Totsein ist kein Wunschkonzert

von Gerhard Preußer

Bonn 14. April 2016. Was entsteht, wenn der Tod nicht mehr als Ende akzeptiert wird, der Mensch aber sterblich bleibt? Ein unruhiges Hin- und Herirren von unlebendigen und untoten Geistern. Solche ruhelosen Gespenster, "Außenseiter ihres eigenen Lebens", versammelt Lukas Linder in seinem neuesten (seinem zehnten) Stück um eine Leerstelle namens Franz.

Linder, letztjähriger Gewinner beim Heidelberger Stückemarkt, wählt ein satirefähiges Milieu: ein Mietshaus. Darin wohnt Franz, oder besser, dort wohnte er. Denn Franz ist tot. Aber die Hausbewohner ignorieren das. Jeder hat seine Pläne mit ihm. Der Hausmeister will ihm zum Geburtstag gratulieren, der pensionierte Clown erzählt ihm einen Witz, die Schriftstellerin mit dem schauerlich-schönen Namen Adele Napf-Günsterloh will mit ihm spazieren gehen, ihre Tochter nimmt ihn mit ins Kino. Der Kammerjäger nimmt den Kampf gegen die Speckkäfer im Haus auf. Die einzige, die dieses Spiel nicht mitspielen kann, ist Nelly, Franzens Zwillingsschwester. Sie sucht ihren Bruder und den Schatz, den er ihr in ihrer Kindheit versprochen hat.

Die größte Heuchelei der Welt

Diese absurde Geschichte hat ihren makabren realen Hintergrund. 2005 wurde in Genf in einer Einzimmerwohnung eines Mietshauses das Skelett eines Mannes gefunden, der schon zwei Jahre tot war. Die Mitbewohner ahnten, dass etwas nicht stimmte, ignorierten es aber. Der Hausmeister hatte nur gelegentlich Duftspray vor der Tür des Apartments versprüht. Diesen gut dokumentierten Fall hat Linder als Folie genommen.

Draussen Rollt 2 560 Thilo beu xKönigin der Lebensunfähigen: Ursula Grossenbacher als Adele Napf-Günsterloh mit Bernd Braun (Herr Schreck) und Robert Höller (Mogul Max) © Thilo Beu

"Das Leben übersteigern zu können mit Hilfe der Fantasie", sagt Linder, sei für ihn der Anlass zu schreiben. In diesem Fall übersteigert er den Tod. Und zur Fantasie – sprechende Pizzaschachteln, spiritistische Sitzungen – kommt der Tiefsinn, in melancholischem Humor verpackt. Frau Adele hat ein Schatzkästlein von Sinnsprüchen, z.B.: "Schuppen sind der Schnee fühlender Seelen". Damit ironisiert der Autor seine eigene Tendenz zu humorigen Weisheiten. Aber auch bei anderen Figuren kann er sich nicht zurückhalten mit Sentenzen. Da flutscht auch schon mal ein Walter-Benjamin-Zitat dazwischen. Im Dialog funkeln viele zitierfähige Merksätze: "Totsein ist kein Wunschkonzert" oder "Nüchterne und glückliche Pensionisten sind die größte Heuchelei der Welt".

Über allen thront die Königin der Lebensunfähigen

Eine für die Figurenkonzeption wichtige Erkenntnis hat Linder sich bei dem amerikanischen Romancier Sherwood Anderson ausgeliehen und im Stück dann einem anonymen falschen Chinesen in den Mund gelegt: Menschen werden grotesk, wenn sie aus der Fülle der möglichen Wahrheiten eine ergreifen und danach zu leben versuchen. Grotesk sind alle Figuren des Stückes, ihre Wahrheiten sind geborgt. Es sind keine prunkvoll gedachten, sondern verschmitzte Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Die wichtigste, von Nelly formulierte, ist: Im Eigenen beheimatet zu sein, während draußen der Sturm tobt, ist eine kindische Vorstellung, die sich unmerklich in ihr Gegenteil verkehrt: "Die Heimat ist jetzt draußen. Und wo man selber ist, tobt der Sturm."

Stürmisch geht es in Mina Salehpours Inszenierung der Uraufführung in der Werkstatt des Bonner Schauspiels nicht zu. Die Komik bleibt gezügelt. Aber der schwarze Humor wird ganz schön bunt. Das Mietshaus wird durch eine Art Showtreppe mit rotem Teppich verbildlicht (Bühne und Kostüme: Maria Anderski). Oben thront die Königin der Gemeinschaft der Lebensunfähigen: die Schriftstellergigantin Günsterloh (Ursula Grossenbacher) in rot-weiß-schwarz gestreifter Robe. Ihr zu Füßen eine im überlangen Flokatipullover sich versteckende Tochter (Julia Keiling), ein dummtrauriger Clown mit zu kurzen Hosen (Bernd Braun) und ein überdrehter Hausmeister (Robert Höller), der immer wieder unter den Teppich flüchtet.

Von flüssigen Wörtern

Nellys Pizzaschachtel bleibt zwar stumm, sodass sie deren Text selbst sprechen muss, und ihre Selbstbefriedigung geht über Pizzakauen nicht hinaus, aber Laura Sundermann gibt ihr eine Hartnäckigkeit in der Selbstanalyse, die sie zur einzigen Hoffnungsfigur werden lässt. Nachdem sie die Illusion von Franzens Weiterexistenz als Toter zerstört hat, weigert sie sich, die Rolle ihres Zwillingsbruders im Totenkult der Hausbewohner einzunehmen: immerhin eine, die leben will.

Fern von allem sozialen Realismus präsentiert die Inszenierung Linders Pointen mit präziser Trockenheit, ab und zu verflüssigt durch etwas vom Kindertheater entliehene Lust am überraschenden Unsinn. In diesem skurrilen, kurzen Stück erzählen uns die Figuren viel Wahres über das Leben und das Theater, zum Beispiel: "Die Wörter sind immer so trocken. Aber ich träume von Wörtern, die flüssig sind. Und darum trinke ich." Prost! Auch wenn es nur Milch mit Honig ist.

 

Draußen rollt die Welt vorbei
von Lukas Linder
Uraufführung
Inszenierung: Mina Salehpour, Bühne & Kostüme: Maria Anderski, Dramaturgie: Jens Groß.
Mit: Laura Sundermann, Robert Höller, Bernd Braun, Alois Reinhardt, Ursula Grossenbacher, Julia Keiling.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.theater-bonn.de

 

2015 erhielt Lukas Linder für Der Mann aus Oklahoma den Kleist-Förderpreis und gewann damit außerdem den Autorenwettbewerb des Heidelberger Stückemarkts. Stückporträt und Videoporträt auf dem nachkritik-Festivalportal des Heidelberger Stückemarkts.

 

Kritikenrundschau

Ulrike Gondorf von Deutschlandradio Kultur (14.4.2016) findet: "Die Mittel, die Lukas Linder wählt, laufen dem Erwartbaren zuwider." Der Dialog sei schnell und pointiert, die Situationen farcenhaft, die Figuren skurril und überzeichnet. "Was dem Autor nicht recht gelingt, ist ein Bogen, der das Ganze zu einem überzeugenden Ende bringt." 'Draußen rollt die Welt vorbei' sei ein witziger, kurzweiliger Abend, der hin und wieder auch in Abgründe blicken lasse. Aber: "Zum großen Wurf fehlt ihm die zwingende Form."

Die Gemeinschaft aus Linders Text sei "gezeichnet: von Lebensüberdruss, Einsamkeit, Krankheit, Kommunikationsstörungen und Paranoia", schreibt Dietmar Kanthak im Bonner General-Anzeiger (16.4.2016). Das Stück sei "ein Lebensgleichnis" und zeichne "ein absurd trauriges und grotesk komisches Verzweiflungsbild." Die Schauspieler steckten "in Textilien, die ihre Figuren charakterisieren" und bekämen von der Regisseurin "Luft zur individuellen Entfaltung". Sie beherrschten "den gehobenen, sprachverliebten und pointensüchtigen Ton des Autors", setzten aber "auch Akzente, die unter die Haut gehen sollen." Für einen großen Abend fehlten dem Stück dann aber doch "Substanz und Dringlichkeit".

Die Unruhe halte Linders Stück lebendig, so Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.4.2016). "Etwas ziellos, grotesk und absurd, mit schnellen, pointenreichen Dialogen." Und: "Kein großes Drama, ein kleiner Spaß." Mina Salehpour habe das Stück "knapp und komisch in Szene gesetzt: Auf der Werkstattbühne stellt das Theater nicht seine gesellschaftliche Relevanz, sondern seine Eigenständigkeit unter Beweis."

 

 
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