Scherz reimt sich auf Herz

2. März 2024. "Das Vergnügen macht sich über kurz oder lang immer bezahlt", sagt der Narr in Shakespeares "Was ihr wollt". Regisseurin Swaantje Lena Kleff hat noch einiges an Selbstironie draufgelegt und die Komödie als schönen Hybrid zwischen Pop-Show, Kammerspiel und Satire inszeniert.

Von Harald Raab

William Shakespeares "Was ihr wollt" von Swaantje Lena Kleff in Weimar inszeniert © Candy Welz

2. März 2025. Illusion und Täuschung sind der Stoff, aus dem Theater gemacht ist. Damit das Publikum in der neuen Produktion des Nationaltheaters Weimar nicht vergisst, wo es sich befindet, ist ein Modell des ursprünglich monarchisch-bürgerlichen Musentempels auf der Bühne platziert. Ein schräg gestelltes Baumonster. Auf dessen roten Dächern und auch drumherum geht die Post ab. In luftiger Höhe klettern, rutschen und balancieren Schauspieler und Schauspielerinnen. Der Theaterkultur wird hier aufs Schönste aufs Dach gestiegen.

Shakespeares rockt den Laden

In einer Welt, wo der Blinde den Lahmen führt, bleibt im Theater nur noch die Narrenposse, die für die Mischung aus privatem und öffentlichem Chaos eine Erklärung finden kann. Folgerichtig hat Regisseurin, oder soll man sagen Performancekünstlerin, Swaantje Lena Kleff dieser Weltsicht alles untergeordnet. Der unverzichtbare Narr muss allen voran diesen Part spielen. Halb Witzbold der höfischen Gesellschaft, halb mit allen Wassern gewaschener Alltags-Philosoph. Kleffs Narr ist ebenfalls viel mehr als ein bloßer Possenreißer. "Besser ein weiser Tor als ein törichter Weiser", markiert er seine Position. Bastian Heidenreich gibt dieser Rolle den zwiespältigen Charakter – zwischen aufmischendem Spaßmacher und abgeklärter Welt- und Menschenbetrachtung.

In einer verrückten Welt: Christian Bayer als Malvolio, Johanna Geißler als Olivia, Krunoslav Šebrek als Sir Toby Rülps in "Was ihr wollt" in Weimar © Candy Welz

Der Narr umrahmt als Eröffnungs- und Final-Sänger das farbenmuntere Spektakel. Er begleitet agierend und kommentierend das ganze Geschehen, bereitet das Menschlich-allzu-Menschliche intellektuell auf. Lustvolles Theater voller Überraschungen, poetisch, poppig, bunt und fantasievoll mit großer Geste und intimer Atmosphäre, das ist der Arbeitsansatz der Hausregisseurin auch bei dieser Produktion. Statt Weihestunde gibt es Showtime, wenn sie sich einen Klassiker vorknöpft.

Irrungen und Wirrungen

Grellbunt und glitzernd die Kostüme, rot, blau und gelb die Perücken zur poppigen Show mit viel Musik- und Lichteffekten. Ein multimediales Happening mit starken Bildern und Songs, kurzweilig, unterhaltsam.

Anspruch dieser Shakespeare-Interpretation ist unverkennbar aber auch: durch Schaulust zum Nachdenken zu leiten. Hin zur Zaubermacht der Sprache, zum Spiel mit Worten, ihren Zwischentönen, Metaphern und hintergründig witzigen Disputen im komplexen Handlungsgeflecht rund um Liebe. Und auch um Dummheit und Stolz, Eitelkeit und Selbstüberschätzung. Die Balzerei wird als spannungsgeladenes Spiel mit doppeltem Boden zelebriert.

Der Herzog liebt Olivia. Olivia liebt die als Mann Cesario verkleidete Viola. Diese liebt den Herzog. Sebastian, Violas Zwillingsbruder, verliebt sich in Oliva. Er wird seinerseits vom Gefährten Antonio übergriffig angemacht. Gründe genug für Irrungen und Wirrungen und die Frage, ob das Durcheinander überhaupt vom konventionellen bipolaren Geschlechterrollenbild abgedeckt ist. Natürlich nicht. Der Herzog fühlt sich angezogen von dem androgynen Jüngling Cesario mit den purpurnen Lippen und Olivia von dessen weiblich zarter Figur.

Wasihrwollt1 1200 Candy Welz uÜber den Dächern ulkt der Narr: Bastian Heidenreich und Ensemble in "Was ihr wollt" © Candy Welz

Diesen Zwischenwelten der Begierde mit ihrer knisternden erotischen Sphäre gibt die Regisseurin reichlich Raum. Die Schauspielerinnen und Schauspieler nutzen ihn sensibel gestaltungsfreudig, in ihren Dialogen und Monologen – voll Staunen über die Ab- und Seitenwege sublimierten Liebesverlangens. Permanente Verwechslung, Verkleidung und deren Folgen geben der Handlung mit ihren abrupten Wendungen Drive.

Lust und Leichtigkeit zeichnen das Interagieren aus. Zumal die Choreografin Romina Geppert Bewegungsrhythmus souverän in Zeit und Raum tänzerisch in Disco-Laune vorgibt, die zwischen Actionpower und Romantik oszilliert.

Show vielschichtiger Charaktere

Wenn auf der Bühne Nat King Coles "I don't want to see tomorrow" oder Taylor Swifts Popsong "Fortnight" und andere Schmachtschnulzen erklingen, geraten die Musiken zur Trigger-Warnung: Achtung, Herz-Schmerz-Kitsch.

Aber weder die Regisseurin noch ihr Bühnenteam bleiben in der groben Typisierung der Figuren stecken, zu der das Showkonzept allzu leicht verführt. Alle agieren ausnahmslos nicht als Pop-Kameraden, sondern als vielschichtige Charaktere mit ihren Brüchen und Verführbarkeiten in aller menschlichen Komplexität und Widersprüchlichkeit. Calvin-Noel Auer kultiviert als Herzog Weltschmerz und obsessive Fixierung auf Gräfin Olivia. Er nennt Liebe, was Projektion mit Besitzanspruch ist. Johanna Geißler in der Rolle der Gräfin changiert zwischen selbstbewusster Dame von Welt und verliebtem Girl.

Raika Nicolai in der Doppelrolle Viola und Cesario strahlt Beständigkeit aus, ruhig und intensiv. Ob in Hosen oder Kleid: sie will nur den einen, den großen Preis im Paarrennen, den Herzog Orsino. Janus Torp als Sebastian und Fabian Hagen als Antonio exerzieren die Mühen der Männerliebe vor. Bei Katharina Hackhausen als Kammerzofe, Krunoslav Sebrek als Sir Toby, Martin Esser als Sir Andrew und Christian Bayer als Haushofmeister Malvolio feiert Shakespeares Komödienpersonal fröhlich-derbe Urstände. Volkes Witz und das Bloßstellen eitel-dummer Tröpfe laden zum Lachen ein, haben aber auch Spiegelfunktion. Erkenne dich selbst.

Komödie mit hoher Sprechkultur

Die kleinen und großen Gags der einfallsreichen, subtil intelligenten Regie lassen die Schauspielerinnen und Schauspieler zur Hochform auflaufen. Komödie, die Königsdisziplin des Theaters, feiert hier ein Fest mit hoher Sprechkultur. Alle holen aus Shakespeares Texten heraus, was sein Sprachreichtum nur hergeben kann.

"Das Vergnügen macht sich über kurz oder lang immer bezahlt", weiß der Narr. Das Publikum will gut unterhalten werden, wenn es belehrt werden soll. Pop und Shakespeare gehen zusammen, ohne dass das eine das andere erschlägt. Shakespeare hätte dieser Mix aus Show und Kammerspiel mit reichlich Selbstironie gefallen. Mit frenetischem Beifall bedankte sich ein beglücktes Premierenpublikum.

Was ihr wollt
Komödie von William Shakespeare
Aus dem Englischen von Thomas Brasch
Regie: Swaantje Lena Kleff, Bühne: Philip Rubner, Kostüme: Sara Drasdo. Musik: Ludwig Peter Müller, Dramaturgie: Lisa Evers, Choreografie: Romina Geppert.
Mit: Bastian Heidenreich, Raika Nicolai, Janus Torp, Fabian Hagen, Calvoin-Noel Auer, Johanna Geißler, Katharina Hackhausen, Christian Bayer, Krunoslav Sebrek, Martin Esser, Ludwig Peter Müller.
Premiere am 1. März 2025
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.nationaltheater-weimar.de

Kritikenrundschau

"Swaantje Lena Kleff entschied sich für den unbedingten Spaß. Was sich über die Figuren sonst noch denken lässt, das steht im Programmheft", schreibt Henryk Goldberg in der Thüringer Allgemeinen (3.3.2025). "Und genau das ist die Qualität dieser Inszenierung: Das Bekenntnis zum poppigen, buntprallen Entertainment, der weitgehende Verzicht auf inszenierte Bedeutung - und das ohne einen Verzicht auf ästhetischen Anspruch, auf künstlerische Würde. Das gilt für den Abend im Ganzen wie für alle seine Schauspieler. Sogar, wenn sie mit Bratwurst und Zwiebelzopf werfen."

Kommentar schreiben