Leichte Beute

von Esther Slevogt

Berlin, 21. Juni 2015. Es ist ungewiss, ob es die junge syrische Mutter wirklich gegeben hat, deren Begräbnis in Berlin neulich die spektakuläre Kunstaktion Die Toten kommen des Zentrums für Politische Schönheit eröffnet hat. Ob sich ihr angeblich aus einem anonymen Massengrab exhumierter Leichnam wirklich in dem weißen Sarg befand, der auf dem muslimischen Friedhof in Berlin-Gatow in die Erde versenkt wurde. Denn sie ist in erster Linie eine Theaterfigur, erschaffen, um zu erreichen, was gut ausgedachte Theaterfiguren seit Aristoteles zu erreichen versuchen: nämlich beim Zuschauer Jammern ("Eleos") und Schaudern ("Phobos") hervorzurufen, um schließlich Läuterung (und Erkenntnis) zu bewirken. Und wie sehr das ZPS mit dieser Aktion einen Nerv getroffen hat, zeigt schon das enorme Medienecho.

ZPS Toten Bauschild 280h sleKurz vor dem Kanzleramt:  symbolisches Bauschild mit Sarg  © sleEigentlich möchte man daher inständig hoffen, dass der Sarg leer gewesen ist. Ebenso leer, wie die Särge heute, die in einem inszenierten Trauermarsch von der Berliner Straße Unter den Linden bis kurz vor das Bundeskanzleramt getragen wurden: mit der krassen Behauptung, man wolle die anonym verscharrten Ertrunkenen hier nun im Zentrum von Macht und politischer Verantwortung real noch einmal begraben. Denn jeder habe das Recht auf ein würdiges Begräbnis. Die Behörden hatten allerdings reale Bestattungen verboten, inklusive des Mitführens eines Baggers, mit dem die Erde vor dem Kanzleramt hätte aufgerissen werden sollen.

Symbolische Aufladung

Was für eine Würde hätte den im Mittelmeer Ertrunkenen und anonym verscharrten Menschen hier schließlich zurückgegeben werden können: Wenn man sie, wie geplant, plakativ auf dem Platz vor dem Kanzleramt ganz real und guerillahaft begraben hätte? Keine. Ihre Missachtung und Instrumentalisierung hätte sich fortgeschrieben.

Ein kraftvolles und eindringliches Bild stand schließlich am Ende dieser Als-ob-Aktion: ein Feld mit über 100 symbolischen Gräbern für die ertrunkenen Flüchtlinge auf der enormen Wiese vor dem Reichstag, die "Platz der Republik" heißt. Eine ähnlich symbolische Aufladung hatte dieser Platz wohl zuletzt vor 20 Jahren als Christo den Reichstag verpackte: kurz bevor er zum Symbol der neuen Berliner Republik umgebaut werden sollte.

ZPS Toten GrabReichstag 560 sleVor dem Berliner Reichstag © sle

Aber leider ist das nur ein Bild von vielen. Denn die Veranstaltung wurde ziemlich bald übernommen: von unterschiedlichsten radikalen und politischen Gruppierungen von radikal links bis radikal rechts. Alle versuchten, ihre eigenen Bilder zu produzieren und sich in die Aktion einzuschreiben. Das ZPS war am Ende nur noch eine Randerscheinung – die Veranstaltung war ihnen entglitten. Zwar waren einige solidarisierende Gruppen im Vorfeld wohl offiziell ausgeladen worden (siehe ZPS-Facebookseite). Ihrem Unmut darüber machten einige von ihnen während des Trauermarsches lauthals Luft. Ein paar Ultra-Rechte wurden während des Demonstrationszuges sogar von der Polizei entfernt, als sie ihre Parolen brüllten.

Medienspektakel

Die ersten, die am Sammelpunkt Unter den Linden / Ecke Charlottenstraße unangenehm aufgefallen waren, war eine Gruppe mit Grabkränzen bewaffneter Funktionär*innen der Berliner Piratenpartei, die verkleidet waren, als gehörten sie zu einer Provinzinszenierung von "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" – mitten drin: Anke Domscheit-Berg mit rotem Hut und einem Transparent mit peinlich demagogischen Parolen. Umringt waren sie von Dutzenden Medienleuten, vom Rumor des Spektakels angelockt: sie hielten die schrille Truppe für ZPS-ler.

Die echten ZPS-ler jedoch traten eher dezent in schwarzen Anzügen und weißen T-Shirts mit Auschrift "Die Toten kommen" in Erscheinung. Und der obligatorischen schwarzen Schminke im Gesicht. Vielleicht als Symbol für den Dreck dieser Welt, dem sie sich mit ihrem ganzen moralischen Pathos entgegenwerfen. Gemessenen Schrittes begleiteten sie einen Transporter eines muslimischen Bestattungsunternehmers.

Tausende Trittbrettfahrer

Mehrere Tausend Menschen hatten sich dem Zug angeschlossen. Viele mit Blumen und selbstgebastelten christlichen Grabkreuzen. Erst dachte man noch: hier wurde mit einer ebenso krassen wie sinnfälligen Setzung eine gesellschaftliche Bewegung angestoßen. Doch bald wurde auch deutlich: es hatten sich diffuseste Gruppen als Trittbrettfahrer daran gehängt und wollten ihre eigene Gechichte damit schreiben. Die Abschlusskundgebung des Zentrums für Politische Schönheit unter dem symbolischen Bauschild am Kanzleramt findet am Ende mangels Publikum nicht mehr statt.

ZPS Toten PhilippRuch 280 sleAm Rande des Zugs: Philipp Ruch © sle

Denn Antifa-Gruppen hatten den Zaun, der die Reichstagswiese vor dem Demonstrationszug schützen sollte, umgestürzt. Die Menge strömte weg vom Bauschild auf die Wiese. Viele gruben mit bloßen Händen symbolische Gräber für umgekommene Flüchtlinge aus. Eine Wahnsinns-Szenerie. Doch ins friedliche Bild drangen bald schrille Töne. Sogenannte "Anti-Deutsche" skandierten aggressive Parolen. Am Rande immer wieder erhitzte Debatten: Zwei junge palästinensische Männer beschimpfen Gräber-Ausheberinnen in geblümten Hosen: "Ihr missbraucht unser Schicksal!" und ernten völliges Unverständnis. Irgendwo knäulen sich Massen, die aggressiven Parolen schwellen an. Aus einer anderen Ecke des Platzes dringt fanatisch säuselnder Sing-Sang. Schließlich stürmt die Polizei die Veranstaltung. Auch das ein Bild, das bleibt.

Und eben das des symbolischen Gräberfelds vor dem deutschen Bundestag. Wenn es nicht über Nacht weggeräumt wird. Als theatrale Setzung hat "Die Toten kommen" enorme Wucht und Wirkung entfaltet. Doch als es auf die Straße ging, in den Raum jenseits der imaginären Bühne im medialen Raum, war die Luft raus, wurde "Die Toten kommen" zur leichten Beute für Instrumentalisierer und Populisten. Das ZPS hatte dem nichts entgegenzusetzen. Merkwürdig schlachtenbummlerische Kommentare auf Twitter stattdessen. Leider.

 

Hier eine Presseschau zur Aktion.

 

 
Kommentar schreiben