Ausflug ins große Kunst-Märchen

von Thomas Rothschild

Stuttgart, 18. Mai 2019. Der große Regisseur John Ford hat einmal einem Mitarbeiter, der sich beim Filmdreh in der Wüste über die miserablen Wetterbedingungen beklagte und fragte: "Mr. Ford, was können wir hier heraußen filmen?", geantwortet: "Was wir filmen können? Die interessanteste und aufregendste Sache in der ganzen Welt, das menschliche Gesicht." Nun ist Theater nicht dasselbe wie Film, aber das Gesicht ist auch auf der Bühne seit Jahrhunderten eine der interessantesten und aufregendsten Sachen, und sein Ausdrucksmittel ist die Mimik. Sie gehört zur Schauspielkunst wie der Gesang zur Oper.

Freilich hat es auf der Bühne immer schon eine Gegenposition zum mimischen Ausdruck des Gesichts gegeben: seine Verhüllung durch Masken, seien sie geschminkt oder aus festem Material. Wenn der Eindruck nicht täuscht, erleben wir gerade eine Verdrängung der Kunst des mimischen Spiels, etwa durch die Puppen von Nikolaus Habjan oder durch die Avatare von Susanne Kennedy. Der ungeschlagene Meister aber der Schauspiel- als Maskenkunst in Deutschland ist Achim Freyer. Und er ist es nicht erst seit der jüngsten Zeit.

Neuerfindung einer Welt

Wenn E.T.A. Hoffmann und der vom Bühnen- und Kostümbild herkommende, inzwischen 85-jährige Achim Freyer auf einander treffen, kann man von einer Liebesheirat sprechen. Was, wenn nicht das ebenso verwickelte wie fantasiereiche und symbolträchtige Kunstmärchen "Der goldne Topf" (in dem Hoffmann übrigens, anders als das Stuttgarter Theater, eine Synkope wählt wie Kleist im Titel "Der zerbrochne Krug"), könnte einen der begnadetsten Repräsentanten eines dezidierten Bildertheaters reizen? Geraten ihm nicht sowieso alle Stoffe zum Märchen?

GoldenerTopf1 560 MonikaRittershaus uMit Masken, Kostümen und Fantasie: Achim Freyers Inszenierung von "GoldenerTopf" in Stuttgart © Monika Rittershaus

Jede einzelne Figur aus Hoffmanns "Fantasiestücken in Callots Manier", die sich ihrerseits auf einen Radierer des 17. Jahrhunderts berufen, ist eine Herausforderung für die visuelle Erfindungsgabe des Regisseurs und Ausstatters in einer Person. Dass er sich Klaus-Peter Kehr, den langjährigen Freund und Vertrauten, dafür als einen von zwei Dramaturgen nach Stuttgart geholt hat, besagt etwas über anhaltende Teamarbeit am Theater. Wer erst einmal auf die Idee gekommen ist, wird auch im Mannheimer "Ring", an dem Freyer und Kehr zusammengearbeitet haben, Spuren von E.T.A. Hoffmann entdecken.

Aus Jahrmarktbudensicht

Wenn man in Stuttgart nun das Schauspielhaus betritt, empfängt einen Zirkusatmosphäre: Artisten in skurrilen Kostümen laufen im Foyer umher, Marschmusik erklingt. Auf der Bühne tummeln sich zwischen hängenden Spiegelwänden Fantasiefiguren, die sich aus diversen Quellen der Illustrations- und Trivialkultur speisen. Sie teilen sich Hoffmanns stark gekürzten Erzähltext, selbst die Segmentierung in Vigilien – in "Nachtwachen" – wird übernommen und laut angekündigt.

Sogar der "günstige Leser" wird, eigentlich gegen die Theaterlogik verstoßend, adressiert. Anstelle des Gesichts ist es der Körper, der bei Freyer "spricht". Die für ihn typischen stilisierten Arm- und Handbewegungen bestimmen auch die Choreographie im "Goldenen Topf". Sie dient nicht der Mimesis, sondern hat ihre eigene Grammatik.

GoldenerTopf2 560 MonikaRittershaus uKostümwelt mit eigener Ästhetik, die auch die Köper und Bewegungen auf der Bühne verändern © Monika Rittershaus

Maske und Kostüm werden ergänzt durch eine raffinierte, den Zuschauerraum einbeziehende Lichtregie und durch Projektionen auf den Gazevorhang im Vordergrund. Was dem Theater weitgehend abhanden zu kommen droht, besteht hier auf seinem Recht: die Sinnlichkeit.

Auch Witz ist Freyer nicht fremd. Ein veritabler Hund holt sich seine Wurst vom Bühnenrand. Ein Spielzeugauto fährt herein und schießt eine Rakete ab. Eine Gans läuft mit Messer und Gabel im Rücken von rechts nach links. Feuerzauber lässt das Publikum in den vorderen Reihen aufschrecken. Eine Frau kommt mit einem Leierkasten durch die Seitentür und singt "Im wunderschönen Monat Mai". Nein, das ist nicht von E.T.A. Hoffmann, sondern aus Heinrich Heines "Buch der Lieder". Passt aber genau.

Gegens Nützlichkeitsdenken

Romantik als Realitätsverweigerung, als Flucht in eine illusorische Traumwelt? Achim Freyer erkennt wohl in der Tradition dialektischer Analysen den antibürgerlichen, gegen das kapitalistische Nützlichkeitsdenken gerichteten Aspekt bei den Künstlern jener Epoche. Der Salamander in der Gestalt des Archivarius Lindhorst, dessen Tochter Serpentina, sind Gegenfiguren zum "Hofrat" Heerbrand, der das achtbare Bürgertum repräsentiert. "Sind es Blicke? – sind es Worte? – ist es Gesang?"

Am Ende gehen die nunmehr schwarz gekleideten Darsteller mehrerer Rollen ohne Masken nach hinten ins Dunkle ab. Ein melancholisches Ende. Viel Applaus für einen alten Bekannten. Es war Achim Freyer, der in Stuttgart einst das Bühnenbild für Claus Peymanns legendären "Faust" entworfen hat, und vergessen ist es nicht.

Der goldene Topf
Ein Märchen aus neuester Zeit auf dem Theater erzählt nach E.T.A. Hoffmann
Regie, Bühne, Kostüm: Achim Freyer, Musik: Alvin Curran, Video: Jakob Klaffs, Hugo Reis, Licht: Felix Dreyer, Dramaturgie: Ingoh Brux, Klaus-Peter Kehr.
Mit: Boris Burgstaller, Gabriele Hintermaier, Ulrich Hoppe, Amina Merai, David Müller, Sven Prietz, Valentin Richter, Paula Skorupa, Felix Strobel, Anne-Maria Hölscher, Bernd Settelmeyer.
Premiere am 18. Mai 2019
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Mehr von Achim Freyer: in Claus Peymanns finaler Spielzeit am Berliner Enemble inszenierte er im September 2016 Abschlussball

 

Kritikenrundschau

"Ein tolles Training der Zuschauersinne", schreibt Nicole Golombek in der Stuttgarter Zeitung (20.5.2019). "Freyer bringt den Text zum Tanzen und zum Schweben, lässt prosaische und poetische Welt ineinanderfallen."

"Freyers widersprüchlicher, grotesker Fantasy-Rausch wirkt durchaus befreiend", schreibt Otto Paul Burkhardt in der Südwestpresse (20.5.2019). "Er zeigt uns die nächtliche Seite des Lebens. Das wilde Denken der Romantik."

 

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