Die Arithmetik der Grausamkeit

von Peter Schneeberger

Wien, 29. Mai 2008. Nach sieben Stunden hat das Schlachten ein Ende. Nach sieben Stunden ist jeder Funken Hoffnung, dass die Menschheit noch zu etwas anderem fähig sein könnte als zu bitterer Grausamkeit und grenzenloser Gewalt, erloschen. Richard III. liegt tot am Bühnenboden, König Heinrich VI., Königin Anne und der Rebellenführer Jack Cade haben ihr Leben gelassen. Das Publikum ist vom Blutrausch sichtlich erschöpft: Müde aber zufrieden jubelt es kurz nach Mitternacht dem nicht minder ausgelaugten Ensemble zu.

Der vorangegangene Abend brachte sogar das potente Wiener Burgtheater an seine Leistungsgrenzen. 18 Darsteller spielten insgesamt 60 Rollen; mehr als 30 Komparsen, darunter so illustre Action-Profis wie Ringer und Stuntmen, waren im Einsatz; im Verlauf der Vorstellung schlüpften die Akteure in insgesamt 500 Kostüme; allein 16 Garderobiers waren hinter der Bühne damit beschäftigt, die Schauspieler zwischen den Szenen umzuziehen und zu schminken. "Das ist mein Ben Hur!", stöhnte Regisseur Stephan Kimmig am Ende der fünfzehnwöchigen Probenzeit.

"Kalt erwischt. Doch, wie Gott will."

Kimmig, für gewöhnlich ein Meister der Verknappung, hat sich William Shakespeares York-Tetralogie vorgeknöpft und "Richard III." sowie alle drei Teile von "Heinrich VI." an einem Abend zur Aufführung gebracht. In den vier Königsdramen lässt Shakespeare die englische Herrschaftsgeschichte wieder auferstehen: Von 1455 bis 1485 kämpften die beiden Adelsgeschlechter York und Lancaster um die britische Thronfolge. Weil das Haus Lancaster eine rote Rose im Wappen führte, das Haus York aber eine weiße, erhielt der Bürgerkrieg einen unverschämt poetischen Namen: Die Kämpfe gingen als "Rosenkriege" in die Geschichte ein.

Der Hass entzündet sich an einer Lappalie. Die noblen Adelshäuser kriegen sich bei einem Rechtsstreit in die Haare. Die Leiche des verstorbenen Königs Heinrich V. ist noch warm: Bühnenbildner Martin Zehetgruber hat den Sarg hinter Plastikplanen mitten auf der Bühne platziert. Den Zusehern steigt Weihrauchduft in die Nase, während Heinrich VI., ein Kind noch, die Streitparteien zu versöhnen sucht. "Ich möchte gern, wenn Bitten was bewirken, in Lieb und Freundschaft Eure Herzen binden", beschwört der Kindkönig die Familienclans.

Heinrich VI., von Philipp Hauß eindrucksvoll als verwöhnter Adelsspross gespielt, ist Shakespeares größte Hoffnungsfigur in dem düsteren Intrigenspiel: Der naive Herrscher versucht, sich dem Mainstream des Terrors zu entziehen. Doch hat Shakespeare Heinrichs Güte mit Schwäche gepaart: Als er erfährt, dass seine englischen Länder in Frankreich verloren sind, zuckt Hauß bloß lachend mit den Schultern: "Kalt erwischt. Doch, wie Gott will."

Vom Heinrich zum Heini

Jede der insgesamt 45 Szenen wird von Hermann Scheidleder als Conferencier mit einer kurzen Inhaltsbeschreibung anmoderiert: Mit einfachsten Mitteln bringt Kimmig Klarheit in die verworrene Genealogie. Den einzelnen Figuren heftet er rote und weiße Rosen ans Revers: zwecks leichterer Identifizierbarkeit.

Nur selten fließt Blut, die Bühne bleibt aseptisch sauber, Kimmig interessiert an Shakespeares blutrünstiger Tragödie die Arithmetik der Grausamkeit. Während das Volk in billigen Polyesterkleidern vorstellig wird, tragen die Potentaten perfekt geschnittene Smokings, präsentieren sich die Damen in edlen Abendroben und erledigt Heinrich seine Staatsgeschäfte schon mal im dicken Bademantel. Kimmigs edle Lords sind gewiefte Manager der Macht.

Erst nach der ersten Pause legen die hinterlistigen Herren ihre Tarnung ab: Zwei Komparsen schlüpfen aus ihren Smokings und steigen in den Ring, den Zehetgruber für den dritten Teil von "Heinrich VI." als Fanal der Gewalt ins Zentrum der Bühne aufgebaut hat. Aus dem gutmütigen Heinrich wird ein belächelter Heini: Zielsicher tappt Hauß von einem Fettnäpfchen ins nächste und verliert an seine Gegner die Krone.

Tableau der weiblichen Trauer

Kimmig verzichtet konsequent auf jeden Schnickschnack: In einer fast leeren Bühne lässt er die Figuren aufeinander prallen. Die Schauspieler stehen im Zentrum seiner Inszenierung: Johanna Wokalek gibt Königin Margaret als emanzipierte Frau, die keinesfalls gewillt ist, das stille Opferlamm zu mimen: Sie stellt ein Heer zusammen, um Heinrichs Krone zurück zu erobern und killt ihren Gegner York eigenhändig. Wokalek ist grandios kalt, konzentriert und kampfbereit: ein "Tigerherz, in Weiberhäute eingenäht".

Den anderen Frauen bleibt kein anderes Mittel als die Klage: Immer wieder schwingen sich Regina Fritsch, Dorothee Hartinger und Sabine Haupt zu eindrucksvollen Trauertiraden auf, die im Schlussbild von "Richard III." in einem Tableau der Trauer gipfeln, wenn sie König Richard, den "Satan", den "Hund", mit hasserfüllten Flüchen und bitteren Klagegesängen in den mentalen Zusammenbruch treiben.

Neun Morde hat Richard auf dem Gewissen: Er hat König Heinrich VI., seinen eigenen Bruder Clarence und sogar zwei Kinder lynchen lassen. Der jüngste Spross der York-Familie ist ein bisschen verwachsen, steht etwas abseits, ist aber ein typisches Mitglied seines Clans, in dem niemand auch nur einen Augenblick zögert, sich zur Durchsetzung seiner Machtansprüche der brutalsten Mittel zu beidienen.

Pandämonium des Hasses

Nicholas Ofczarek zeigt Richard III. als gut funktionierende Ich-AG: "Ich bin ich selbst allein", brüllt er der Welt entgegen. Er stylt sich, trägt einen weißen Anzug und hat nur den Erfolg vor Augen: "Ich fühl mich mickrig, wenn ich nicht der Höchste bin", formuliert er am Ende von "Heinrich VI." seinen Leistungs-Kodex. Zu Morden bedeutet für Richard nichts anderes als zu funktionieren: der perfekte Zögling eines Systems der Gewalt.

Mit kühlen Kopf und viel Gespür für Tempo reiht Kimmig die historischen Kämpfe zu einem gleißenden Pandämonium des Hasses aneinander: Mit steigender Frequenz beseitigt Richard potentielle Gegner. Ofzcarek tänzelt, brabbelt und stolziert von einer Gräueltat zur nächsten, bis er am Höhepunkt der Macht plötzlich kollabiert: Sein gewaltiges Ich bricht in tausend Stücke. Richard wälzt sich im Dreck, stolpert in den Müll und stürzt tief in die Hölle seiner Einsamkeit. "Keiner, der mich liebt", lallt er und ertrinkt in Selbstmitleid.

Stephan Kimmig hat viele grandiose Szenen geschaffen: Frankreichs König Ludwig (entwaffnend: Johann Adam Oest) setzt er als Modezaren Karl Lagerfeld in Szene, König Edward IV. schickt er im Rollstuhl in den Untergang. Nie läuft der Abend aus dem Ruder, nie verliert Kimmig die Balance zwischen Komik und Tragödie aus den Augen. Kimmig hat, im besten Sinn, dem Werk gedient. "O Ende, falsche Welt!", brüllt Lord Clifford, als er seinen toten Vater in den Armen hält. Die Theaterwelt wenigstens blieb an diesem Abend intakt.

 

Die Rosenkriege
von William Shakespeare
"Heinrich VI.", erster, zweiter und dritter Teil (übersetzt von Albert Ostermaier)
"Richard III." (übersetzt von Thomas Brasch)
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Martin Zehetgruber, Kostüme: Heide Kastler.
Mit: Regina Fritsch, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt, Johanna Wokalek, Philipp Hauß, Daniel Jesch, Dietmar König, Michael König, Juergen Maurer, Johann Adam Oest, Nicholas Ofczarek, Jörg Ratjen, Martin Reinke, Martin Schwab, Johannes Terne, Tilo Werner, Paul Wolff-Plottegg, Hermann Scheidleder u.a.

www.burgtheater.at

 

Mehr zu Stephan Kimmig: Im Februar inszenierte er Tennessee Williams´ Endstation Sehnsucht am Hamburger Thalia Theater, im letzten Dezember Tom Lanoyes Mamma Medea an den Münchner Kammerspielen, im Oktober 2007 Die Beißfrequenz der Kettenhunde von Andreas Marber wiederum am Thalia Theater, ebenso wie, im Februar 2007, die viel gerühmte Maria Stuart von Schiller.

Kritikenrundschau

Peter Michalzik resümiert in der Frankfurter Rundschau (31.5.2008), dass da wieder einmal ein Regisseur versuche, sich und das Theater mit Shakespeare neu zu erfinden, uns den Shakespeare mit Wucht um die Ohren zu hauen. "Der ganze Abend ist eine einzige Überforderung, siebeneinhalb Stunden Theater, vier Shakespeare-Stücke, Materialschlacht, Menschenschlacht, Machtschlacht, Moralschlacht." Aus den vier Stücken werden drei Teile, der erste sei "erbärmlich schlecht", "furchtbarstes Deklamiertheater". Die "wenigen schönen Teile von Shakespeares Text" lasse die Aufführung weg. "Da hier die meisten Schauspieler Doppel- oder Dreifachrollen spielen und da gleiche Personen manchmal in unterschiedlichen Kostümen auftreten, geht die Orientierung im ohnehin unübersichtlichen Personal verloren", das markiere ein Hauptproblem der Aufführung. "Der zweite Teil, wir machen es kurz, ist voller Regieeinfälle." Erst im dritten Teil sei die Aufführung bei sich, "sie ist entlarvend, böse, stark." Da könne man jetzt sogar den Anfang verstehen, schreibt Michalzik. "Das Ganze ist eine langsame Annäherung an die Form, die Politik heute angenommen hat, selbstgerecht, glamourös, vor allem infantil. Retrospektiv inszeniert Kimmig eine Evolutionsgeschichte der Macht, ein langes Märchen fundamentaler Machtskepsis."

Für Ronald Pohl im Wiener Standard (31.5.2008) (durchklicken auf: Home/ Kultur/ Bühne) scheitert die Inszenierung genau im Finale. Nicholas Ofczarek als Richard III. wälzt sich "jammervoll im Kot...die letzten Andachtsübungen eines Nervenkranken." Der Schauspieler "regrediert zum Schrecken aller Kinderzimmer." Zu diesem Zeitpunkt nach Mitternacht sei die Monsterveranstaltung der Rosenkriege "aus dem Ruder gelaufen". Kimmig steige aus der "Hochlage der Adelsvernichtung in die Niederungen der Kinderpsychologie". Ein "kalter, starrer Hauch der Langeweile" weht während der letzten zweieinhalb Stunden über die "ausgeglühte Stätte". "Ofczarek pumpt, was das Zeug hält. Es nützt alles nichts: Keiner gibt ihm mehr ein Pferd. Die Erzählung? 18 Schauspieler können eine ganze Welt erschaffen. Ein Hinkebein schlägt sie mutwillig kaputt". Für Pohl zu wenig, um nach sieben Stunden glücklich zu sein.

18 Darsteller in mehr als 60 Rollen, jede Menge Komparsen, Ringkämpfer, Artisten, dazu neun süße Kinder. "Nur Tiere fehlen zur Komplettierung des Zirkus", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (31.5.2008), "aber der Mensch ist hier ja schon viehisch genug, seines Zeichens: eine Bestie." Stephan Kimmig lange bei den "Rosenkriegen" in die Vollen, "wie einer, der endlich mal die Sau rauslassen und gar nicht genug kriegen kann von all den Monstern, Morden, Möglichkeiten." Vor schierer Begeisterung verliere er darüber "im Laufe dieses langen Theatertages Reise in die Nacht nicht nur die Ökonomie der Mittel, sondern auch die kühle Stilsicherheit, die seine Arbeiten meist kennzeichnen". Er inszeniere "querbeet durch Kammerspiel und Klamotte, Revue und Ranküne". Kein großer Wurf, "nur ein großer, inkohärenter Bilderbogen von höchst unterschiedlicher Qualität". Der gewaltige Eindruck, den Percevals "Schlachten"-Marathon einst hinterlassen hat, werde in Kimmigs Burgtheaterschlacht immer wieder wach, "gerade durch das, was hier fehlt: der große Atem der Geschichte, die Wucht des Erzählens, der archaische Resonanzraum." Am Ende laufe Ofczarek zwar "zu fieser, tänzelnder, manchmal sogar selbstquälerischer Ich-Form auf, verführt Lady Anne, schleimt erfolgreich bei Elisabeth... - das Publikum aber verführt er nicht. Es bleibt der schmerzende Hintern unseres Missvergnügens."

Gerhard Stadelmaier reichen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (31.5.2008) fünfunddreißig Zeilen für einen seiner Kurzverrisse in der rechten Spalten der ersten Feuilleton-Seite - immer ein Zeichen für seine Ungehaltenheit, die er auch diesmal kurz, knapp, bis zur Grenze der Beleidigung zum besten gibt. Die Figuren seien lauter Eintagsflaschen, "jede sofort entleert". Bei "Spielvögtle Kimmig" spüre man den "Gott der Flaschen". "Hirnlosigkeit adele" die Aufführung. "Politik ist ein dreckiges Geschäft. Was alle immer schon gemerkt haben, können sie hier noch mal merken. Also wieder mal ein ganz reizend reaktionärer Abend in Wien."

Am Burgtheater, schreibt Paul Jandl in der Neuen Zürcher Zeitung (31.5.2008), sei von "den tödlichen Zyklen der Politik" nicht viel zu spüren. "Erst wird der Text brav hergesagt, dann wird es witzig. Und nur manchmal gibt es Bilder, die auch stimmen." Statt "Schlachten" wie noch bei Perceval vor neuen Jahren würden "Materialschlachten" ausgetragen. Intrigen würden mit "bösem Ernst vollzogen oder als launiger Kalauer". Weil sich Stephan Kimmig nicht entscheiden wolle, sehe man eben beides nebeneinander. Die Geschichte sei bei ihm grausam und grotesk zugleich. "Was aber soll's? Zu einer Aktualisierung des Stoffes hat sich diese Inszenierung nicht hinreissen lassen, aber auch nicht zu seiner Dekonstruktion." Erst wenn am Ende "die drei grossen Frauen des englischen Ränkespiels nebeneinander in schwarzen Krinolinenröcken auf der Bühne stehen, auf hohen Sohlen und von Schmerz umflort", dann sei das ein Emblem für "die Shakespeareschen Wirrungen der Grausamkeit, wie es sie in dieser Inszenierung sonst kaum gibt".

Im FAZ-Konzern herrschen offenbar sehr gegensätzliche Auffassungen über die Güte von Stephan Kimmigs Inszenierung. Nach Gerhard Stadelmaiers Nicht-Auseinandersetzung schreibt Eberhard Rathgeb eine lange, sehr positive Besprechung in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (1.6.2008): Der Chronist sage gegen Ende des Dramas, er habe alles aufgeschrieben, er habe aus dem Blut seine Tinte gemacht. "Das bedeutet aber auch: Aus der Tinte kann man kein Blut mehr machen. Aus dem Theater kann man keine Geschichte herausnudeln. Aus einer Figur kann man keinen Menschen ausgraben. Das ist der poetologische Kern von Kimmigs Inszenierung." Der Chronist sei "der rote Faden, der Theater und Geschichte trennt und niemals reißt". Die sieben Stunden eilten dahin "wie sieben Reiter übers Feld". Stephan Kimmig überlasse sich "der freien Spielkunst" und nicht "einer engen Deutungskunst". Er "zieht die Königsgeschichte auf die Fläche einer gegenwartsaffinen Einbildungskraft, die sich auch nicht anmaßen kann, ein Schwert zu führen." Kimmig "möchte nicht mehr zutage fördern, als alle sehen können: keine Pathologien, keine Rätsel, keine Abgründe und deswegen auch keine genialischen Überwältigungen, keine erlösenden Lösungen, keine erregenden Entdeckungen." Nichts "Königliches auf weiter Strecke - nur ein flach wie die Welt der Flachbildschirme sich hinstreckendes Kontinuum von Gewalt als eine mehr oder weniger schillernde Form des zwischenmenschlichen Handelns".

 
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