Rutschen, singen, silly walking

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 23. September 2017. Er will noch nicht gehen. Er will noch ein ein bisschen saufen. Nestroyanisch gesprochen, und so spricht der alte Schuster Pfrim: "Die Nacht is keines Menschen Freund, da muß man sich wohin flüchten, wo’s lang Tag bleibt." Günter Franzmeier sinkt in die Knie. Schwingt eine Bierdose, unbestimmt, doch als Bekräftigung. Weinerlich, "dass ich dann und wann völlig arbeiten muss", das ist empörend, Franzmeier raunzt, er lallt: As Wienerisch as Wienerisch can be. Im Gewande der Vermurksung, und so sprichts sich nestroyanisch, wird die Herrschaftskritik zum bloßen Narzissmus. Der Narzissmus selbst aber zur Herrschaftskritik. "Ich wär’ vielleicht der ordentlichste Mann, den’s giebt, wenn die Verhältnisse darnach wären", so Pfrim.

Verwickelte Verwechslung, verwechselte Verwicklung

In "Höllenangst", einer "Posse mit Gesang in drei Akten", verfällt Pfrim, gemeinsam mit seinem Sohn Wendelin, einer fixen Idee. Dass Oberrichter von Thurming, wie der nach nächtlichem Stelldichein plötzlich durch das Fenster bricht, eigentlichst der Teufel sei. Und dass also, wegen dem dann da gelassenen Geld, Wendelin seine Seele an die Hölle verkauft. Ei! Eine Verwechselung, eine Verwicklung, viele davon, "I lass’ mir mein’ Aberglaub’n durch ka Aufklärung raub’n". Felix Hafner, der nach Isabelle H. (geopfert wird immer) von Thomas Köck und "Der Menschenfeind" von Molière zum dritten Mal am Volkstheater inszeniert, reduziert das Figurenpersonal von über 20 auf 12. Wer da trotzdem noch alles mit wem und von dem verhaftet und wo sind denn nun die Erbschaftspapiere ... es ist eine verwickelte Angelegenheit.

Bühne, Licht und Höllenangst

Die Bühne von Camilla Hägebarth zitiert die im Text verhandelte Vergeblichkeit von Aufklärung. Schon zu Beginn des Abends mühen sich die Schauspielenden über den schwarzen Hang hinauf. Rutschen ab. Versuchens wieder. Das geht einfach nicht. 1849, also im Jahr nach den bürgerlichen Revolutionen von 1848, in Wien uraufgeführt, prägt den Text ein Pessimismus. Im ersten von insgesamt drei Couplets gibt sich Wendelin noch kämpferisch. Wenn sich das "Mineralreich", die Pflanzen und die Tiere zusammen täten: "Meiner Seel’, ’s müßt dem Himmel höll’nangst dabey wer’n."

Hollenangst1 560 Lupi Spuma uOben: Kaspar Locher und Stefan Suske, unten: ein einzig sisyphelisches Rutschen auf der Bühne von Camilla Hägebarth © Lupi Spuma

Thomas Frank stimmt die Lieder als aggressive Predigten an. Das Licht setzt ihn als magischen Helden in Szene. Clemens Wenger von der Wiener Band 5/8erl in Ehr’n hat hierfür rhythmische Kompositionen gemacht, Peter Klien, Kabarettist, zum Beispiel bei "Willkommen Österreich", aktualisierte die Texte.

Erklärbär formlos

Statt Zweifel an Aufklärung und Revolte, gibt’s also Zweifel an der Einigkeit von Europa und der politischen Wirkungsmächtigkeit von Facebook: "Mit allen solidarisch, das macht mich richtig narrisch." Voller Ressentiment, aber unglaublich unmotiviert, verzögern die Couplets einen ohnehin sehr zähen Handlungsverlauf. Die verwickelte Angelegenheit wird dabei brav entwickelt. Hafner lässt die vielen Erklärbär-Monologe meist frontal zum Publikum sprechen. Zu sehen gibt’s dabei wenig. Ein blutleeres Ambiente ohne konsequente Form. Mal unmotiviert, mal gefühlsduselig. Ist ein ermüdendes Abstottern der Verwicklungen geworden. Lichte Momente ins bilderlose Erklärungs-Einerlei bringt vereinzelt nur der Schauspiel-Schabernack.

Um den Pakt mit dem Teufel zu prüfen, patrouilliert Frank als Wendelin an einem stumm-starren Gendarmen vorbei. Ministry of Silly Walks ist immer lustig. Und Frank ist Master of the Ministry. Provokant und charmant bis verzweifelt und grob, so streckt und wendet, schmeißt und schleicht er sich um Mario Schober herum. Die Augen reißt es ihm aus den Höhlen heraus, ganz der herzensgute Proletarier, aufgeschreckt, in gar unglaubliche Verwicklungen gebracht. Solche Momente des Kuriosen, wo an den Figuren das Typische, das Klischee aufscheint, sind rar. Sind aber die interessanteren.

 

Höllenangst
von Johann Nestroy
Regie: Felix Hafner, Bühne: Camilla Hägebarth, Kostüme: Johanna Hlawica, Musik und Sounddesign: Clemens Wenger, Couplets: Peter Klien, Licht: Paul Grilj, Dramaturgie: Angela Heide, Andrea Zaiser.
Mit: Gábor Biedermann, Thomas Frank, Günter Franzmeier, Isabella Knöll, Laura Laufenberg, Kaspar Locher, Valentin Postlmayr, Christoph Rothenbuchner, Claudia Sabitzer, Mario Schober, Stefan Suske, Luka Vlatković.
Dauer: 1 Stunde und 45 Minuten, keine Pause

www.volkstheater.at

 

Kritikenrundschau

Im Standard aus Wien schreibt Margarete Affenzeller (online 24.10.2017): Regisseur Felix Hafner nehme die Nestroy-Posse "turnfreudig und recht harmlos in Angriff". Viel "Körpereinsatz und geblähte Lungen" seien notwendig, um die "Textmassen vom Papier" abzulösen, was oft zu einem "leblos-gleichtönenden Deklamieren" führe. Der Abend sei" geschäftig", aber "ohne Vision", selbst die neuen Couplets wirkten als Rap mit neuem Vokabular aufgesetzt. "Schauspielerische Gustostückerln" hielten den Abend aufrecht.

Barbara Petsch schreibt in der Wiener Presse (25.9.2017): Felix Hafner schäle erfolgreich "die zeitlose Parabel" aus dem Stück. Es herrsche "fieberhafte Spannung", das Spiel sei so "symbolhaft wie stimmig". Hafner bediene sich kräftig bei Comedy, Rap, Film. Es blitze, donnere und schütte wie im "Atelier von Alt-Hollywood". Dauernd werde in Österreich Nestroy gespielt. Meist versinke er in "Überzeichnung oder antiquierter Klamotte". "Ihn so lustig und doch so richtig zu inszenieren, die Sprache weitgehend klaglos einstudiert, das gelingt selten." Eine "amüsante und gescheite" Aufführung.

 

 
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