Suizidales Doppel

von Martin Krumbholz

Dortmund, 25. September 2021. Warum der amerikanische Dramatiker Edward Albee meinte, man könne, solle oder müsse Angst haben vor Virginia Woolf, ist eines der nie zu knackenden Rätsel der Literaturgeschichte. Woolf hat eine makellose, von Charme und Ironie geprägte Prosa geschrieben, so ziemlich die schönste der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts; zu fürchten sind daran allenfalls die treffsicheren Beobachtungen wie etwa die, Männer küssten Frauen in Rauchzimmern, um sie dafür zu bestrafen, dass sie gesagt hatten, Frauen sollten ein Stimmrecht erhalten. Lang vor MeToo: Und der ironische Zungenschlag erlaubt nicht den Schluss, derlei sei gar nicht so böse gemeint!

Seismografie des Innenlebens

Der Roman "Mrs Dalloway" spielt an einem Junitag 1923 in London. Clarissa Dalloway, verheiratet, eine Tochter, kauft morgens die Blumen selber (der berühmte erste Satz) und gibt abends eine Party, oder milieugerechter: einen Empfang, bei dem selbst der Premierminister erscheint. Multiperspektivisch aufgesplittert, entfaltet das Buch ein psychorealistisches Tableau, seismografisch hinein operierend in das Bewusstsein mehrerer handelnder Personen.

Das artifizielle choreografische Setting, das die Regisseurin Selen Kara in Dortmund entwirft, wirkt anfangs ein wenig bemüht. Sieben Spieler (im Roman treten wesentlich mehr auf), darunter eine Erzählerin, präsentieren Fragmente aus dem Text, die die Beziehungsdynamiken erhellen sollen. Worin aber besteht das "Mrs. Dalloway Prinzip", denn so heißt der erste Teil des Abends ja?

Nika MiškovićAntje PrustLinda ElsnerAdi HrustemovićRaphael WestermeierBettina EngelhardtChristopher HeislerVielstimmiges Setting: Das Ensemble im Bühnenbild von Lydia Merkel © Birgit Hupfeld

Nach Lektüre des Romans würde man vielleicht sagen: Darin, dass Clarissa mit einer gewissen Nonchalance alles Mögliche an sich abperlen lässt, ob es sich um das unverhoffte Wiederauftauchen eines früheren Verehrers handelt oder den Selbstmord eines jungen Mannes, der mit erstaunlicher Beiläufigkeit quittiert wird. Clarissa ist keine Heilige; von "Snobismus" ist im Buch die Rede, aber auch von verdeckter "Angst". Eine Schwäche dieses Teils der Aufführung ist es, dass Selen Kara nicht deutlicher herausarbeitet, was für sie das "Mrs. Dalloway Prinzip" ausmacht. Rückblickend auf das Ganze, erscheint die erste Hälfte des Abends fast nur als eine Einübung, denn nach der Pause wird es bedeutend aufregender.

Alles bitter ernst

"4.48 Psychose" wurde im Juni 2000 uraufgeführt; da war die Autorin Sarah Kane schon tot, sie hatte sich im Februar 1999 das Leben genommen. Der Suizid ist die Klammer, die nicht nur Woolf und Kane, sondern auch die beiden Texte verbindet, so unterschiedlich sie sonst sein mögen. Septimus Warren Smith, übrigens beeindruckend gespielt von Christopher Heisler, ist ein Kriegsveteran, der genug gesehen hat vom Leben und sich aus dem Fenster stürzt. Die namenlose Protagonistin bei Kane, offenbar autobiografisch geprägt, ist depressiv und wird vom krassen Unverständnis der behandelnden Ärzte verfolgt (auch bei Woolf treten gleich zwei Vertreter dieser Spezies auf). Die Dialoge zwischen Patientin und Ärzten münden in Sackgassen, brechen schließlich ab. Wenn Sarah Kane als Autorin überlebt, dann deshalb, weil es in ihren Texten keine Attitüden gibt; zwar Zuspitzungen, aber keine Effekte. Hier ist alles bitter ernst.

Antje PrustAdi HrustemovićBettina EngelhardtDialoge in Sackgassen: Antje Prust, Adi Hrustemović, Bettina Engelhardt © Birgit Hupfeld

Vielleicht liegt es daran, dass der zweite Teil weit mehr berührt. Auch hier hat Selen Kara sich für ein choreografisches Setting entschieden, sie stellt die sieben Spieler in zeitlos schönen Kostümen (Anna Maria Schories) auf eine Drehbühne, verzichtet jetzt aber auf die Figurenbindung. In wechselnden Rollen treiben die Sieben die Entmutigung und Verzweiflung der Patientin in eine Kaskade des Schmerzes und der Pein. All das erscheint nun als eine logische Fortsetzung der suizidalen Depression des Kriegsveteranen im ersten Stück, die ja eigentlich (im Roman) eine bloße Nebensache ist. Zur Hauptsache wird sie womöglich erst durch das Wissen um den späteren Selbstmord der Autorin.

Größtmöglicher Gegensatz

Der Dortmunder Doppelabend bildet in seiner Schlichtheit, seinem fast spröden Purismus den größtmöglichen Gegensatz zum notorisch aufgekratzten, hypernervösen, medienaffinen Kay-Voges-Theater, dem Vorgänger der jungen Intendantin Julia Wissert. Das muss noch nichts heißen, ist als Statement aber erst einmal auffällig, mutig und begrüßenswert. Das neue Ensemble (es gibt nur zwei Übriggebliebene) scheint auf Anhieb vorzüglich zu harmonieren. Für den letztlich um ein Jahr verschobenen Neustart nicht die schlechteste Voraussetzung.

 

Das Mrs. Dalloway Prinzip / 4.48 Psychose
nach Virginia Woolf und Sarah Kane
Regie: Selen Kara, Musik: Torsten Kindermann, Bühne: Lydia Merkel, Kostüm: Anna Maria Schories, Dramaturgie: Christopher-Fares Köhler.
Mit: Linda Elsner, Bettina Engelhardt, Christopher Heisler, Adi Hrustemovic, Nika Miskovic, Antje Prust, Valentina Schüler, Raphael Westermeier.
Premiere am 25. September 2021
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.theaterdo.de 


Über ihre Erfahrungen als Regisseurin mit Migrationserbe sprach Selen Kara jüngst gemeinsam Emel Aydoğdu im Interview mit Max Florian Kühlem.

 

Kritikenrundschau

Man könne Sarah Kane nur ganz leise oder brüllend laut inszenieren. "Hauptsache, ein entschlossener Zugriff", schreibt Christiane Lutz in der Süddeutschen Zeitung (15.10.2021). "Bei Selen Kara scheinen die Figuren vor allem fremdbestimmt durch die Form, für die sie sich bei 'Mrs. Dalloway' entschieden hat. Keine Beklemmung ist spürbar, keine Verzweiflung, nur eine verhaspelte Choreografie." Die sich drehende Bühne und die Quadrate des Spielbrett erweisen sich leider als völlig falsche Form für beide Texte. "Schade, denn die Idee, Woolf und Kane zusammenzuspannen, ist klug."

In der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung schreibt Sven Westernströer (27.9.2021): die ruhige, "fast melancholische Verschränkung" zweier grundverschiedener Vorlagen verblüffe und begeistere. Das dem Titel hinzugefühte "Prinzip" im ersten Teil bleibe zwar unklar, "kunstvoll" gelinge dafür der zweite Teil. "4.48" Psychose lasse "staunen und erschaudern". Der "berührende, packende Text" auf einer großen Drehbühne gleiche "fast einem kammermusikalischen Requiem".

Kai-Uwe Brinkmann schreibt in den Ruhr Nachrichten (27.9.2021): In "4.48 Psychose" nähmen die Schauspieler die "starre Haltung von Schachfiguren" an, "augenscheinlich" eine Metapher für "die Zwangslage, die Lähmung, das Ausgeliefertsein". Um den Schulterschluss mit Kanes Stück stilistisch zu erzwingen, trimmten Kara und ihr Dramaturg Köhler Virginia Woolfs Text und Personal auf eine "angestrengte Künstlichkeit". Aber "so ganz" ginge die Rechnung hinter der Paarung Kane/Woolf nicht auf. Man fremdele mit Woolfs Figuren, weil sie, der Psychologie weitgehend entkleidet, unbeschriebene Blätter blieben, was ihre Nöte angehe.

 
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