Blut, Boden, Bonobos

von Claude Bühler

Zürich, 13. August 2015. Unwohlsein allerorten. Wer sich am Zürcher Theaterspektakel vom Spartentitel "Short Pieces" zum Gedanken an leichte Kulturhäppchen verleiten lässt, sieht sich in den acht internationalen, meist halbstündigen Tanz-, Performance- und Theaterstücken mit gewichtigen und nahrhaften Themen wie Krieg, Unterdrückung oder hohen Suizidraten konfrontiert. Dass hierbei leicht der thematische Anspruchsbogen etwas angespannt wirken kann, zeigte sich bei den drei Aufführungen, die nachtkritik.de besucht hat. Drei Künstlerinnen – aus der Ukraine, aus Burkina Faso und Kanada – stellten je auf höchst unterschiedliche Weise Identitätskrisen und Kämpfe mit der persönlichen und sexuellen Integrität vor.

Viktoria MyronyukViktoria Myronyuk © Theaterspektakel 

Spells for a Foreign Groom

Der Tragik vieler Osteuropäerinnen, die der wirtschaftlichen Not mit der Heirat eines europäischen Ehemanns entfliehen wollen, nähert sich die Ukrainerin Victoriya Myronyuk ironisch und verspielt. Für "Spells for a Foreign Groom" (Zaubersprüche, um einen ausländischen Bräutigam zu kriegen) habe sie alte, magische Rituale in ihrer Heimat recherchiert, mit denen Ukrainerinnen die reichen Männer aus dem Westen anlocken wollten.

Also präsentiert sie sich als Ritual-Ausbildnerin, verrenkt lasziv ihren Körper, verzieht ihren Mund zur Form einer Vagina, hechelt auf allen Vieren, präsentiert Rezepte aus Fleisch, Menstruationsblut und Samen, Zaubersprüche oder Suggestionsübungen ("Stell Dir Deinen Bräutigam vor"). Die emotionale Kühle und der gleichzeitig leidenschaftliche, sportive Einsatz wirken komisch. Ob sich so aber die Entfremdung jener Frauen oder gar der "koloniale Blick auf den Kern nicht-europäischer Existenz", wie im Produktionsblatt verheißen, "performativ analysieren" lässt? Am Ende sieht es doch eher nach einer konzeptionell sauber ausgeformten, gedanklichen Wucherung aus, die dank den plastisch ausgefüllten Bewegungen der Künstlerin zum Seherlebnis wird.

Legs

Wie eine emotionale Breitseite schlägt dagegen "Legs" (Vermächtnis) von Edoxi Lionelle Gnoula ein, die aus dem vollen Eigenen ihres persönlichen Kindheitselends in Burkina Faso schöpft. Sie sei das Ergebnis eines "Gelegenheitsficks". Ihren Vater stellt sie vor laufender Kamera, fordert ihn mit der Frage heraus, warum er sich nie um sie gekümmert habe. Voller Wut knallt sie ihre Sitzbank auf den Boden, dass die Halle zittert. Sie wälzt sich auf dem Boden, schreit wie ein Kind, übersingt mit falscher Fröhlichkeit ihre Verzweiflung, lässt Tirade schnell auf Tirade folgen, sodass man die Übersetzung (aus der Landessprache Mooré) kaum mitlesen kann.

Cie Desir 560 uEdoxi Lionelle Gnoula © Theaterspektakel

Aber Gnoula geht es um mehr als nur das eigene Schicksal: In einen riesigen Bogen packt sie auch kritische Betrachtungen zur Frauenemanzipation, der Armut, der Missbrauchsopfer, politisch motivierter Morde, das tödliche Schicksal der Flüchtlinge, der Kriegsopfer mit ein, um beim "verantwortungslosen Bumsen" zu landen. Spätestens da stellt sich das Gefühl ein, dass man viele Fragen stellen, diese Flutwand aus Wut durchdringen möchte, um Gnoulas Anliegen genauer verstehen zu können. Bewundernswert bleibt, wie natürlich Gnoula ihren Text ins Publikum speit als spreche sie das alles zum ersten Mal aus.

Uncanny Valley Stuff

In ein wüstes Niemandsland – Plastiktaschen, Schaumgummifetzen, Filzteppich liegen auf der weiten Szenenfläche – verirrt sich Dana Michel in "Uncanny Valley Stuff" (Unheimlicher Tal-Stoff). Nur mit einer Schürze und einem weißen Haartuch, das ihre Dreadlocks einspannt, bekleidet, windet und kriecht sie über Boden und Gegenstände, singt da und dort etwas, verliert Haartuch und Schürze, um sich am Ende in einer Plastiktüte zu wälzen. Damit verhandle die Kanadierin mit karibischen Wurzeln den Zwiespalt ihrer kulturellen Zugehörigkeit. Oder auch, dass ein Film über Bonobos sie irritiert und mit Scham erfüllt habe. Wie merkte man das, wenn man es nicht zuvor im Produktionsbeschrieb gelesen hätte?

Dana Michel 560 uDana Michel © Theaterspektakel

Was aber deutlich mitzuerleben ist, das sind die Gefühle von Entfremdung, von der Persönlichkeit ebenso wie vom eigenen Körper, von Einsamkeit und Isoliertheit, von generellem Unwohlsein und Schwäche, von Traurigkeit. Als lebendiges Gemälde eines Zustandes, der sich entwickelt, besticht die Aufführung, auch dank der starken Präsenz von Michel – thematisch jedoch weniger wegen der weiten Mehrfachdeutbarkeit der einzelnen Teile.

Die "Short Pieces", wegen guten Erfolgs bereits zum dritten Mal im Programm des Theaterspektakels, sind als Förderung von vielversprechenden Newcomern gedacht. Ein verdienstvolles Engagement, für das die Festivalleitung sogar proportional höhere Kosten in Kauf nimmt. Und obendrein winkt den Teilnehmern sogar ein sogenannter "Anerkennungspreis".

 

Short Pieces

Spells for a Foreign Groom
Performance
Von und mit: Victoriya Myronyuk.

Legs seule en scène
Doku-Theater
Cie. Désir Collectif
Von und mit: Edoxi Lionelle Gnoula, Regie: Sidi Youbare, Musik: Sébastien Belem, Künstlerische Mitarbeit und Technik: Lukas Bangerter.

Uncanny Valley Stuff
Performance
Von und mit: Dana Michel, Künstlerische Beratung: Martin Bélanger, Mathieu Léger, Yoan Sorin.

Dauer: jeweils ca. 30 Minuten

www.theaterspektakel.ch

 

Kritikenrundschau

In der Neuen Zürcher Zeitung (15.8.2015) schreibt Lilo Weber über "Soft Machine", ein Dokumentations-Projekt asiatischer Tanzformen im Rahmen der "Short Pieces": "Das ist ein Performance-Schmuckstück mit spannendem zeitgenössischem Material, und so brillant getanzt, wie man das selten erlebt". Hintersinnig umgesetzt sei "Lolling and Rolling" des Südkoreaners Ja Ha Koo, einem Studenten der Theaterhochschule in Amsterdam, der in einer 40-minütigen dokumentarischen Performance eindrücklich zeige, wohin das krankhafte Beherrschtwerden vom Beherrschen einer Sprache führen kan. In "Thoda Dhyan Se (Be careful)" von Mallika Taneja aus Delhi schwinge dagegen ein globales Missverständnis mit, dass die Frau selber schuld sei, wenn sie vergewaltigt wird, man kleidet sich schliesslich nicht so freizügig. Mit solch unfreiwilligem Hohn erweist Taneja der Sache der Frau keinen Dienst.

 

 
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