Licht im Dunkel des Irrsinns

von Esther Slevogt

Berlin, 10. September 2014. Ja, darum geht es vielleicht. Einfach ganz ironiefrei und mit sich selbst identisch leben, lieben und von einem anderen Leben träumen können. Am Ende des Abends versammeln sich Christine Groß, Sophie Rois und Mira Partecke vorne an der Rampe und intonieren mit fast zärtlicher Sehnsucht leise Elvis Costellos 1970er-Hymne (What's so funny 'bout) peace, love and understanding.

Wenn ich durch diese boshafte Welt wandere ...

"As I walk through this wicked world, searchin' for light in the darkness of insanity" singen sie also, von Mira Partecke auf der Gitarre begleitet, auf der "Suche nach Licht im Dunkel des Irrsinns". "I ask myself, is all hope lost?" Passend zum Flowerpowertum, aus dessen Endmoränenlandschaften dieser Song stammt, tragen sie lange Batik-Tuniken. Wie man sie damals eben trug, als das Verhängnis der postmodernen Zerschnipselung und Ironisierung der Welt, die Auflösung aller Bezüge und religiösen Ordnungen seinen Anfang nahm. Damals, als man in Bayern noch katholisch und in Tibet buddhistisch war, zum Beispiel, und der Buddhismus noch keine neoliberale Ideologie des Westens, den Einzelnen für die Anforderungen der Selbstausbeutung fit zu halten, wie Sophie Rois einmal (frei nach Slavoj Žižek) mit rauchiger Stimme moniert.

houseforsale3 560 lenore blievernicht hWertedebatte im Herbstlaub: Sophie Rois, Bärbel Bolle, Christine Groß, Mira Partecke
und Tina Pfurr (im Haus) © Lenore Blievernicht

"House for sale" ist dieser süffige und melancholische Abend überschrieben – noch so ein Lied aus dieser Zeit. Und ein Haus steht auch auf der weiten Bühne voller Herbstlaub, deren Horizont ein riesiger roter Plastikvorhang ist, den man in früheren Zeiten vielleicht mal als Bild für die Morgenröte einer besseren Zeit hätte lesen wollen, der aber jetzt nur noch wie Materie gewordene Ironie erscheint. Vier Frauen und eine Souffleuse schickt René Pollesch vor dieser Kulisse auf den Parcours der berühmten Frage nach dem richtigen Leben.

Die Souffleuse Tina Pfurr dient dabei der Veranschaulichung der Dialektik, dass die Beziehungen der Schauspielerinnen zur Souffleuse mit ziemlicher Sicherheit authentischer als die von ihnen dargestellten Figurenbeziehungen sind, die eh allesamt bloß geliehen sind, bei der amerikanischen Fernsehserie "Starsky and Hutch" oder Tschechows "Drei Schwestern". Als deren Wiedergängerinnen geistern Christine Groß, Mira Partecke und Sophie Rois in ihren Wortgefechten mit der beharrungswilligen, reibeisenrauen Bärbel Bolle durch den Abend, die Tschechow-Gedankenwelt bildet den Resonanzraum des Abends.

Wo Slavoj Žižek donnert

In diesem Raum ertönt dann aber am donnerndsten die Theoriestimme Slavoj Žižeks, dessen Auseinandersetzung mit dem Apostel Paulus und dem Christentum das pägnanteste Dialogmaterial für die drei Schauspielerinnen wird. In Žižeks "paulinischem Materialismus" taucht der frühchristliche Theologe und Missionar als eine Art Ur-Lenin auf, wird dem Christentum durch seine faktische und äußerliche Wucht eine subversive Macht zugeschrieben, die Žižek zufolge der heutigen Zeit abgeht. Der jüdische Saulus, der zum christlichen Paulus wird, ist letztlich auch einer, der sein Haus verkauft und in ein neues zieht – wovon die drei Schwestern vergeblich träumen und dabei aber, so eine These des Abends, auf ihre Art mit sich identisch bleiben.

Mit großer Leichtigkeit jonglieren die drei Schauspielerinnen mit den Diskursschnipseln und teilweise zentnerschweren Thesen und Sätzen. Besonders Sophie Rois' abgründiges Sprachgefühl macht einiges des gelegentlich etwas unausgegoren wirkenden Wertekonservativismus' dieses Abends wett. Da wird Bewunderung für den authentischen katholischen Repräsentationsprunk und die Wurzeln der Theaterrepräsentation darin ebenso nonchalant formuliert, wie die Frage, ob gegen öffentlich auftretende Nazis nicht doch eher die Wucht eines Baseballschlägers hilft, statt "Konzerte gegen Rechts". Also reale statt symbolische Handlungen.

Nur noch ein weiteres "Konzert gegen rechts"

Ohne jemals einen direkten Bezug zu formulieren (was man gut finden kann oder eben nicht), handelt der Abend auch von der global aktuell gerade außer Rand und Band geratenen Sehnsucht nach Werten, nach Orientierung und faktischer Gewalt als Durchsetzungsmittel, wie sie sich auf religiöser Ebene im Augenblick am furchterregendsten in Syrien oder dem Irak (mit Echos bis in die Fußgängerzonen von Wuppertal oder Dresden) offenbart. Und wenn dann Sophie Rois leise insistierend immer wieder fragt, ob vielleicht doch "Konzerte gegen Rechts" hilfreicher als Schläger sind, vielleicht fehle ja nur noch ein einziges, da läuft es doch kalt den Rücken herunter, weil man es (auch mit den mörderischen Terrorbildern der letzten Wochen im Kopf) besser weiß. Aber lieber nicht besser wissen möchte. As I walk through this wicked world, searchin' for light in the darkness of insanity eben.


House for Sale
von René Pollesch
Uraufführung
Regie: René Pollesch, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Tabea Braun, Licht: Lothar Baumgarte, Musikarrangement: Roman Ott, Lars Gühlcke, Soufflage: Tina Pfurr, Dramaturgie: Anna Heesen.
Mit: Bärbel Bolle, Christine Groß, Mira Partecke, Sophie Rois, Tina Pfurr.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.volksbuehne-berlin.de

 
Kritikenrundschau

Tobias Becker auf Spiegel Online (11.9.2014) "zappt gerne mal rein" in Polleschs "Boulevardtheater für Großstadt-Akademiker, das die gerade angesagten Diskurse auf die Bühne wuppt". Das neue Stück "House for Sale" mit seinem Insistieren auf Déjà-vu-Erlebnissen wirkt für ihn, "als räsonniere der Meister über seine Methode", Diskurse zu wiederholen und an anderen Orten weiterzuspinnen. Dabei sei diese neue Folge in der unablässigen Pollesch-Serienproduktion "fast frei von dem sonst so typischen Theorie-Gepolter, dem Diskurs-Dampfgeplauder". Im Ganzen findet der Kritiker den Abend "nicht schlecht, aber auch nicht herausragend gut."

Pollesch nehme sich an diesem Abend die "gesellschaftskritische Eingreifkunst" vor, schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (12.9.2014). Die "Theoriemasse" halte sich "diesmal für Pollesch-Verhältnisse auffällig im Hintergrund. Dafür gibt es viel lustiges Befindlichkeitsgeplänkel und angewandtes Gender-Switching." So "unterhaltsam" es auch sei, die Volksbühnen-Akteurinnen ihrer "Virilitätssimulation, Breitbeinigkeitsparodie und dem vitalen Knarrengebrauch zuzusehen", so recht überzeugt ist die Kritikerin von dem Unternehmen nicht.

Polleschs Serienproduktion kennen "naturgemäß gute und schlechte Zeiten", diese Folge sei eine "gute", berichtet Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (12.9.2014). Der Abend drehe sich um Sophie Rois, die "weite Teile der Theoriestrecke" bewältige (mit Slavoj Žižeks Religions- und Ethikkritik und Themen wie "Authentizität, Geschlechtskonstruktionen und die Abgründe der Psychoanalyse"). "Das ist nicht immer große Philosophie. Manchmal ist es höherer Nonsens. Aber er will etwas, dieser lustige Abend. Und sei es nur, uns an die Diskrepanz von Wunsch und Wirklichkeit zu erinnern."

Pollesch unterziehe "sein eigenes Werk der Inventur", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (12.9.2014): "Wie konnte es nur passieren, dass es auszog, dem Theater das Kritischsein zu lehren, aber im Wellness-Segment landete, bestens als mentaler Fitnesstrainer geeignet, mit dem man lernen kann, es sich im falschen Leben gemütlich zu machen?" Die Antwort des Kritikers: "Wahrscheinlich, weil dieses Theater sich selbst immer am wichtigsten nahm." Aber der "Mut zur Beichte und Selbstgeißelung" mache diesen "seltsam grobkörnigen, unfertigen Abend sehenswert". Denn Pollesch wisse um die Paradoxie seines Unternehmens, darum dass "das Pollesch-Theater" zur "eigenen Kirche samt Dogmenhärte und treudoofer Jüngerschar geworden" ist.

 

 
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