Frauen ballen Fäuste

von Grete Götze

Frankfurt am Main, 9. Dezember 2017. Swoosh Lieu ist eine jener am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaften entstandenen Gruppen, die inzwischen auch überregional Beachtung erfährt, aber trotzdem in Frankfurt lebt und nicht, wie so viele junge Künstler, zum Leben nach Berlin geht. Kein Wunder also, dass der Frankfurter Magistrat das Frauenkollektiv erstmals mit 55.000 Euro pro Jahr in seine feste Förderung aufnehmen möchte.1

Die seit 2009 bestehende Gruppe aus Johanna Castell, Katharina Pelosi und Rosa Wernecke stellt mit den Mitteln Videokunst, Licht und Ton oft Themen wie den Theaterraum und seine Technik selbst in den Mittelpunkt, zum Beispiel 2014 mit der Performance "Stages of work" über die Arbeit hinter der Bühne. Meist sind politische Fragen Ausgangspunkt ihrer Inszenierungen. So interessiert sich die feministische Gruppe etwa für jene Arbeit vieler Frauen, die wenig Anerkennung bekommt. Ihr letzter Abend, "Who cares?! – eine vielstimmige Personalversammlung der Sorgetragenden", an dem sie Frauen wie Krankenschwestern, Sexarbeiterinnen oder alleinerziehenden Müttern eine Stimme geben, war zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens und zum Freie-Szene-Festival "Impulse" eingeladen.

Der Theatersaal als Suchbild

"Who moves?! – Eine performative Montage der Beweggründe", jetzt im Experimentier-Raum Frankfurt Lab uraufgeführt, ein Zusammenschluss verschiedener Kooperationspartner, der Künstler*innen "Raum und Zeit in einem unüblichen Maße zur Verfügung" stellen möchte, ist der zweite Teil der Trilogie, die sich mit den Auswirkungen der krisenhaften Gegenwart auf das Leben von Frauen beschäftigt. Dieses Mal, so die Ankündigung, fragen die Performerinnen nach den Fluchtbewegungen und Migrationserfahrungen von Frauen, einschließlich ihrer medialen Darstellung.

WhoMoves 2 560 SwooshLieu uLicht und Kunstnebel, Zuschauer*innen frei im Raum. © Swoosh Lieu / Hanke Wilsmann

Erstmal betritt der Zuschauer hierfür einen großen, leeren Raum, in dem ein wenig Kunstnebel in der Luft hängt und unterschiedliche Frauenstimmen aus Lautsprechern ans Ohr dringen. Auf den Boden projiziert werden verschriftlichte Beobachtungen der Frauen, die offenbar Bilder beschreiben. Der Theatersaal als großes Suchbild, in dem ansonsten nur drei mit Klebeband umrissene Vierecke auf dem Boden zu sehen sind. Erste Bilder entstehen, wenn überhaupt, im Kopf. Dann schieben die Performerinnen im Halbdunkeln schwarze Pappkisten herein, die sie in den Vierecken verteilen und auf die sich die Zuschauer setzen.

Welche Körper in welchen Räumen

"Fest steht: Welche Körper sich in welchen Räumen bewegen, ist eine politische Frage", tönt es aus den Lautsprechern. Der Zuschauer kann sich im Theaterraum gleich mit gemeint fühlen. Dann wieder Frauen, die von Bildern erzählen. Gefilmt wird die Bühnensituation auch. Wie passend dazu dieser akustische Fetzen: "Fest steht: Wer vor und wer hinter der Kamera steht, ist immer auch eine politische Entscheidung".

Leise schieben die Performerinnen sieben lange Tische auf die Bühne und verteilen Kopfhörer darauf. Die Zuschauer bewegen sich von selbst, setzen sich einander gegenüber. Die Bilder, die dann auf ihren Tisch projiziert werden, können sie nur sehen, wenn sie eine der weißen Projektionsflächen an die richtige Stelle schieben. Die Tischgruppe bewegt gemeinsam die Bilder, von denen sie visuell wie akustisch nur eine Ahnung bekommt. Ein unscharfes Bild von einer Frau am Strand mit Baby scheint auf, per Kopfhörer sagt eine Frauenstimme, ihrem Verein gehe es darum, alle Lager abzuschaffen. Eine andere erzählt von der serbischen Stadt, die alle Flüchtlinge 2014 auf dem Weg nach Deutschland passierten. Eine Faust scheint durch.

WhoMoves 1 560 SwooshLieu uWer nicht herumschiebt, der nichts sieht. Die Bilder muss man sich gleichsam gemeinsam erarbeiten. © Swoosh Lieu / Hanke Wilsmann

Irgendwann löst sich die Tischsituation wieder auf, die Besucher kehren in ihre Vierecke zurück und hören den Frauen zu, die immer mehr von sich erzählen, nicht mehr nur von den Bildern, welche die Performerinnen ihnen offenbar zu Beginn der Arbeit vorgelegt haben. Zuletzt lüften sich die Vorhänge an den Wänden. Und da stehen sie, die Kurzbeschreibungen der befragten Aktivistinnen: Chimène, Aktivistin aus Kamerun. Irina, lesbische Russin, die Asyl beantragt hat, weil ihr sonst Verfolgung droht. Hava, 17 Jahre alt, seit drei Jahren in Berlin, ihre Familie wurde abgeschoben. Miriam, politische Aktivistin aus Hamburg. Dazu Bilder an der Wand, die man erst umdrehen muss. Drei Skateboard fahrende junge Frauen mit Kopftuch. Ein Schwarz-Weiß-Foto von flüchtenden Trümmerfrauen. Zwei Frauen ballen ihre Hand zur Black-Power-Faust. Ein Foto von Mae Jemison, der ersten afroamerikanischen Astronautin im All.

Frauen, die sich oder etwas bewegt haben

Wer gehofft hat, an diesem Abend neue Informationen zu kürzlichen Fluchterfahrungen von Frauen zu gewinnen, wird enttäuscht. Ebenso jener, der lange persönliche Geschichten erwartet hat. Vielmehr ist die Inszenierung eine schrittweise Annäherung an kurze Erzählungen von Frauen, die sich oder etwas bewegt haben, geflüchtet sind oder sich als Aktivistinnen engagieren. Erst entstehen Bilder im Kopf, dann unscharf auf dem Tisch, schließlich mit Geschichte dazu an der Wand.

Während "Who cares?" durch seine politischen Forderungen bisweilen etwas Moralisch-Anstrengendes hatte, ist "Who moves?" leichter, kürzer, technisch präzise, aber in der Zusammenstellung der Befragten auch scheinbar zufälliger. Eine Installation, in der die Performerinnen dazu einladen, sich im Bühnenraum zu bewegen, Fotos umzudrehen und genauer hinzusehen, aber niemanden dazu zwingen. Die Neugier für "Who profits?", wo es um Gentrifizierung gehen soll, ist geweckt.

 

1 Der Transparenz halber sei gesagt, dass die Autorin des Textes im ehrenamtlich arbeitenden Theaterbeirat der Stadt ist, der dem Kulturdezernat Förderempfehlungen gibt.

 

Who moves?! – eine performative Montage der Beweggründe
von und mit Swoosh Lieu
Auf Deutsch und Englisch
Konzept, Licht: Johanna Castell, Konzept, Sound: Katharina Pelosi, Konzept, Video: Rosa Wernecke, Bühne: Lani Tran Duc, Dramaturgie: Stawrula Panagiotaki, Technisch-künstlerische Mitarbeit: Johanna Seitz, Produktionsleitung: Greta Granderath.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

swooshlieu.hotglue.me

 

Kritikenrundschau

"Wenig Inhalt ist hier ansprechend verpackt worden", schreibt Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (12.12.2017). Angelegt sei die Arbeit als Patchwork der Aussagen von Expert*innen, die jedoch die seltsame Tendenz hätten, sich auf der Stelle zu versenden. "Vielleicht, weil man die Sprecherinnen nicht sieht. Vielleicht, weil man gerade den Hals reckt nach einem Bild. Vielleicht aber auch, weil diese Meinungen, Erfahrungen, Deutungen erwartbar sind. Und eher entspannt als prägnant formuliert."

 
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