Schokolade von Mark Zuckerberg

von Dieter Stoll

Nürnberg, 13. April 2017. Die Schöpfung braucht keine Worte: Vier Personen taumeln live als Slowmotion-Rohmaterial herein, mutieren zu Affen-Ahnen und richten sich auf zur Evolution der Kurz-Botschaften. Gleich in der zweiten Szene die ultimative Apokalypse: Die 17jährige Matylda, frisch gedemütigt von der diensthabenden Cybermobbing-Bande und auch selber nicht verlegen um Segensgrüße in Netzwerk-Dynamik ("Mögen Eure Partner nie zum Orgasmus kommen"), hat einen revolutionären Schub – sie will ihren Facebook-Account löschen. Echt wahr! Man hatte sie, schlafend mit offenem Mund und aufgemaltem "Fuck me" fotografiert, in den digitalen Kreislauf geschossen und so die User massenhaft zum kreativen Pöbel-Posting gelockt.

Lifeisloading1 560 Marion Buehrle uÜbermalt und projiziert: Josephine Köhler und Bettina Langehein in "Life is Loading"
© Marion Bührle

"Das ist der Anfang von Eurem Ende", schlägt sie zurück und holt mit dem Zeigefinger zum Todesstoß, dem finalen Klick aus. Aber so einfach ist die virtuelle Welt nicht, da läuft statt leisem Servus ein Erinnerungs-Video vom "voll krass" gespeicherten Leben, die fleischgewordene "Freundesliste" rebelliert gegen Untreue am Schirm, und im abgedunkelten Bild erscheint in Fleecejacke der Mark ("Ich bin nur ein ganz normaler Junge") Zuckerberg. Dieser unauslöschliche Wunderknabe im Dienst der Firma Klick & Glück gibt schwer zu denken. Er plobbt ins Krisengebiet und jammert scheinheilig an die Beinahe-Deserteurin hin: "Hilf mir, eine bessere Welt zu schaffen". Die beiden Autoren und wir anderen "The Circle"-Leser wissen Bescheid.

Gegen den virtuellen Super-GAU

Die Sieger des seit 2015 in Nürnberg stationierten, nach Osteuropa blickenden und im Vorjahr ganz auf Polen fokussierten Dramatiker-Wettbewerbs "Talking about Borders" haben tatsächlich über Grenzen nachgedacht. Weniger über nationale oder die des guten Geschmacks, dafür mächtig ergrimmt über die durchlässigen Grenzen im World Wide Web. Sie finden sie grenzwertig.

Mariusz Wiecek und Jerzy Wójcicki, seit Jugendjahren in Danzig als Autorenpaar aktiv, in den Solokarrieren eher auf die Spannung zwischen Lyrik und Kabarett fixiert, bauten ihre Szenen-Collage gegen den virtuellen Super-GAU wie ein Mahnmal aus Geschenkpapier. Die "verstörende Odyssee durch die Untiefen des Internet" (Ankündigungstext) ist eher Empörungs-Shopping auf der Sozialmedienmeile, dokumentarsatirische Schnäppchen mit kleinen Poesie-Häubchen geschmückt. Flashmobber marschieren wie die Prinzengarde guter Nachbarschaft auf, aber hinter solchem Glanz schleichen andere komische Nacht-Gestalten, militante "Like-Bettler" und "Likeoholics" mit Trend zur Rundschlag-Aggression.

Durchs Konsumtrauma drängeln

Man erfährt alles von allen, die Suchmaschine öffnet ihr Archiv. Auf Verklemmungen der Chat-Erotik folgt die giftspritzende Flutwelle aus der Kommentarspalte. Und dann der Auftritt von Übervater "Big Daddy", feist und froh mit seinem von Philosophie plus Kalorien gefütterten Lebenskünstler-Übergewicht, der Spender der heiligen Schokokommunion: "Unseren täglichen Brownie gib uns heute", skandiert der Chor so antik und katholisch wie möglich.

Lifeisloading3 560 Marion Buehrle u Reden schwingen über die Möglichkeit, die Welt zu verbessern © Marion Bührle

Und während sich alle Akteure, zu Ballonmännchen aufgeblasen, gegenseitig durchs Konsumtrauma drängeln, verweigert uns die Regie das an dieser Stelle vorgesehene Märchen vom hungrigen Mädchen, mit dem am Ende die Moral hochfahren sollte. Hat es doch nach Ratschluss der Autoren beim Mampfen im klopsigen Burger-Berg das Geheimnis des Glücks entdeckte, den Hohlraum. Gestrichen, das war zu viel der abstrakten Satire für so konkret gewordene Späßchen.

Pop-up Comedy

Die junge Julia Prechsl, eine Begabung zweifellos, machte sich offenbar keine Illusionen über die Originalität des Textes und speist ihn in die Umwälzanlage von Möglichkeiten. Ihre kontrolliert flippige Inszenierung greift hinein in die Sketch-Wundertüte. Sie setzt das Publikum vor eine Projektionswand, wo sich virtuelle und reale Welten raffiniert überlagern, lässt die entschlossen amüsierten Zuschauer Fähnchen schwingen und die Schauspieler (alle bestens auf Comedy-Muskelspiele trainiert: Josephine Köhler, Bettina Langehein, Janco Lamprecht, Daniel Scholz) auch mal unmotiviert in Bären-Kostümen oder mit Insektenflügeln durch die Rollenwechsel rasen, ehe sie sich als Ballon-Ungetüme verabschieden. Statt der anbetungswürdigen Schokolade für alle Gläubigen, die da im Gespräch war, gibt es zuvor übrigens bloß einen Eimer voll Popcorn. Auch da hat die Regisseurin das Stück ganz richtig eingeschätzt.

Life is Loading
von Mariusz Wiecek und Jerzy Wójcicki
Regie: Julia Prechsl, Bühne: Julia Véronique Wiesen, Kostüme: Birgit Leitzinger, Dramaturgie: Jascha Fendel.
Mit: Josephine Köhler, Bettina Langehein, Janco Lamprecht, Daniel Scholz.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-nuernberg.de

 

Kritikenrundschau

Vier Schauspieler gingen in der Uraufführung von "Life ist loading" "auf die Suche nach ihrer verlorenen Identität und kommen sich – wie auch ihren Idealen und schließlich ihrer Würde – immer mehr abhanden", schreibt Bernd Noack in den Nürnberger Nachrichten (15.4.2017). Das Ganze sei "eine ernüchternde, dabei komische und bisweilen erschreckende Zustandsbeschreibung einer Welt, in der der Verstand ausgeloggt wurde und wir freiwillig nurmehr als Codes existieren, entblößt bis aufs Daten-Gerippe."

In der "flotten" Uraufführung von Julia Prechs sorge das Stück als "charmante Kollage" für kurweilige Unterhaltung und einige kritische Überlegungen, so Wolf Ebersberger in der Nürnberger Zeitung (18.4.2017). Solche wären: "Sind wir überhaupt noch wir selbst, wenn wir als virutelle Wesen im Internet surfen, chatten, posten? Wie viel steckt von uns in einem Profil (…) und was bleibt davon übrig, wenn sich das Leben immer mehr in den medialen Raum verlagert? Und wenn die ganzen egoman hochgeladenen Daten, Bildern, Intimitäten dann in die falschen Hände geraten?"

 
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