Letzter seiner Art

von Tobias Prüwer

Leipzig, 8. Oktober 2021. Nachts schlafen die Ratten doch – und träumen vom letzten Menschen. Oder geistern die Ratten nur in dessen Kopf herum? Man kann es nicht entscheiden, wenn Claudia Bauer am Schauspiel Leipzig einen bunten Chor von Nagern auffährt, um "Die Rättin" als apokalyptisches Schlachtengemälde zu inszenieren. Statt Literaturtheater vom Blatt zu servieren, entfacht sie einmal mehr einen originellen Theaterrausch.

Ewige Ruhe und Klimakatastrophe

"Requiem aeternam dona eis, Domine, et lux perpetua luceat eis." Die Ratten singen einen Abgesang auf die Menschheit: "Ewige Ruhe gib ihnen, Herr, und ewiges Licht leuchte ihnen." Die wird durch einen einzelnen, den letzten Menschen verkörpert. Im Dialog mit ihm hagelt es Untergangsprophezeiungen und allerhand Vorwürfe wie den der umfassenden Umweltzerstörung. Es ist von Figuren aus anderen Romanen von Günter Grass wie "Der Butt" die Rede. Leibhaftig und auch mal blechtrommelnd tritt der erwachsene Oskar Matzerath auf und dreht eine Doku. Grimms Märchen spuken durch den Raum, der sich mit allerhand dystopischen Visionen füllt und zum dunklen Taumel einlädt.

Die Raettin 1 RolfArnold uRotkäppchen und die Rättinnen: Amal Keller, Patrick Isemeyer, Laura Storz, Teresa Schergaut, Ronja Rath (hinten) © Rolf Arnold

"Seltsam? Aber so steht es geschrieben." Das Schlusswort aus den "Gespenstergeschichten" – das Comic-Heft hält das Rotkäppchen auf der Bühne in den Händen – hat Claudia Bauer wörtlicher genommen als den Roman. Zum Glück, denn wie schon in ihrer ebenfalls berauschenden Adaption von "Meister und Margarita" ist die Regisseurin vielmehr an einem funktionierenden Theaterabend denn an detailgetreuer Textwiedergabe interessiert. So aktualisiert sie inhaltlich Grass' Ökoapokalypsen, führt etwa die Klimakrise ein, geißelt Social Media und Überkonsum. Ästhetisch geht das als Reigen von ineinander geblendeten Szenen, Projektionen und Chorauftritten über die Bühne.

Schutzraum für den Verbliebenen

In der Raummitte steht erhöht ein Kubus, in dem sich der letzte Mensch die meiste Zeit aufhält, auf dem Laufband abstrampelt oder am Bildschirm hängt. Diesen verbleibenden Vertreter seiner Art gibt ein starker Tilo Krügel, der zwischen fahrig und fanatisch zu changieren versteht – und nie verloren wirkt, egal ob er nun ganz allein nackt auf der Bühne steht oder gegen die Rättin streitet. Die wird von sechs Darstellenden mit Masken gegeben. Sie stecken in Kleidern, die mit ihren Reifröcken und Puffärmeln wohl von Renaissance oder Barock inspiriert sind. Jedes Kleid ist in einer anderen Farbe gehalten, zusammen ergeben sie einen Regenbogen, der – vielleicht zufällig – an die Farben Thomas Müntzers, an göttliche Herrlichkeit, Einheit und Frieden aus dem Bauernkrieg erinnert.

Die Raettin 4 RolfArnold uIm Reservat für den letzten Menschen: Tilo Krügel. Vorne Julia Berke, Amal Keller, Julia Preuß © Rolf Arnold

Solch eine quasi-sakrale Atmosphäre erzeugt auch die Musik, die Hubert Wild zusammengestellt hat und live spielt, wenn er nicht gerade Ratte ist. Er musiziert auf einer mobilen E-Orgel, dirigiert den Rattenchor, der das Requiem und andere sich klassisch anhörende Lieder intoniert, und singt auch selbst. In einer herrlich absurden Szene singt er gegen den letzten Menschen in höchsten Tönen an und lässt diesen in einem Liegestuhl fast zusammenbrechen. Der Rattenchor wird durch gutes Timing und das Ensemblezusammenspiel möglich und somit zum starken Gegenspieler von Krügel.

Kanzler im Märchenwald

Es ist eine Mischung aus heiligem Ernst und Lust an skurrilen Ideen, die sie zu dieser schönen Überwältigung fügen. Da proben in Stummfilmszenen etwa Grimmsche Märchenfiguren den Aufstand und übernehmen das Kanzleramt. In einer merkwürdigen Prozession wird eine Trachtenpuppe aus dem Schwarzwald – wenn sich der Autor nicht verguckt hat – zu Grabe getragen. Licht- und Schattenspiele erzeugen im weitgehend leeren und nach hinten offenen Bühnenraum ihrerseits Atmosphäre und Tiefe. Nicht alles an diesem Totentanz ist verständlich, vieles bleibt vage. Aber gerade das Schemenhafte und Gespenstische überzeugt auf der emotionalen Ebene, wenn man sich vom Versuch verabschiedet hat, das Gesehene in einen Sinnzusammenhang zu stellen. Es ist eine Gespenstergeschichte – seltsam, aber höchst ansehnlich.

 

Die Rättin
nach dem Roman von Günter Grass
für die Bühne bearbeitet von Claudia Bauer und Matthias Döpke
Regie: Claudia Bauer, Bühne: Andreas Auerbach, Kostüme: Vanessa Rust, Musik: Hubert Wild, Dramaturgie: Matthias Döpke, Bühnenmeister: Patrick Ernst, Licht: Veit-Rüdiger Griess.
Mit: Tilo Krügel. Julia Berke, Patrick Isermeyer, Amal Keller, Julia Preuß, Teresa Schergaut, Roman Kanonik, Hubert Wild, Adrian Djokic, Paula Vogel, Laura Storz, Ronja Oehler, Matthis Heinrich, Leonard Meschter, Ellen Neuser, Ronja Rath, Leonard Wilhelm.
Premiere am 8. Oktober 2021
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-leipzig.de

 

Kritikenrundschau

Eberhard Spreng von Deutschlandfunk Kultur (10.08.2021) erkennt in der "Rättin" das "Stück der Stunde". Es sei erstaunlich, dass vor 35 Jahren schon genau das Vokabular benutzt wurde, das heute auch relevant in Bezug auf die Klimakrise sei. Andreas Auerbach habe eine ganz großartige Bühne gebaut, die Inszenierung sei ausgesprochen bilderstark. Das einzige Problem: Alles sei in den ersten Minuten schon auserzählt. Die Gleichzeitigkeit vom strampelnden Menschen und der ihn ablösenden Zivilisation werde über zwei Stunden in Variationen immer wieder erzählt und ausgeführt.

"Traum und Wirklichkeit fließen ineinander an einem Abend, der bewusst überfordert, die parallelen Erzählstränge Grass‘ schichtet", schreibt Dimo Rieß von der Leipziger Volkszeitung (11.10.2021). Die Inszenierung spiele sich in einigen Szenen mit Witz und Übermut beherzt frei von den manchmal wie Fesseln wirkenden Erzählfäden der Romanvorlage. "Dabei lässt die rund zweistündige Inszenierung vieles weg der fast 500 Romanseiten. Aber nicht genug, um Redundanzen zu tilgen und dafür angedeutete Utopien auszumalen." Hubert Wild drücke den einsamen Menschen mit der Kraft seiner Stimme hochkomisch nieder. Vor allem aber schaffe er mit der Orgel und seinem Ratten-Chor sowie mit rhythmisch fein austarierten Sprech- und Gesangsparts eine sinistre Atmosphäre.

"Grass' defätistische Aussicht auf eine suizidale menschliche Weltordnung bietet erstaunlich bunten Stoff für eine Bühnen-Groteske zur entscheidungsschwachen Gegenwart, in der die Zweibeiner immer noch essen, kaufen, wohnen, reisen und hassen wollen, als gäbe es keine wissenschaftlichen Gegenargumente zu diesem Lebensstil", schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (12.10.2021). "Claudia Bauers flotte Show der Nachdenklichkeit versäumt es nicht, die entscheidenden Sätze der Gesellschaftskritik so hervorzuheben, dass sie der Hybris des Weiter-so zu einem drohenden Klang verhelfen. Und sie zieht jene Formen der Männlichkeit ins Lächerliche, die eigentlich nichts wirklich beherrscht, außer den Glauben zu verbreiten, sie hätte alles im Griff."

 
Kommentar schreiben