Galerie der nutzlosen Dinge

9. Februar 2024. Wie wird aus alten, scheinbar zusammenhanglosen Fundstücken eine ganze Familiengeschichte? Antje Schupp, Schweizer Theaterpreisträgerin des Jahres 2021, führt es mit zwei Kollegen auf offener Bühne vor und schafft einen außergewöhnlichen Abend über die Erinnerung, das Sterben und Techniken der Verlebendigung.

Von Claude Bühler

"Recycling of Life" in der Regie von Antje Schupp an der Kaserne Basel © Pati Grabowicz

9. Februar 2024. Auf wenigstens zwei Arten kann man sich diesem besinnlich-heiteren Theaterabend in der Basler Kaserne nähern. Erstens mit dem Denken. Wir sehen die Schweizer Theaterpreisträgerin 2021 vorn in der Bühnenzone liegen. Mit geschlossenen Augen gibt Antje Schupp das Bild von jemandem ab, der seine eigenen Erinnerungsarchive durchwandert. Und wir hören ihre Stimme im Off: Das Leben sei wie eine Melodie, die wir nicht voraussehen. Oder: Wir würden dereinst mal anders erinnert, als wir es uns jetzt denken könnten.

Zelluläre Müllentfernung

Da gibt es auch einen Vortrag über Zellen. Von der Forschungstätigkeit ihrer Mutter fand Schupp kistenweise Fotos, Bücher. Ihre Lehre: Wir recyclieren uns selbst, unsere Zellen sterben, wir erneuern uns. Gleichzeitig entfernten wir zellulären Müll. Ginge das nicht, würden wir nicht nur alt, sondern auch krank. Was sich alles wunderbar auf unseren Umgang mit unserer Vergangenheit anwenden lässt: Wir müssen unser Altes verlebendigen. Schupp warf damals all das Material ihrer Mutter weg: Alles in die Mülltrennung – die Stoffe rezyklieren. Es klingt etwas hart und schmerzlich, wenn sie das erzählt.

Recycling of Life 1 C Pati GrabowiczRekonstruktionsarbeit: Ayman Nahle (rechts im Bild) mit Besucher © Pati Grabowicz

Und damit sind wir bei der zweiten Möglichkeit, sich dem Abend zu nähern: über das naive Spiel mit von Erinnerungen und Emotionen aufgeladenen Objekten. Die Aufführung beginnt nämlich erstmal mit einer Ausstellung, der "Galerie der nutzlosen Dinge", wie es ironisch heißt: Im Raum stehen verstreut Tische mit alten Fotos, 3D-View-Geräten, Weihnachtskalendern, Fundstücken aller Art, aber auch in Ballen gepresstes Altpapier – dazu ein imposanter, meterhoher Vorhang aus LPs: Arthur Rubinstein, Charles Aznavour, Rico Lanza, der junge Wolf Biermann blicken herunter. Dazu zeigen alte Schwarzweiß-Filme den Libanon der fünfziger oder sechziger Jahre.

Alle diese Welten bringen Antje Schupp und ihre Mitstreiter, der Beiruter Künstler Ayman Nahle und der Basler Musiker Yanik Soland, unter dem Motto "Archive aktivieren" wieder in einen lebendigen Zusammenhang. Die vielleicht erstaunlichste Geschichte: Schupp erwarb ahnungslos eine Büchse mit Fotos, Postkarten und Briefen. Diese wurde nun wie ein Reliquienkasten mit weißen Handschuhen geöffnet.

Rekonstruktion einer Familiengeschichte

Schupp hält ein Foto von einem Algerienaufenthalt, einen Brief aus der Nazi-Besetzungszeit ins Kameraauge, zeigt auch Bilder der Befreiungsfeier, rekonstruiert nach und nach die Geschichte einer elsässischen Familie über drei Generationen hinweg. Sie identifiziert Vater und Sohn, auch eine Tochter.

Schließlich berichtet sie von einer Reise an den Ort des Geschehens, Luermschwiller. Schupp fragt sich durch und landet am Ende tatsächlich vor der nunmehr 85-jährigen Tochter, mittlerweile im Rollstuhl. Es habe Tränen gegeben. Von der Existenz der Fotos hätte die Familie nichts gewusst. Aus den Dokumenten ohne Beziehung rückt im Erlebnis eine Geschichte ins Realitätsbewusstsein, aus den Fotos und Briefen wurden so die Leihgaben einer auch heute noch existierenden Familie, der sie nach der Derniere zurückgegeben werden.

Recycling of Life 4 C Pati GrabowiczSpotify statt Vinyl: Der Basler Musiker Yanik Soland © Pati Grabowicz

Ein Kapitel könnte lauten: Die Archive zerstören. Yanik bedient ein DJ-Pult mit zwei Plattenspielern. Kaum angespielt, reißt er die Vinyl-Teile unter der Nadel hervor, reicht sie weiter ins Publikum oder schmeißt sie gleich zu Boden. Wer damit aufgewachsen ist, die kostbaren Stücke wie Wertgegenstände auf Fingerkuppen ins Cover balancierte, ächzt wie Aymann unwillkürlich auf. Nicht Yanik. Er sagt zum empörten Aymann: "Ich habe Spotify." Aymann: "Weißt Du, was das in Beirut, was die Produktion einer solchen Platte kostet?"

Eine komische und bittere Szene: LPs feierten mit oft aufklappbaren Covern und den großen Fotos eine Musikerfindung und eine Musikempfindung, wohingegen heute Streamingdienste auf Klick ihr statistisch und nach ABC geordnetes Datenarsenal absolvieren.

Das Leben kommt zurück

Schließlich Aymanns Mission: Die Archive aus dem 15-jährigen Bürgerkrieg retten – gegen die Vertreter der Schattenregierung, die daran kein Interesse hätten. Damit die Jugend von der Vergangenheit erfahre, wenn sie die Zukunft baue: So doziert er bewegt, erklärt Dia-Bilder und Filme aus Zeiten, als die Frauen noch Whiskey tranken und rauchten. Ein emotionales Statement, über das man gern detaillierter diskutiert hätte.

"Life is coming back", singt Schupp zum Finale. Und es ist erstaunlich, wie spielerisch und vielschichtig sie, Nahle und Soland den Themenkreis um Erinnerungen, Sterben und neues Leben anpacken. Der Abend, der sich immer wieder zum Dialog ans Publikum wendet, wird zum Appell, dass der Wert von Erinnerungen in lebendigen Beziehungen steckt.

Recycling of Life
Von Antje Schupp
Regie: Antje Schupp, Entwicklung: Antje Schupp, Ayman Nahle, Yanik Soland und Christoph Rufer, Ausstattung: Christoph Rufer, Video: Aymann Nahle, Musik: Yanik Soland.
Mit: Antje Schupp, Ayman Nahle, Yanik Soland.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.kaserne-basel.ch

Kritikenrundschau

"'Recycling of Life' ist eine eindrückliche Performance zu einem Thema, das alle kennen dürften", schreibt Florian Oegerli in der bz (7.2.24). Gegenstände "mit sentimentalem Wert aus dem eigenen Leben oder dem der Vorfahren" dürften schließlich die meisten zu Hause haben, so der Kritiker. "Was verloren geht, wenn man diese im Namen des Lifestyle-Minimalismus gedankenlos entsorgt, macht das Stück deutlich klar."

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