Auf dem Floß der Medusa

von Shirin Sojitrawalla

Stuttgart, 10. April 2019. Drei ikonische Werke der Kunstgeschichte infiltrieren diesen Abend: "Das schwarze Quadrat" von Malewitsch, "Das Floß der Medusa" von Géricault und "Die Freiheit führt das Volk" von Delacroix. Genau in dieser Reihenfolge geben sie den Spielgrund ab, markieren den utopischen Raum, der das Theater sein könnte, das sich hier etabliert: "The one and only European Ensemble!"

Die Rede ist von dem im Sommer als Gemeinschaftsaktion vom Schauspiel Stuttgart, dem Warschauer Nowy Teatr und dem  Zagreb Youth Theatre gegründeten neuen europäischen Mini-Ensemble: drei Frauen, drei Männer. Sechs Leute aus Europa. Zweimal Kroatien, zweimal Polen, zweimal Deutschland. Gemeinsam mit dem Regisseur Oliver Frljić umkreisen sie Europa als Idee, als Vision, als Schreckgespenst und als Wirklichkeit. Die genannten Gemälde werden mit ausführlichen Bildbetrachtungen von Peter Weiss ("Die Ästhetik des Widerstands") bedacht, Walter Benjamins unvermeidbarer Engel der Geschichte wird zitiert ebenso wie Heiner Müller.

Schiffbruch des Sprechtheaters

Die meiste Zeit wird Englisch gesprochen, Übersetzungen werden eingeblendet, auch Deutsch und andere Sprachen kommen zu ihrem Recht. Nichts scheint an diesem Abend zwingend, alles machbar. Wie man es von Frljić kennt, arrangiert sich das zu einem inszenatorischen Flickenteppich, mit viel Musik, von Beatles bis Kirchenlied.

imaginary europe ua 4 560 bjoern klein uHere we go! Europäer vereint auf der Bühne: Tenzin Kolsch, Claudia Korneev, Tina Orlandini, Adrian Pezdirc © Björn Klein

Es beginnt als wilde Verkleidungsschlacht und revuehafte Vorstellungsparade, in der geschlechtliche, nationale und kulturelle Identitäten aufgekratzt ineinander rauschen. Malewitschs "Utopie der Moderne" kontert das Ensemble mit dem "Schiffbruch des Sprechtheaters". Plötzlich sind fast alle nackt, und das schwarze Quadrat zusammengerollt; darunter wartet "Das Floß der Medusa". Das Bild begegnet einem seit den Fluchtdramen auf dem Mittelmeer häufiger, auch auf der Bühne, wie etwa bei Dieudonné Niangouna.

Ein Kontinent bei der Selbstzerfleischung

Frljić nutzt es nicht nur als Anspielung auf die tägliche Katastrophe im Mittelmeer, sondern auch als Allegorie auf den Seelenzustand Europas. Gemeinsam untergehen oder gemeinsam überleben. Auf der Bühne hocken sie da und zerfleischen den Kontinent Europa. Altmeisterlich ausgeleuchtet, wie das Licht an diesem Abend ohnehin die Stimmungen führt.

Das führerlos auf dem offenen Meer taumelnde Floß ist hier zugleich Sinnbild eines Abends, der hierhin und dorthin rudert und in der Mitte absäuft. Da gibt es eine Pause, während der das Publikum auf die Bühne darf, um gemeinsam das dritte Bild in Form eines riesigen Puzzles zusammenzusetzen. Adrian Pezdirc gibt den Pausenclown, andere wuseln umher, während der Sitznachbar die Zeit zum Handychecken nutzt. Relaxte Partystimmung macht sich breit. Doch wozu? Selbst mit viel Phantasie liefern die puzzelnden und dabei ratlos ins Gespräch kommenden Normalmenschen auf der Bühne kein tolles Bild für den imaginierten Zustand Europas, Nationbuilding hin oder her.

Spiel mit Identitäten

In einem der schönsten Momente indes formieren sich die Ensemble-Mitglieder zu eigenwilligen Engeln, die Togen in den Nationalfarben der drei Länder tragen und wie antike Statuen auf Sockeln stehen. Sandra Dekanić hat sich die herrlich überdrehten und folkloristisch versponnenen Kostüme für den Abend ausgedacht.

imaginary europe ua 2 560 bjoern klein uBuntes Europa: das Ensemble in den folkloristisch versponnenen Kostümen von Sandra Dekanić © Björn Klein

Doch selbst die schönsten Anziehsachen verdecken unausgereifte Einfälle nicht. Die bemerkenswerteste Szene ist dann eine, in der die Biografien der einzelnen Spieler und Spielerinnen genial ineinanderfließen, sich vermischen, bis nicht mehr zu sagen ist, wer ich ist und wer du. Nach Art von Yael Ronen liefern die Anekdoten und Selbstbeschreibungen des Ensembles, mögen sie stimmen oder nicht, den Humus für eine eigene Geschichte der europäischen Idee. Doch gerade im Vergleich zu Yael Ronen fehlen die entscheidenden Zutaten: Witz und Radikalität.

Womöglich sieht man das in Polen und Kroatien, wo die Inszenierung noch hinwandert, anders. Für deutsche Sehgewohnheiten bleibt's harmlos und trotz aller tempomachenden Hysterie lahm. Da hilft das spielfreudigste Ensemble nichts. Am Ende läuft es auf die uralte Utopie hinaus, Religion und Privateigentum abzuschaffen. Jesus höchstpersönlich beziehungsweise sein Pappkamerad verkündet das. Nice idea, aber wo ist eigentlich der Theaterrevoluzzer Frljić abgeblieben?

 

 

Imaginary Europe
Projekt 1 des Europa Ensembles
Mit Texten von Peter Weiss, J.B. Savigny und Alexandre Corréard, Walter Benjamin und Heiner Müller
Konzept, Inszenierung und Bühne: Oliver Frljić, Kostüme: Sandra Dekanić, Licht: Jörg Schuchardt, Dramaturgie: Carolin Losch, Übertitel: Agnieszka Fietz.
Mit: Tenzin Kolsch, Claudia Korneev, Tina Orlandini, Adrian Pezdirc, Jaśmina Polak, Jan Sobolewski.
Premiere am 10. April 2019
Dauer: 1 Stunde und 35 Minuten, keine Pause

Eine Koproduktion des Schauspiels Stuttgart mit dem Nowy Teatr Warszawa und dem ZKM | Zagrebačko Kazalište Mladih (Zagreb Youth Theatre)

www.schauspiel-stuttgart.de
www.nowyteatr.org/pl
www.zekaem.hr

 

Kritikenrundschau

"Nach einem längeren gespielten Exkurs über Flucht und Schiffbruch stellen sie sich nackt vor dem Publikum in einer Reihe auf. Säuselnder Tonfall, sanfte Mienen, Hand aufs Herz, esoterisch angehauchte Floskeln", so Nicole Golombek in der Stuttgarter Zeitung (12.4.2019). Sie versprechen einen unterhaltsamen Abend frei von politischer Korrektheit, halten ihr Versprechen aber nicht wirklich, und "auch ohne explizite Kritik zu äußern, wird die Botschaft klar". Immer dann sei der Abend stark, wenn die Künstler ins Spielen kommen. Und wenn die Kritikein nicht mit allem einverstanden, schreibt sie doch, dass das spielfreudige Ensemble überzeuge. "Es bereichert das Stuttgarter Staatsschauspiel."

Wie mache man europäisches Theater? Oliver Frljić entscheide sich für ein progressives Casting mit Diversität als oberster Prämisse, schreibt Ekaterina Kel in der Süddeutschen Zeitung (12.4.2019). Der Abend drehe sich um zwei Gemälde, die exemplarisch für das Versagen und Bestreben Europas stehen, "Das Floß der Medusa" und "Die Freiheit führt das Volk". Die Bilder, die sich einbrennen, seien aber andere: ein erschlaffter nackter Körper, Kunstblut auf der Haut, darauf mit Fingern freigewischte Großbuchstaben E-U-R-O-P-A. Fazit: "Frljić, der freche Bühnenberserker, führt in Stuttgart das dringlich Politische seiner Gedankenwelt mit dem sinnlich Unmittelbaren sinnvoll zusammen."

Oliver Frljić und seiner plurikulturellen Theatertruppe verstehen es, "rasant alle Register des europäischen Theaters zu ziehen und zugleich zu ironisieren", so Cornelia Ueding im DLF (11.4.2019). "Auf performance-lecture-artige Exkurse folgen knallige Showteile nach dem Motto 'we wish to entertain you'. Zitate aus Politrevuen, Kunstgeschichtslektionen, Dokumentarteile, wilde Parodien und augenzwinkernder Klamauk." Das Ganze wirke weder belehrselig noch akademisch, "dafür sorgt das ganz junge, gewitzte, improvisationsgeschulte, mehrsprachige Ensemble".

 

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Kommentare

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#1 Imaginary Europe, Berlin: mit SpielfreudeKonrad Kögler 2019-11-08 14:30
Besonders tiefschürfend sind die 90 Minuten nicht, die gestern beim Herbstsalon im Container vor dem Gorki Theater gastierten. Assoziativ hangelt sich der Abend an drei ikonischen Bildern der europäischen Kulturgeschichte entlang: vom "Schwarzen Quadrat" von Kasimir Malewitsch über das zuletzt im Roman und auf der Bühne mehrfach behandelten "Floß der Medusa" von Théodore Géricault bis zu "Die Freiheit für das Volk" von Eugène Delacroix. Die sechs Performer*innen sprechen über ihre Eindrücke und Gedankenschnipsel, von Stalin und Holocaust über die Flüchtlingskrise auf dem Mittelmeer bis zur fragilen Situation in den postrevolutionären Staaten Mittel- und Osteuropas. In der überzeugendsten vorletzten Szene ergänzen sie – in einer langen Stuhlreihe nebeneinander sitzend – abwechselnd ihre autobiographischen Schilderungen.
Dass der kurze Abend dennoch Spaß macht, liegt am Unterhaltungstalent und der Spielfreude der sechs jungen Spieler*innen. Vor allem Jan Sobolewski aus Polen und Adrian Pezdirc aus Kroatien bringen das Publikum mit frechen Sprüchen und verbalem Doppelpass zum Schmunzeln. Letzterer zeigt seine Entertainer-Qualitäten auch, als er die zu lange Mitmach-Puzzle-Aktion mit ironischen Bemerkungen karikiert und damit doch noch einige aus dem mäßig motivierten Berliner Publikum animiert, sich zu beteiligen.

Von der Stringenz und der Wucht seiner besten Inszenierungen ist diese hübsche, aber harmlose Studiobühnen-Performance von Oliver Frjlic weit entfernt. Auch von der Schluss-Szene, in der zwei nackte Spieler*innen mit dem gekreuzigten Jesus über Religion und Nacktheit auf der Bühne diskutieren, fühlt sich beim Berliner Gastspiel niemand provoziert. Wie wurde das in Polen und Kroatien aufgenommen?

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2019/11/08/imaginary-europe-oliver-frljic-kritik/

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