Monster im zerfallenden Europa

von Elisabeth Maier

Heidelberg, 8. Oktober 2021. Die Welt stürzt ein über dem Werbetexter Jakob Fabian. Es ist das Jahr 1931. Die zerfallende Weimarer Republik schlittert in den Faschismus. Adolf Hitlers Machtergreifung ist nicht mehr weit. Immer mehr bröckelt der Putz der Goldenen Zwanziger in Brit Bartkowiaks Inszenierung von Erich Kästners "Fabian. Der Gang vor die Hunde" im Marguerre-Saal des Theaters Heidelberg. Das ist die Urfassung des Texts, der 1931 etwas entschärft wohl mit Blick auf die Zensur als "Fabian. Geschichte eines Moralisten" veröffentlicht wurde.

Wirre Träume, psychedelische Welt

Menschen in glitzerbunten Kostümen sitzen auf einem Sofa. Sie starren ins Leere. Beim Tanz auf dem Vulkan haben sie sich die Füße verbrannt. Werte, für die es sich zu leben lohnte, gibt es nicht mehr. In dieser Welt sucht der Moralist Fabian einen Halt. Den allerdings versagt der Schauspieler Friedrich Witte seiner Figur: "Was hatte er hier in dieser Stadt, in diesem verrückt gewordenen Steinbaukasten zu suchen? Blumigen Unsinn schreiben, damit die Menschheit noch mehr Zigaretten rauchte als bisher?" Fassungslos beobachtet der Spieler mit der wilden Lockenmähne das Panoptikum seines Lebens, das Brit Bartkowiak im Zeitraffer zeigt. Der Zerfall Europas verwandelt alle in Monster. Witte macht sich und die Zuschauer verrückt. Alle reißt er in einen Rausch. Obwohl die Textfassung auf Kästners faszinierender Prosa fußt, steigert Wittes supercoole Gleichgültigkeit die Dramatik ins Unermessliche.

Fabian 3 SusanneReichardt uIm menschenverschlingenden Moloch: Jonah Moritz Quast (Labude), Friedrich Witte (Fabian) © Susanne Reichardt

Zur faszinierenden Grenzerfahrung trägt Bartkowiaks visuelles Konzept bei. Obwohl sie Kästners Sprache so schnörkellos und betörend schön auf die Bühne bringt, verlässt ihre Regie die Kopfebene. Nikolaus Frinkes Bühne ist ein Moloch mit Designersofas, der die Menschen verschlingt.  Mit seiner Videokunst öffnet Stefano Di Buduo Großstadtschluchten. Dunkle Flure, Ornamente im Bauhausdesign stützen die filmische Dramaturgie. In Fabians wirren Träumen werden Menschen zu Tieren. Mit ihren Kostümen driftet Camilla Daeme in eine psychedelische Welt – ebenso wie die Musik von Xell.

Bluthunde, Koala-Bären und Seepferdchen tanzen um Fabian, der sich verzweifelt im Gemischtwarenladen seiner Mutter verkriecht. Nicole Averkamp verkörpert sie als Vertreterin der hilflosen Elterngeneration ebenso überzeugend wie die Lebedame Irene Moll, die auf junge Männer steht und Fabian in ihre sexuellen Spielchen verstrickt. Ihr Spektrum verblüfft. Eindimensionaler sind da die anderen Figuren gestrickt, von den Schauspielern in schnellen Wechseln skizziert.

Verwischte politische Dimension

Da schöpft das Regieteam nicht immer die Tiefenschichten von Kästners großer Satire der Neuen Sachlichkeit aus. Olaf Weißenberg findet als Chef der Reklamefirma tierische Lust daran, den Angestellten seine Bilddarmnarbe zu zeigen. Mit dieser irren Nabelschau reißt er den Speichellecker Fischer zu drallen Unterwerfungsgesten hin. Daniel Friedl entgleitet nicht nur diese Figur in die Karikatur. Weder als Bettlerin noch als Prolet gelingt es Esra Schreier, scharfe Konturen zu zeichnen. So verwischt Bartkowiaks Ansatz die politische Dimension von Erich Kästners Text.

Fabian 1 SusanneReichardt uIn den 30ern wurde aus dem Tanz ums goldene Sofa dann schon ein Ausschlussspiel © Susanne Reichardt

Umso überzeugender erfasst das Regieteam die emotionale Kraft des Stoffs. Erotische Augenblicke gelingen Fabian und Jonah Moritz Quast als seinem Freund Labude. Die fängt die Videokamera ein. Und auch die Liebe des Protagonisten zur Juristin und Filmschauspielerin Cornelia wird grandios in Szene gesetzt. Da darf sogar ein Papiermond nach der Manier Bertolt Brechts aus dem Off herabschweben: "Glotzt nicht so romantisch" schwirrt einem da durch den Kopf. Und doch lässt man sich von Katharina Uhlands starker Selbstinszenierung als Filmikone einfach nur betören.

Großartiges Gesellschaftsporträt

Mit starker Videokunst und feinem Gespür für die Sprache gelingt Brit Bartkowiak eine Theaterfassung von Kästners Erfolgsroman, die durch ihre Direktheit überzeugt. Wie in Dominik Grafs kürzlich erschienenem Filmdrama setzt das Regieteam auf die Urfassung "Der Gang vor die Hunde". Die liest sich kantiger und schroffer, bricht mit Tabus. Brit Bartkowiak gelingt das großartige Porträt der Gesellschaft in den 1930er-Jahren, deren tiefe Risse alles andere als nostalgisch sind. Damals wie heute ist der Zerfall Europas das Thema der Zeit.

 

Fabian. Der Gang vor die Hunde
nach dem Roman von Erich Kästner
Inszenierung: Brit Bartkowiak, Bühne: Nikolaus Frinke, Kostüme: Camilla Daemen, Video: Stefano Di Buduo, Musik: Xell, Lichtdesign: Ralf Kabrhel, Dramaturgie: Jürgen Popig
Mit: Nicole Averkamp, Daniel Friedl, Jonah Moritz Quast, Esra Schreier, Katharina Uhland, Olaf Weißenberg, Friedrich Witte
Premiere am 8. Oktober 2021
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theaterheidelberg.de

 

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Kritikenrundschau

Ein "vielstimmige(s) Konzert aus Worten und Warnungen, aus Sensationen und Sentimentalitäten, aus Exzessen und Erkenntnissen" sei diese Inszenierung, schreibt Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (11.10.2021). Die Produktion sei "ganz auf Fabian und dessen Darsteller Friedrich Witte zugeschnitten", der als einziger in nur einer Rolle zu sehen sei, und dies "mit Bravour" meistere: "Er ist quirlig und schmachtend verliebt, steckt voller Gedanken, redet kritisch, verharrt aber doch in beobachtender Passivität." Es sei überhaupt "ein Fest, solch eine Premiere wieder in voll besetzten Reihen miterleben zu dürfen", ist der Kritiker angetan.

"Nachtfahrt in den Untergang beginnt im Heidelberger Theater gemächlich", attestiert Alfred Huber im Mannheimer Morgen (10.10.2021), aber "kaum hat Friedrich Witte, später als Jakob Fabian ein Lebenskünstler mit Trauerflor, erste Sätze aus Kästners Roman vorgelesen, nimmt das Bühnengeschehen schnell Fahrt auf". Ein "fabelhaftes Ensemble" sei hier am Werk, während Regisseurin Brit Bartkowiak "faszinierend" und "konsequent" das "zügige Erzähltempo Kästners mit Hilfe von Videos und zahlreichen Bewegungsabläufen auf eine dynamische Choreographie" übertrage, zeigt sich der Rezensent überzeugt.

 
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