Stuttgart

Wut hat Vorfahrt

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 23. Februar 2018. Das ist ein lustiger Alter: Hängt seine Krone einfach an den Nagel und freut sich diebisch auf den Ruhestand. Herrlich, wie Martin Schwab (80) als König Lear (80) mit gelenkigen Knien herumhüpft wie ein Gummiball. Kann's halt kaum erwarten, sich endlich einen schönen Alterslenz zu machen. Den weißen Ausgehanzug hat er schon an. Man kann ihn sich vorstellen mit Strohhut, wie er die Promenaden mondäner Kurorte entlangschlendert und nach flotten Damen Ausschau hält.

So ruft er geschäftig noch schnell seine drei Orgelpfeifen-Töchterlein zusammen – reine Routine –, um ihnen endlich sein Reich in Dritteltortenstücken zu verabreichen. Fordert dafür lediglich eine kleine Show: Sein Nachwuchs soll ihm sagen, wie lieb er ihn hat. Ist ja jetzt eigentlich auch nicht die Welt, die er für ein Drittel-Königreich fordert, denkt sich der Alte. Aber eine, die Jüngste, Cordelia, macht nicht mit. Sie nimmt's mit der Wahrheit sehr ernst. Das Liebesgehudel der Schwestern widert sie an: Sie, die tief Empfindende, ist nicht fähig, auch nur ein nettes Wort zu sagen. Und damit ist grobkörniger Sand im nun knirschenden Getriebe der royalen Eitelkeit. Das blutige Drama beginnt. Lear verstößt Cordelia im kindischen Wahn und entscheidet sich fürs Altenteil bei seinen anderen Töchtern. Ein fataler Fehler. Denn die denken nur an sich.

Ohne Video, mit Nebel

Claus Peymann (80) hat in Stuttgart Shakespeares "König Lear" inszeniert. Nicht als bittere, finstere, verstörende Weltuntergangstragödie, sondern eher als schwarzhumorige Weltuntergangskomödie – mit leichter Altmeisterhand gewoben und von einem fantastischen Ensemble umgesetzt. Man mag sich in alte Theaterzeiten zurückversetzt fühlen: So nah am Original wird gespielt, so klar und verständlich und immer schön nacheinander rollt sich die Geschichte auf, so locker und flockig entfaltet sich das modern bearbeitete Prosadeutsch, und ganz ohne Videoprojektionen kommt man aus. Ja, man mag das altbacken finden. Aber man muss zugeben: Es sind durchweg sehr unterhaltsame dreiunddreiviertel Stunden.

Gespielt wird auf kahler, komplett schwarzer Bühne. An allen Seiten jeweils eine Glastüre, in der Mitte baumelt eine Glühlampe und schon bald Lears Krone. Ein dicker weißer Kreidekreis umsäumt die Spielfläche. Zwischendurch herrscht krasser Naturalismus: heult Sturm, blenden grelle Blitze, dröhnt Donner in die Ohren. Nebelwolken und Regen machen die Bühne glitschig. Und auch die Augen, die Cornwall dem Grafen von Gloster ausreißt und sie dann auf den Boden klatscht, wirken ziemlich echt.

Lear3 560 ThomasAurin uIm Regen stehend: Peter René Lüdicke, Martin Schwab, Lea Ruckpaul © Thomas Aurin

Keine gemütliche Welt, in die es Lear nun verschlägt, der sich mehr und mehr in den Wahnsinn flüchtet. Peymann fokussiert das Stück auf den Generationenkonflikt. Und da ist bei den bösen Töchtern – elegant und schön zickig: Manja Kuhl und Caroline Junghanns – kein Platz für den royalen Rentner. Der Alte nervt. Macht sich mit seiner Riesenentourage breit in den Heimen der Kinder und hört lauten Balkan-Rock. Martin Schwabs Lear wäre sicher ein netter Opa, wenn sein Nachwuchs schon Kinder hätte. Aber in seiner Rolle als Vater verhält er sich wie ein Teenager, der ständig Grenzen überschreitet. Kriegt er seinen Willen nicht, dann trampelt er mit den Füßen wie ein Kind.

Der andere, Graf von Gloster, wird auch von der Jugend ausgehebelt. Sein unehelicher Sohn Edmund, genervt von der väterlichen Bevorzugung des Bruders Edgar, will endlich auch an die Reihe kommen. Fantastisch Jannik Mühlenweg als wütender junger Wilder, verführerisch, hübsch und stylisch, sehr mephistophelisch in seinem destruktiven Wollen, selbst überrascht darüber, wie leicht es ist, die Menschen zu manipulieren: sowohl seinen Vater, den Elmar Roloff als freundlich-angepassten und recht einfach strukturierten Mann spielt, als auch Edgar (Lukas T. Sperber), den naiven Sanftmütigen, der bald als Bettler getarnt die Flucht ergreift. Eine witzig-rührende Szene, wie Edgar nackt, verdreckt und vor sich hin brabbelnd auf Lear trifft und dieser ihn sachte und mitleidig fragt, ob er auch sein Hab und Gut an Töchter habe abgeben müssen?

Lea Ruckpaul als doppelte Wahrheits-Hoheit

Weil Lear so kindisch ist, liegt die Regieidee nicht fern, sein Alter Ego, den stets ihn begleitenden Narren, mit derselben Schauspielerin zu besetzen, die auch Cordelia spielt – wiewohl diese beiden ja im Strudel der Intrigen, Egoismen und Verlogenheiten die Hoheit in Sachen Wahrheit gepachtet haben. Lea Ruckpaul im Narrenkappenkostüm spielt das wunderbar: mal Gelsomina, mal Rad schlagender Derwisch, mal altkluges Kind, mal rational analysierender Philosoph, und immer wieder zur Mini-Konzertina altenglische Melodien summend.

In der Rolle des Außenseiters Kent kann sich Peter René Lüdicke mal wieder als glänzender Komödiant beweisen: Schnell eine struppige Rothaarperücke aufgestülpt – schon wandelt sich der gutherzige, höfliche Adelige in einen grobschlächtigen, herumprollenden Bauern, jederzeit bereit, zu explodieren ("Wut hat Vorfahrt!"). Und auch Horst Kotterba als Oswald zeigt sich als umwerfender Komödiant mit präziser, geschmeidig sich windender Körperkomik.

Am Ende ist der Leichenberg bekanntermaßen groß. Und das Publikum ist sehr begeistert. Es feiert Peymann, der vor fast 40 Jahren Stuttgart gen Bochum verließ. Es feiert ihn ein bisschen wie den verlorenen Sohn.

König Lear
von William Shakespeare
Neufassung von Jutta Ferbers nach der Übersetzung von Wolf Baudissin
Regie: Claus Peymann, Bühne: Karl-Ernst Herrmann, Kostüme: Margit Koppendorfer, Dramaturgie: Jutta Ferbers und Jan Hein, Licht: Karl-Ernst Herrmann und Felix Dreyer, Fechtszenen: Annette Bauer, Lieder nach Motiven aus der Shakespeare-Zeit: Max Braun.
Mit: Boris Burgstaller, Caroline Junghanns, Horst Kotterba, Manja Kuhl, Andreas Leupold, Jürgen Lingmann, Peter René Lüdicke, Jannik Mühlenweg, Elmar Roloff, Lea Ruckpaul, Martin Schwab, Lukas T. Sperber, Michael Stiller.
Dauer: 3 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

"Was für ein Bühnenbild! Und was für ein grandioser Einfall, die Figur der Cordelia und die des Narren mit derselben Schauspielerin zu besetzen", findet Rainer Zerbst in Fazit auf Deutschlandfunk Kultur (23.2.2018). Den übrigen Figuren fehle es an Glaubwürdigkeit. Selbst altgediente Ensemblemitglieder wie Elmar Roloff und Wolfgang Stiller seien in dieser Inszenierung zur Farblosigkeit verdammt. "Bewegt hat mich nichts", so der Kritiker, als habe Peymann verlernt wie Tragik wirklich überkomme. Leiden und Emotion werde nicht spürbar.

Roland Müller schreibt in der Stuttgarter Zeitung (online 24.2.2018, 18:57 Uhr): "Klar, präzise, mit poetischen Bildern" entwerfe Peymann die "Ausgangslage der Tragödie". "Stilsicher" die Ouvertüre und Kostüme, der ganze Abend ein "darstellerischer Triumph" für Caroline Junghannsin und noch mehr für Lea Ruckpaul. Peymann entfalte auch, zuerst geduldig, später hastig und mit "vielen Schlaglichtern"nicht nur sie Lear-Geschichte, auch die Familiengeschichte von Gloster und seinen Söhnen. Allerdings – was sich bei Shakespeare "zur Apokalypse der Menschheit" verdichte, käme in Peymanns "handwerklich perfektem", aber "überraschungslosem Erzähltheater" über "blutige Moritaten" nicht hinaus. Der Inszenierung fehlten "Wut, Zorn, Gefahr", das läge auch an Titeldarsteller Martin Schwab, dem es an "zerstörerischer Energie" mangele. Insgesamt verkleinere und verharmlose Peymann seinen "Lear" zu einem "Märchen aus mythischer Zeit". Doch das Publikum jubele "der Vergangenheit zu".

Peymann betone den "märchenhaften Charakter" der Tragödie, so Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (online 24.2.2018, 14:10 Uhr). Lear sei für Peymann ein "unberechenbarer, oft ungerechter Kerl" – aber mit Martin Schwab "im Grunde ein guter Mensch". Der Fall lasse "vom ersten Moment an keinerlei Zweifel zu", schon die Kostüme zeigten die Guten und die Bösen an, dennoch verfolge man die "stringent und präzise wie ein Uhrwerk ablaufende Katastrophengeschichte mit Interesse". Claus Peymann demonstriere seine Stärken, seinen Blick für die Schauspieler, seine Liebe zum Text. Aber ein bisschen mehr "Ungereimt" hätte dem Abend gut getan.

"Peymanns Inszenierung ist in der ästhetischen Anmutung zwar altmodisch, märchen- und theaterdonnerhaft. Aber dieses Analog-Theater hat auch seine Stärken und anrührenden Momente, vor allem ist es klar und nachvollziehbar erzählt, mit einem großen, nicht zu unterschätzenden Theaterwillen und einem ebenso großen Interesse am 'Menschen an sich'", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (26.2.2018). "Zu Tränen gerührt ist man an diesem Abend nicht unbedingt, dazu ist er dann doch zu fantasielos und zu wenig beseelt, zumal da Peymann das Drama gegen Ende schlaglichtartig abhandelt." Aber kalt lasse einen dieser 'Lear' nicht. Er habe seine eigene Würde.

Claus Peymann biete noch einmal alle tausendfach von ihm erprobten Überredungskünste einer aufgeklärten Regiekunst auf, schreibt Ronald Pohl im Wiener Standard (24.2.2018). In manchen Augenblicken komme das Peymann-Theater ganz zu sich. "Da kann es den Umschlag von mythischer Vorzeit in echten Fortschritt behaupten. Es nennt dann alle Schurken beim Namen und stellt die Verblendung der Mächtigen zu Demonstrationszwecken vorbildhaft aus." Claus Peymann behaupte noch einmal mit schönem Ernst die Errungenschaften des ausgehenden 20. Jahrhunderts: die Bühne als semi-abstrakten Raum der Erkenntnis, als heilige Stätte des Mitleidens und Einfühlens. "Und das klappt ganz famos, weil das Stuttgarter Ensemble Kontakt zur grauen Vorzeit hält – und doch auch schon die bürgerlichen Deformationen in die Figuren einarbeitet."

Judith von Sternburg von der Frankfurter Rundschau (26.2.2018) sah "dreidreiviertel Stunden der Eindeutigkeiten, dargereicht in attraktiven Bildern". Über weite Strecken sei das unterhaltsam, gegen Ende zeige der Abend Ermüdungserscheinungen. Peymann bemühe sich redlich möglichst wenig in Shakespeares Stück hineinzulesen. "Drastisch ist er in seiner Entscheidung für einen armen Lear ohne Abglanz eben erst verspielter Größe (die man übrigens durchaus für werktreu hätte halten können). Nicht drastisch, aber geradlinig ist er im nicht ganz einleuchtenden Wunsch, 'König Lear' ins Kleine, Überschaubare, im Sturm nachher fast Puppentheaterhafte zu wenden."

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1.3.2018) schreibt Martin Halter: Das "hier ist natürlich kein Lear-Jet des Regietheaters, sondern eine altersgerechte, barrierefreie Peymanniade: Shakespeare, wie ihn die gebildeten Alten und die Abonnenten noch heute lieben. Solides, altmodisches Erzähltheater ohne Videomätzchen, Zusatztexte und Regieeinfälle; und für Selbstironie ist die Sache sowieso viel zu ernst." Jedoch: Bei "al­lem Re­spekt vor Er­fah­rung und Rou­ti­ne: So dis­tanz- und ein­falls­los, so alt­ba­cken und selbst­ge­fäl­lig kann man Shake­speare heu­te nicht mehr spie­len. Die­ser 'Lear' hat kein Herz und kei­ne See­le."

 

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