Club der killenden Dichter

11. Januar 2022. Wenn Schüler im Fach kreatives Schreiben das Manifest für ihren Amoklauf verfassen und dieses dann auch noch singen: ist man als Zuschauer:in im Genre des weirden Musicals gelandet. Autor und Regisseur Yosi Wanunu von der freien Gruppe toxic dreams erprobt am Wiener WUK eine düster gestimmte Variante – ob er damit ein zukunftsfähiges Subgenre begründet?

Von Martin Thomas Pesl

Wien, 11. Januar 2022. Das Genre des weirden Musicals hat Konjunktur. In Léos Carax’ "Annette" sind die Gesangsausbrüche hauptsächlich verstörend, aber schon "Dancer in the Dark" von Lars von Trier war nicht gerade Hochglanz. Im Jahr ihres 25-jährigen Bestehens hat sich nun toxic dreams, eine von Wiens geistreichsten freien Sprechtheatergruppen, an die so reizvolle wie geschmähte Form herangetraut. "The Dead Class" ist eine musikalische Unterrichtsstunde für kreatives Schreiben. Die fünf Schüler sollen knackige Manifeste für die Nachwelt verfassen. Dass sie Schulamokläufe begehen werden, erachtet der Lehrer (wie sie selbst) als unvermeidlich. „This is the class of the students who want to kill their class?“, begrüßt er sie.

Tragische Töne statt schwarzhumoriger Satire

Denkbar originelle Voraussetzungen für eine schwarzhumorige Satire. Doch überraschend rasch sticht die Schwärze den Humor aus. Autor und Regisseur Yosi Wanunu ließ sich von Schriftstücken mehrerer realer Amokläufer inspirieren und zeigt auf, wie larmoyant, einfallslos und einander ähnlich diese waren. Auch die Kompositionen von Martin Siewert, die dieser im Saal des Wiener WUK mit einer Live-Band aus dem Schatten einspielt, schlagen nach einem fetzigen Einstieg meist schmerzverzerrte, sehnsüchtig tragische Töne bis hin ins Einschläfernde an.

Zudem ist das Setting, auch wenn bisweilen Diskolicht über Bänke und Tafel flackert, nun einmal eine Schulklasse. Drei Lektionen hält der Lehrer: Die Schüler sollen sich überlegen, 1. wer sie sind, 2. welche Botschaft sie den Medien vermitteln können und 3. was sie menschlich macht. Die Hausaufgaben werden, mal einzeln, mal im Chor, singend abgeliefert. Und doch bleibt Theorie eben Theorie.

Sängerknaben als Nihilisten

Yosi Wanunu hat also in Wien eine Art Negativ zu seiner israelischen Landsmännin Yael Ronen geschaffen. Deren Berliner Abend "Slippery Slope" verwandelt aktuelle Themen mithilfe des Genres in eine vergnüglich übermütige Story. "The Dead Class" nimmt dem Genre mithilfe des Themas alles, was daran Spaß macht. Nur die Weirdness, die bleibt. Ronen schuf das Diskurs-Musical, Wanunus Erfindung sei hiermit das Nihilismusical getauft. Und damit keine Missverständnisse entstehen: Im neuen Subgenre schlägt sich der Abend bestens.

DeadClass 2 NN uPoesie liebende Killer, in Waffen vernarrte Pazifisten: die Klasse © Jannik Schleicher

Markus Zett, langjähriges Ensemblemitglied von toxic dreams, gibt den Lehrer als relaxte Vaterfigur, die die Problemklasse sanft fördert, aber längst aufgegeben hat, sie im Club-der-toten-Dichter-Stil inspirieren zu können – er ist froh, wenn er den Unterricht in dieser Klasse überlebt und erinnert sie daher gerne daran, die Schuld an ihrer Misere dem Kapitalismus oder der Familie zu geben, Hauptsache nicht ihm. Für die Rollen der fünf Schüler wurden junge Männer gecastet, die singen können. Sie haben einschlägige Ausbildungen absolviert oder tun dies noch, Jonas Tonnhofer (Student No. 3) ist gar ein erst 16-jähriger Sängerknabe. Ihnen in der fremden Umgebung eines Performance-Theaters beim Ausüben ihres Handwerks zuzusehen und zuzuhören, ist – gerade bei den Solonummern – ein Genuss für sich.

Besondere Erwähnung verdient Johannes Deckenbach (Student No. 2). Wenn er über seinen eigenen Witz lacht, gerät wie bei Pubertierenden der scheinbar unförmige Körper außer Kontrolle, doch im nächsten Moment trällert er mit heller Eunuchenstimme, was er alles hasst, und durchtanzt dabei eine Palette an Mimik, ohne sich von Problemen mit seinem Mikroport aus der Fassung bringen zu lassen. Nun, er ist der Schauspielstudent im Team.

"Natural selection" fordert das Shirt

Obwohl die Sängerindividuen klar zutage treten, bleibt das, was ihre Figuren dem Lehrer und der Welt zu sagen (oder zu singen) haben, ein Einheitsbrei mit allzu subtilen Differenzen. Da helfen auch die verschiedenen Sprüche auf den T-Shirts nichts, die unter den Schuluniformen zum Vorschein kommen: "Natural selection" fordert einer, "Humanity is overrated" deklariert ein anderer. Es ist schon gut, dass der Abend keine schlüssige Anleitung zum effektiven Ego-Shooten vermittelt. Das heißt aber auch, dass nicht wirklich was weitergeht.

So harrt man, kaum ist die originelle Prämisse etabliert, der finalen Auflösung: Wird einer die anderen niedermetzeln? Keineswegs. Ein unbelehrbarer Schüler nach dem anderen schmettert noch eine zitable Botschaft in den Raum (am Ende dürfen sie ja doch noch Oh-Captain-my-Captain-mäßig auf den Tischen stehen) und geht. Lehrer Zett räumt das Klassenzimmer auf, fasst nochmal das typische Täterprofil zusammen, dann Pausenläuten. Es ist vielleicht doch eher unwahrscheinlich, dass das Nihilismusical bald Schule macht.

 

The Dead Class: A Musical
von toxic dreams
Uraufführung
Text und Regie: Yosi Wanunu, Komposition: Martin Siewert, Bühne: Paul Horn, Video: Michael Strohmann, Licht: Daniel Biegger, Produktion: Kornelia Kilga.
Mit: Vladimir Cabak, Johannes Deckenbach, Tobias Resch, Jonas Tonnhofer, Marko Trajkovski, Markus Zett, Live-Band: Susanne Gschwendtner, Boris Hauf, Simon Usaty, Martin Siewert, Michael Strohmann, Didi Kern.
Premiere am 10. Januar 2022
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.wuk.at

Kritikenrundschau

Stefan Ender verspricht im Standard (11.1.2022): "Zu Herzen gehen auf jeden Fall die schauspielerischen und zum Teil auch die gesanglichen Leistungen der fünf. Man erlebt sexy Düsternis (Trajkovski), feminine David-Bowie-Zartheit (Tonnhofer), College-Boy-Schönheit (Resch), satte Stimmkraft (Cabak) und übervirtuose Platoon-Zerrissenheit (Deckenbach)." Das Thema der Gewaltexzesse sei leider aktuell geblieben, vermerkt der Kritiker, und werde es wohl auch bleiben. Und ein Musical nicht die schlechteste Herangehensweise: "worüber du nicht reden kannst, darüber sollst du singen."

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