Hölle, Hölle, Hölle!

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 19. Februar 2016. Zu Anfang geben die altbekannten Klänge aus dem Film Der dritte Mann das Niveau vor: ganz unten, wenn auch nicht in der Wiener Kanalisation. Der Glamour-Himmel ist nämlich eine Hölle. Der gigantisch schöne Bühnenraum von Volker Hintermeier stellt ein Stahlgerüst aus, das sich zu einer unwirtlichen röhrenartigen Laube fügt. Im Boden befinden sich Luken, Unebenheiten, Gitter. Auf derart unsicherem Terrain bestreiten die Akteure den Abend.

Zweite Allgemeine3 560 Birgit Hupfeld uKriechen über die Bühne von Volker Hintermeier: Till Weinheimer, Verena Bukal, Constanze Becker, Vincent Glander, Martin Rentzsch © Birgit Hupfeld

Mick Jagger in Jung

Felicia Zellers neues Stück "Zweite allgemeine Verunsicherung" bietet dabei gar keine Figuren, sondern nur auf unterschiedliche Schauplätze verteilten Text. Mal ist von einem roten Teppich und Preisverleihung die Rede, mal von den Bottroper Power-Tagen, mal bewegt man sich im Hotel, mal im Hinterzimmer. Darin lässt Zeller Schauspieler, Vortragsreisende und andere im Licht Stehende ein Leben simulieren, das sich selbst erschöpft: Immer derselbe Trott, Wiederholung reiht sich an Wiederholung und höchstens erste Male besitzen noch Ereignischarakter. Regisseurin Johanna Wehner hat die Textfläche auf fünf Personen verteilt, die sich über den Tod hinaus an ihren Oberflächen abarbeiten: glitzernde Untote in sagenumwobenen Kostümen. Dem eigenen Bedeutungsverlust setzen sie ihre manischen Egos entgegen, der öffentlichen Meinung erliegen sie wie einem Selbstbetrug.

Constanze Becker als kreischende Walküre

Gerne sieht man dem hervorragend aufgestellten Frankfurter Quintett dabei zu, auch wenn seine abgehalfterten Show-Allüren zu keiner überraschenden Zeitdiagnose taugen. Constanze Becker kommt als kreischende Walküre mit irrem Blick und verächtlichen Fingerzeigen auf Hochtouren, während Verena Bukal der Autorin Felicia Zeller mit Brille und Pferdeschwanz ziemlich ähnlich sieht und im gallig gelbem Kleid, einem Rapunzel-Zopf in XXL und hungrigen Mäuseblicken besticht. Vincent Glander sieht im Lammfellmantel ein bisschen aus wie Mick Jagger vor ziemlich langer Zeit und benimmt sich ebenso jung und arrogant, während Martin Rentzsch locker und schneidig als Provinz-Showmaster durchgeht und Till Weinheimer mit unmöglichem Gebiss und Glitzer-Blousson vor Begeisterung schön vibriert.

Zweite Allgemeine1 560 Birgit Hupfeld uHöllenkinder: Verena Bukal, Till Weinheimer, Constanze Becker, Vincent Glander, Martin Rentzsch © Birgit Hupfeld
In wechselnden Konstellationen rotten sie sich zusammen, umrunden auch schon mal das ganze Gerüst, wagen hier einen Feldaufschwung aus der Trostlosigkeit und dort einen Hechtsprung in die Freiheit. Daraus ergeben sich immer wieder phantastische Bilder, die sich gar nicht erst lange wiederholen müssen, bis sie ins Leere laufen – wie Zellers Sätze, die ja gern im Nichts enden und keinen Punkt vor dem Ende setzen, die hier aber mit so forcierter Ernsthaftigkeit gesprochen werden, dass sich die Albernheit von allein ergibt.

So spielt sich der Oberflächenhumor leider zu oft in den Vordergrund. Zellers Stück ist nicht wahnsinnig tiefgründig, aber doch smart genug, viele komische und auch traurige Ideen bereit zu halten: So zum Beispiel eine App, mit der sich die Blicke der anderen deuten lassen, wobei verächtliche gleich an den Anwalt weitergeleitet werden. Dazu röcheln und zischen die Neonröhren, mal ist es hell, mal dunkel, mal zwielichtig, was sich im aufsteigenden Trockennebel der romantisch trashigen Bühne extrem hübsch macht.

Redundanz als Stilprinzip

Warum allerdings der Text in eine andere Reihenfolge gebracht wurde, das Ende, das bei Zeller eine neue Perspektive öffnet, gekappt wurde, gibt Rätsel auf. Oder haben sich Regisseurin und Autorin auf den Text geeinigt? Bei Zeller etwa lautet der erste Satz "Ich bin ein Mensch." Wehner entscheidet sich für einen erst später fallenden: "Ich lebe in der Hölle." Daraus ergeben sich unterschiedliche Zugänge. Der Weg, den Zellers ursprüngliches Stück zurücklegt, ist der interessantere. Er mündet in einem "Ich liebe die Wiederholung." Vorher war davon die Rede, dass die Hölle eine Wiederholung sei. In dieser Hölle lässt die Inszenierung ihre Figuren genüsslich um sich selbst kreisen. Die Redundanz gerät zum Stilprinzip, mit jeder Geste, jedem Schritt zitieren sich die Figuren selbst. Immer mal wieder stehen sie auch einfach so da und schwanken zu einlullender Musik sachte von links nach rechts. Das wiederum passt bestens zur Unentschiedenheit der ganzen Unternehmung – und dieser Rezension.

 

Zweite allgemeine Verunsicherung
von Felicia Zeller
Regie: Johanna Wehner, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Ellen Hofmann, Musik: Joachim, Schönecker, Dramaturgie: Henrieke Beuthner
Mit: Constanze Becker, Verena Bukal, Vincent Glander, Martin Rentzsch, Till Weinheimer               
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

"Es ist durchaus eine Freude, den Schauspielern dabei zuzusehen, wie sie sich um das innere Nichts der von ihnen vorgeführten anonymen Figuren drehen, wie sie mit hochprofessioneller Artikulation Sätze ins Leere laufen lassen und verwundert bis verzweifelt über den instabilen Zustand räsonieren, in den sie zu ihrer eigenen Überraschung geraten sind", schreibt Michael Hierholzer in der FAZ (22.2.2016). Und es sei "im Prinzip ganz wunderbar", wenn zeitgenössische Theaterleute sich an der Avantgarde abarbeiteten, "also nicht so tun, als habe es das alles nicht gegeben" – aber die Form ist für Hierholzer falsch gewählt: "Warum keine Installation, keine Performance? Warum die Form des Theaterabends, von der selbst der abgebrühteste Besucher erwartet, es müsse doch noch etwas kommen, dass die Lage auf der Bühne erhellt?" Das alte Spiel mit der Erwartung lasse einen "dann doch nur noch die Schultern zucken".

"Es geht um Ratlosigkeit und die muntere Erschöpfung unserer Tage, um die nicht zuletzt daraus erwachsende Kombination aus Verächtlichkeit und Entschuldigungswahn" in Felicia Zellers Stück, beschreibt es Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (22.2.2016). "Es geht um eine Schein- und Nichtseinwelt, in der schon die Wendung 'Ich bin ein Mensch' als Mantra reicht." Johanna Wehners Uraufführung allerdings lege sich auf "den nebelig umflorten postapokalyptischen Zusammenhang" fest, so von Sternburg. "Das funktioniert ohne weiteres, aber ist es nicht auch seltsam, dass es so ohne weiteres funktioniert? Dass ein Text so viel anbietet, aber nichts weiter denken lässt?" Es sei "viel Verve und Unterhaltsamkeit" in der Vorstellung des Schauspieler*innen-Ensembles. "Man muss sich aber nicht einmal wiedererkennen. Es folgt nichts daraus, außer einer wohlwollenden Applauslänge."

Das Ensemble arbeite sich virtuos durch die Wortkaskaden, schreibt Esther Boldt in der taz (23.2.2016). Felicia Zellers Diagnose ist aus Sicht der Kritikerin nicht neu, "weil sich die Dinge nicht so schnell ändern, wie wir es uns auf der Jagd nach dem ewig Neuen so gern weismachen. Ihre Diagnose ist nervtötend und schmerzlich. Einmal mehr spürt die Autorin im redseligen Alltagsgeplapper die Wunden der Gegenwart auf. Darum brauchen wir sie. Und darum brauchen wir Wehners glamouröse Jammergestalten, mit denen man sich so wenig identifizieren mag und in denen man sich doch, gewissermaßen mit einem lachenden Schauder, wiedererkennt."

"Johanna Wehner orchestriert den Zeller-Text dermaßen stilsicher, dass er schließlich ganz entrückt klingt," schreibt Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (23.2.2016). Das Auftragswerk nach Tschechows "Iwanow" entwickelte sich aus Sicht dieses Kritikers "weg von Tschechow, dem Urahnen aller zaudernden Zeitgenossen, und wird von Johanna Wehner in der Frankfurter Uraufführung dann auch noch in einen völlig anderen Kontext gestellt", sieverpflanze es in "ein untergründiges Schattenreich verängstigter Zombies."

 
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