L. O. V. E.

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 14. Januar 2016. Drinnen Weltvergessenheit, dabei draußen Weltuntergang. Aber nicht die ganze Welt ist untergegangen am 14. Juli 1789. An diesem Abend des Sturms auf die Bastille begegnen sich in Arthur Schnitzlers "Der grüne Kakadu" weit über 20 Figuren in der titelgebenden Spelunke. Da gibt es zahlungskräftige Adlige, einen geschäftstüchtigen Wirt und also allerlei Theater. Schauspielende praktizieren drinnen, was die Revolution draußen erst noch bewahrheiten muss. Das Publikum wird verhöhnt, es werden ihm Geschichten von Gaunereien verkauft, aber alles, weil es ja Theater ist, verursacht angenehmes Grausen bloß.

Der Einakter von 1899 lässt sich locker lesen als Drama der Dekadenz einer Gesellschaft am Rande des Nervenzusammenbruchs. Während draußen die Französische Revolution sozusagen als Wahrheit ausbricht, wähnt sich das Publikum drinnen in der Sicherheit des Theaters. Die Inszenierung des mit Texten von Bernhard Studlar angereicherten Stücks am Schauspielhaus Wien könnte sich also an einigen Themen aufhängen. Ist es am Ende ein symbiotisches Verhältnis, das da zwischen Weltvergessenheit und Weltuntergang besteht? Was ist möglich und/oder nicht in der Beziehung vom Theater zu Wahrheit und Lüge? Und überhaupt, welche Welt geht denn heutzutage unter, oder geht gar keine nirgendwohin?

Zeremonienmeister: der (traurige) Eros

Regisseurin Lucia Bihler hat sich für was ganz anderes entschieden. Also, es gibt schon eine Welt, die untergeht. Nämlich die des Kapitalismus. Deswegen regnet es fürs Schlussbild viele Geldscheine auf die mit weißer Plastikfolie verkleidete Bühne von Josa Marx. Diese Bühne macht nicht halt am Bühnenrand, der ganze Raum ist weiß. Theater im Theater! Dass es auch wir sein könnten, die weltvergessen im Theater sitzen, darauf will die Inszenierung aber ansonsten nur so am intellektuellen Rande hinaus. Das ganz andere ist: die Liebe. Ja! Was die Welt halt so im innersten zusammen hält. Oder dann auch auseinander fallen lässt.

DergrueneKakadu 560 LupiSpuma uDraußen ist Weltuntergang, drinnen ist Cybermärchen © Lupi Spuma

Nicolas Fehr macht als trauriger Eros beides. Hält mit seinem Gesang bis zum handlungsreichen Ende die Geschehnisse im grünen Kakadu zu einem Party-Panorama zusammen. Und lässt mit ebendiesen Musikeinlagen gleichzeitig alle Ereignisse auf der Bühne zu Zeitlupen-Choreographien erstarren. Seine Lackhose und hochhöchsten Schuhe schimmern. Er schwebt auf einer Schaukel über die Menschen in den ersten Reihen hinweg. Dazu Nebel. CD-Kauf hiermit empfohlen. Die sieben weiteren Schauspielenden stemmen langsam ihre nicht immer klar voneinander differenzierten 16 Rollen dem Grande Finale entgegen, wenn im Grünen Kakadu Henri dann wirklich, also nicht mehr nur als Theatergeschichtl, den Liebhaber seiner Frau, den Herzog von Cadignan, ersticht.

Nix mit fühly-feeling

Neben den Liedern sind es drei Monologe der – im Falle dieser Inszenierung Kakadu-Wirtin – Madame Prospère, die dem Text von Schnitzler durch Bernhard Studlar draufgegeben wurden. Am Anfang stöckelt Kara Schröder, Gastschauspielerin der Produktion, nervös und spricht vom "neuen Haus der Gemeinschaft". Zur Mitte des Stücks dann verkündet sie, als Priesterin umkniet von den anderen: "Wir haben uns viel zu lange an Dingen festgehalten, von denen alle dachten, dass sie sicher sind." Und nach dem Mord am Herzog, nach dem handlungsreichen Ende also, schimpft sie schließlich herrisch das Publikum mittels Auszählreim nach Hause.

Frontalunterricht-like ist das, und auch die Dialoge werden nach vorne gesprochen. Das, die formidablen Cybermärchen-Kostüme (auch von Josa Marx), in denen die Schauspielenden stecken, sowie die kräftigen, heftig wechselnden Lichtverhältnisse verleihen dem Abend den rigorosen Charme von Formalität. Wiewohl von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, da ist trotzdem nix mit fühly-feeling. Da karrt ja auch Steffen Link als ätherisches Wesen Henri seine Frau Léocardie (Vassilissa Reznikoff) nackt im Trolley mit sich herum. Da besteht ja auch die einzige ehrgeizige Phantasie der in hochgeschlossene Motorrad-Outfits gehüllten Adligen in ein bisschen Haue-Haue. Das ist also diese Liebe, die die Welt zusammen hält. Schöne Liebe das.

Der grüne Kakadu
nach Arthur Schnitzler, in einer Version mit Texten von Bernhard Studlar
Regie: Lucia Bihler, Bühne: Josa Marx, Kostüme: Josa Marx, Bühnenmusik: Jacob Suske, Songs: Nicolas Fehr, Jacob Suske, Dramaturgie: Jacob Suske.
Mit: Simon Bauer, Nicolas Fehr, Vera von Gunten, Jesse Inman, Steffen Link, Sophia Löffler, Vassilissa Reznikoff, Kara Schröder.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.at


Kritikenrundschau

Das puppenhaft steife Spiel der Knautschlackfiguren macht das Stück aus Sicht von Margarete Affenzeller vom Wiener Standard (16.1.2016) leblos. "Einerseits wird dabei hochtönend viel vernuschelt, andererseits stiehlt man der Sprache die Show". Die Kritikerin hätte sich "mehr Schauspielerfleisch" gewünscht "wie jenes von Jesse Inman, der als begriffsstutziger Chevalier Albin den Untergang seines Standes anrührend darstellt". Doch im "Getriebe dieses Ausstattungsabends versickern", so Affenzeller, "auch die Zusatztexte von Bernhard Studlar, die von der Wirtin als Zwischenkommentare gesprochen werden."

Für Christina Böck von der Wiener Zeitung (16.1. 2016) scheitern die Schauspieler fast schmerzhaft daran, "das dramatische Stückwerk zusammenzuhalten", Doch es bestehe immerhin die Hoffnung, dass hier das schlechte Schauspiel nur gespielt wird.

"So schrill hat man Schnitzler schrillstes Stück vielleicht noch nie gesehen", schreibt Barbara Petsch in der Wiener Tageszeitung Die Presse (16.1.2016). Die "üppige und schräge Aufführung" bediene die Schaulust. Es habe hoffentlich auch keiner erwartet, "dass im Schauspielhaus Schnitzlers Einakter vom Blatt gespielt wird, "das wäre einer Avantgardebühne nicht würdig." Ob allerdings Bernhard Studlars Bearbeitung und Lucia Bihlers Inszenierung wirklich avantgardistisch sind, ist aus Sicht der Kritikerin nicht gewiss.

 
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