. Die vierte Wand ist dicht. Einzelbeats setzen rhythmisch ein, zu denen ein Kammerjäger erscheint und die Wand umstürzt. Das Kammerspiel um den "Girschkarten", um Wahrheit und Wirrwarr beginnt. Zum durch den Titel zu vermutenden Mundarttheater wurde der Abend von Lukas Rietzschel nicht, den Enrico Lübbe mit Gefühl für den Rhythmus in Leipzig umsetzte.
Von Eigenheimen umzingelt
Die komische Schreibweise soll den hohen Grad an absurden Sprachbildern signalisieren, mit denen Rietzschel seine Auftragskomödie fürs Schauspiel Leipzig frei nach Anton Tschechow schuf. Dessen komödiantischer Ansatz ist schwieriger erkennbar als Rietzschels. Der setzt voll auf Eskalation, wenn es ums Gesellschaftliche geht, ums Werden und Vergehen, Fortschritt und Vergangenheit. Der Autor verfrachtet seine Familienaufstellung ins Irgendwo. Auf einem unbekannten Flecken Erde steht ein wackliges Haus mit Garten. Umzingelt ist es von zwei neuen Einfamilienhaussiedlungen mit Carports und Mährobotern, Bewegungsmeldern und LED-Strahlern.
Extrem nah dran: Das Leipziger Ensemble spielt im Bühnenbild von Enrico Lübbe in der Diskothek des Schauspielhauses © Rolf Arnold
Das sieht man nicht, auch der Garten bleibt dem Blick verschlossen. Alle Handlung findet in der fast leeren weißen Box statt – alles, inklusive die Bekleidung ist schwarz-weiß gehalten. Stühle stehen herum, von der hinteren Ecke rechts aus zieht sich ein Fadenknäuel, ein fasriger Wirrwarr die Wand entlang. Es könnte ein Kokon sein oder ein Eindringling, der von außen ins Familienheim einbricht. Dort kommen die Oma, ihre Söhne Alexander und Peter mit dessen Freundin sowie die Enkelin Anja samt Freund Anton zusammen. Sie wollen das Grundstück verkaufen. Wie in der antiken Theatertechnik der Mauerschau berichten sie von ihrer Sicht nach draußen, beschreiben eingehegte Natur und spießige Bürgerhöhlen, die sie einkreisen. Mehrmals ist von Nebelwänden die Rede, von sie Sicht nehmenden Dunstschleiern, die auf diese indirekte Weise fassbar werden. Dabei prangt auf dem Pullover von Alexander (angenehm ruhig neben sich: Thomas Braungardt) als unheimlicher Spiegel ein Haus mit Obstbaum.
Autoritäre Sehnsüchte sprießen
Aufgrund des kleinen Bühnenformats bleibt man dicht bei den Darstellenden. Im großen Raum womöglich verloren, hängt man hier an ihren Lippen. Das liegt insbesondere am guten Text und dessen Dramaturgie. Rietzschel ist sichtlich gereift. Dass sein gefeierter Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" am Staatsschauspiel Dresden 2019 nicht zündete, lag an der Romanform. Aber auch das fürs Schauspiel Leipzig geschriebene "Widerstand" (2021) war zu sehr Leseliteratur denn Bühnendramatik. "Der Girschkarten" ist angenehm anders. Hier gräbt Rietzschel mit lockeren Dialogen, Witz und Mut zu grotesken Zügen allmählich immer mehr nach Grundsätzlichem.
Denn plötzlich wollen nicht mehr alle Anwesenden das Haus verkaufen. Sie streiten um Erinnerungen, aber auch die Größe des Anwesens ist nicht mehr sicher. Von einer Zollstockverschwörung kommt man aufs Hölzchen, Allianzen bilden sich, Bullshit ersetzt Gewissheiten. Halluzination und Disruption sind Thema, Fake News und libertärer Autoritarismus ebenso. Es geht um Retrotopien, die Flucht in eine vermeintlich bessere Vergangenheit, Zukunfts- und Veränderungsängste und den Aufschub von Entscheidungen.
All das wird dem Publikum nicht aufs Auge gedrückt, sondern vielmehr gestreift innerhalb der Verhandlungen dieses Familienkonflikts. Das ist klug, weil nicht bevormundend. Rietzschel will kein Erklärstück zeigen, hat sich von der Feuilleton-Zuschreibung emanzipiert, erst Erklärbär für Ostdeutschland sein zu sollen, dann Stimme einer Generation. Er gibt Anstöße, ohne Antworten zu servieren. Das ist intellektuell anregend, kitzelt hermeneutisch.
Grenzen der Gemeinschaft
Das Ensemble führt gut durch den rhythmisierten Abend. Zwischen kindlichem Trotzkopf, Grand Dame und seniler Bettflüchtiger agiert Katja Gaudard. Mal ist sie zerbrechlich, dann wieder hart und bockig. Zu ihrem großen Gegenspieler, zur Stimme Vernunft, wird Dirk Lange als Sohn Peter. Kennt man den Schauspieler oft als jemand, der gern etwas drüber ist, so spielt er hier zurückhaltender. Manchmal reicht seine ruhig-sonore Stimme und einer ernster Blick, um zu glänzen. Lisa-Katrina Mayer ist ihm als seine Freundin ein prima Sidekick. Sie kann schon mal zum 1980er-Vamp werden oder die Zuschauenden mit kaltem Blick fixieren, als wären sie die unterm Carport lauernden Nachbarn. Dazwischen schieben sich die Figuren einfach mal robbend durchs Bild, starren die Wand an, sitzen verrenkt herum. Dadurch gewinnt die Inszenierung gespenstische Züge, zumal ständig das Licht wechselt, schwankende Glühlampen hoch- und herunterwandern.
Im Wirrwarr des Gartenhauses gefangen: Lisa-Katrina Mayer (vorne), Katja Gaudard, Niklas Wetzel © Rolf Arnold
Wenn die Verwandten gemeinsam das Grundstück vermessen, ist das ein hervorragendes Bild: Ihre Grenzen gingen Dorfgemeinschaften früher zusammen ab, um sich auf deren Verlauf zu verständigen. Hier versichert man sich gleichsam gegenseitig der Grenzen der Gemeinschaft, dem Zustand der Kultur in diesem verwilderten Garten voller Pflanzenknäuel.
In Sebastian-Hartmann-Manier folgt auf den gefühlten Schluss noch ein Monolog. Verhandelte die Komödie zuvor die Frage nach Fortschritt und Gang der Geschichte, wendet sich das nun zum Zyklus. Die hermetisch-hermeneutisch geschlossene Whitebox öffnet sich wieder für eine ewige Wiederkehr des Gleichen, zum ausufernden Kopfwirrwarr widerstreitender Stimmen.
Der Girschkarten
von Lukas Rietzschel
Komödie nach Anton Tschechow
Regie & Bühne: Enrico Lübbe, Kostüme: Teresa Vergho, Musik: Peer Baierlein, Thibault Madeline, Dramaturgie: Torsten Buß.
Vanessa Czapla, Niklas Wetzel, Dirk Lange, Lisa-Katrina Mayer, Thomas Braungardt, Katja Gaudard, Tilo Krügel.
Uraufführung am 27. November 2025
Spieldauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
www.schauspiel-leipzig.de
Kritikenrundschau
"Diese Gegenwart als Stillstandsparabel mit den Motiven Tschechows auszuleuchten, das gelingt der Inszenierung zwischen satirischem Witz und einer fast gespenstischen Atmosphäre", lobt Dimo Rieß in der Leipziger Volkszeitung (29.11.2025).
Auch Jakob Hayner von der Welt (28.11.2025) ist angetan: "Wie bereits in seinem Vorgängerstück 'Das beispielhafte Leben des Samuel W.', in dem es um einen rechten Politiker in der ostdeutschen Provinz ging, gelingt dem jungen Schriftsteller wieder ein kluger Zugriff auf die deutsche Gegenwart."
Eine "eindrucksvolle Darbietung" sah Andreas Platthaus für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (€ | online 28.11.2025). Enrico Lübbe gelinge "das Kunststück, auf Hitchcocks 'Psycho' zu verweisen, ohne auf Horrorästhetik zu setzen. Alles in dieser Inszenierung ist nämlich Komödie. Und zwar eine bitterböse."
"Vieles an diesem Stück und auch an der Inszenierung geht auf, ist liebenswert und gut geschrieben", sagt Matthias Schmidt auf MDR (28.11.2025). "Aber es ist nicht immer ganz einfach, den verschiedenen Gedankengängen zwischen Ernst und Ironie zu folgen.“ Insgesamt ist der Kritiker hin- und hergerissen. "Lukas Rietzschel hat sehr viel in das Stück hineingepackt. Klug reflektiert er die Gegenwart in das alte Tschechow-Muster hinein. Er ist sprachlich originell, er setzt auf Komik und macht phasenweise einen Schwank 2.0 aus dem Abend." Gleichzeitig wird konstatiert: "Der Abend wirkt länger als die 100 Minuten, die er lang ist. Man merkt im Laufe des Abends dann doch, dass das abstrakte Bühnenbild sehr statisch und der Text phasenweise sehr thesenhaft ist."
Eine "wunderbaren Ensemble" sah Thilo Sauer von der Deutschen Bühne (28.11.2025) zu und würdigt die Inszenierung: "Eine große Qualität des Abends besteht darin, dass er sich dem Rätselhaften hingibt, nicht alles erklärt oder auflöst. Ob diese Verweigerung von kapitalistischen Prinzipien gut oder schlecht ist, oder schlicht eine Folge des von Nostalgie angetriebenen Stillstands, muss das Publikum entscheiden."
"Ein Nachdenkstück, wie man mit Zukunft umgeht", sah Michael Laages für "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (27.11.2025), Die Komödie besitze "Pointen", sei aber nun auch nicht "brüllend komisch" ("aber das ist 'Der Kirschgarten' ja nun bekanntermaßen auch nicht").
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Ein unterhaltsamer Abend … die Überschreibung gelingt insofern, dass Rietzschel nicht übertreibt mit der Länge (wie zuletzt bei Stones „Ferienhaus“) und nicht doch überwältigen möchte mit Geschichten und Schicksalen einzelner Personen, die dann nebeneinander stehen … Alles wird nüchtern gespielt, keine (Star-)Nummernshow. Man spürt, dass das Ensemble gerne spielt (Grossmutter - Anton!) … Der Rhythmus stimmt … gut: auf das Outrieren bei der Grossmutter oder der Nachbarin hätte die Regie verzichten können, oder sollte das komödienhaft sein? … auf das Thema „alternative Fakten“, das den Autor beschäftigt hat, bin ich erst während der Lektüre des Programmhaftes gestoßen; zum Glück kommt das Stück nicht verkopft rüber … die Inszenierung wird selten angesetzt, was wirklich sehr sehr schade ist …