Bassa Selim lebt hier nicht mehr

19. Juni 2022. Wie umgehen mit einem Libretto, das die heutige Sensibilität gegenüber diskriminierenden Zuschreibungen provoziert? In seiner Inszenierung von Mozarts Singspiel "Die Entführung aus dem Serail" tilgt Regisseur Luk Perceval ihm problematisch erscheinende, eigentlich diskussionswürdige Aspekte – orientiert an einem Roman der türkischen Autorin Aslı Erdoğan.

Von Thomas Rothschild

19. Juni 2022. Luk Perceval kennt sich aus: Opernfiguren leben nach dem Finale weiter. Auch Mozarts Belmonte und Konstanze werden alt und abgeklärt wie die Titelfigur in Damiano Michielettos Salzburger "Falstaff" oder Krzysztof Warlikowskis Iphigenie. Sie liefern auf der Bühne die Kommentare, die üblicherweise im Programmheft stehen, und man muss dankbar sein, dass sie in der Mannheimer "Entführung aus dem Serail" nicht die tatsächlichen, ziemlich verzwirbelten Programmhefttexte sprechen.

Diskriminierende Zuschreibungen sind getilgt

Hans Neuenfels hat in seiner legendären Inszenierung von Mozarts Singspiel von 1998 den Sänger*innen für die Sprechpartien Schauspieler*innen zur Seite gestellt und damit ein Stück Inszenierungsgeschichte geschrieben. Luk Perceval geht einen Schritt weiter. Für seine Koproduktion des Nationaltheaters Mannheim mit dem Grand Théâtre de Genève, wo sie am 22. Januar 2020 Premiere hatte, und dem Grand Théâtre de Luxembourg, die jetzt wegen COVID-19 mit zweijähriger Verspätung auf der Mannheimer Bühne angekommen ist, hat er das Libretto auf der Basis von Aslı Erdoğans zweitem Roman "Der wundersame Mandarin" umgeschrieben und Konstanze, Blondchen, Belmonte und Osmin eben als Gealterte verdoppelt. Lediglich Pedrillo muss ohne sprechenden Doppelgänger auskommen. Ganz nebenbei hat Perceval bei dieser Gelegenheit die Peinlichkeiten eskamotiert, mit denen Johann Gottlieb Stephanies Original-Libretto die heutige Sensibilität gegenüber diskriminierenden Zuschreibungen provoziert.

Aslı Erdoğan, Türkin und noch dazu in ihrer Heimat verfolgt, ist eine unverdächtige Komplizin. Für die Figur des "Renegaten" Bassa Selim, die so vielen überragenden Schauspielern den Zugang zur Opernbühne verschafft hat, gibt es in dieser Version keine Verwendung, also auch nicht für den zum Islam konvertierten "Türken", dem es "ein weit größer Vergnügen (ist) eine erlittene Ungerechtigkeit durch Wohltaten zu vergelten, als Laster mit Lastern tilgen" (nicht gerade ein Abbild von Recep Tayyip Erdoğan), und nicht für das berühmte scheinversöhnliche Ende mit der Aufforderung, jenen mit Verachtung anzusehen, der so viel Huld vergessen kann. Im Ergebnis dauert die Aufführung deutlich weniger lang als üblicherweise.

Humorlosigkeit statt Feingefühl

Mit der Marginalisierung Pedrillos – wie Papageno ein Nachfahre des wienerischen Hanswurst – hat Perceval freilich die säuerlichen Reformversuche von Johann Christoph Gottsched und Friederike Caroline Neuber aus dem 18. Jahrhundert unter zeitgenössischem Vorzeichen zu neuem Leben erweckt. Ob das ein Gewinn ist? Und Osmin, der Diener von Bassa Selim, welcher Konstanze und ihre Zofe Blonde nach einem Seeräuberüberfall auf ihr Schiff auf dem Sklavenmarkt kauft? Auch er steht bei Mozart in der Tradition der "komischen Figur" und ist so schuldig-unschuldig wie Jacques Offenbachs durch und durch christlicher Blaubart. Gelegentlich drängt sich der Verdacht auf, dass die Beseitigung und Uminterpretation von diskussionswürdigen Texten und Figuren eher von Humorlosigkeit als von Feingefühl zeugt. Als stünde die "Volkstümlichkeit" eines Pedrillo oder eines Osmin der Ernsthaftigkeit im Wege. Ist nicht auch diese Unterstellung eine Form der Diskriminierung?

Serail 01 c christiankleinerIm korrekten Breiwandformat: Joshua Whitener, Raphael Wittmer, Joris Bultynck, Tatja Seibt, Amelia Scicolone, Estelle Kruger, Anna Magdalena Fitzi, Statisterie © Christian Kleiner

Aslı Erdoğans Kurzroman handelt von einer Türkin, die – ein autobiographischer Reflex der Schriftstellerin und Physikerin von einem Arbeitsaufenthalt am Kernforschungszentrum CERN – als Migrantin in Genf lebt. Die "einäugige" Ich-Erzählerin spricht von den Fährnissen der Liebe, ihrer eigenen und der bei Menschen der Umgebung beobachteten. Weder das (eher undramatische, vorwiegend aus Flanieren bestehende) Geschehen, noch die Personenkonstellation rufen Assoziationen zur "Entführung aus dem Serail" ab. Ursprünglich bestand die Absicht, dass Erdoğan ein neues Libretto verfassen sollte. Daraus wurde nichts. Der Rückgriff auf den "Wundersamen Mandarin" war eine Verlegenheitslösung. Man merkt’s. Vielleicht wird man ihr am ehesten gerecht, wenn man nicht zwanghaft nach Analogien sucht, sondern das Ergebnis als eigenständiges Werk betrachtet.

(K)eine Oper über Fremdheit

Das zentrale Problem besteht darin, dass zwischen Mozarts Entwurf und Erdoğans Roman weder ein zwingender oder auch nur überzeugender Zusammenhang, noch ein Kontrast besteht. Für eine Oper über Fremdheit, die uns die Dramaturgie als gemeinsamen Nenner vorschlägt, eignet sich die "Entführung", genau besehen, nicht. Konstanze weist den Bassa nicht ab, weil er fremd ist, sondern weil sie einem anderen, wie schon ihr Name verrät, treu ist. Und wie soll ihr einer fremd sein, der gar nicht vorhanden ist? Im Text heißt es: "Es ist eine Dummheit, von der Liebe mehr zu erwarten, als sie geben kann." Wo in Mozarts "Entführung" kommt auch nur ein Hauch dieses Gedankens vor?

Serail 02 c christiankleinerTurbulenzen im Serail: Patrick Zielke, Patrice Luc Doumeyrou, Joshua Whitener, Tatja Seibt, Amelia Scicolone, Estelle Kruger, Anna Magdalena Fitzi, Statisterie
 © Christian Kleiner

Der Raum, der den Platz und den Garten am Palast des Bassa Selim ersetzt, ist eng und gleicht von Anfang an eher einem Gefängnis oder auch einem Kirchenraum mit Betstühlen als einem Herrschaftssitz. Weit und breit kein Blick aufs Meer. Die Bühne dreht sich, Menschen laufen drum herum und erstarren. Haben wir das nicht gerade erst unlängst gesehen? War es im Ballett, im Sprechtheater oder in der Oper? Wahrscheinlich sowohl als auch. Mit weißen Fahnen sieht das mehr nach Pariser Mai aus als nach Genf. Und auch der fallende Dauerschnee hat sich abgenützt. Die Kostüme führen in eine Gegenwart, in der es deutlich weniger Orient gibt als in Mannheims Außenwelt, wenn man die Straße neben dem Nationaltheater überquert.

Erst die Musik, dann die Worte?

Bleibt ein Problem, das sich bei Experimenten dieser Art unausweichlich stellt: Dass Musik, anders als die natürliche Sprache, über keine (mehr oder weniger) eindeutige Semantik verfügt, ist bekannt. Es stellt sich wieder einmal Salieris Frage, "prima la musica, poi le parole", erst die Musik, dann die Worte? Percevals Entscheidung suggeriert, dass für ihn die Musik buchstäblich nichts zu sagen hat. Denn was immer Mozart komponiert haben mag, ob er die Ideologie des Librettos unterstrichen oder dementiert hat: den "Wundersamen Mandarin" konnte er nicht vorhersehen. Es darf sogar, gleich bei der Ouvertüre, in die Musik hinein gequatscht werden. Das muss einen nicht kümmern. Aber man sollte die Prämissen beim Namen nennen. Erst die Musik, dann die Worte: bei der Mannheimer "Entführung" bezeichnet das "dann" bloß die zeitliche Folge, nicht das Gewicht.

Weil das so ist, endet "Die Entführung aus dem Serail" in Mannheim nicht, wie es in der Partitur steht, sondern mit dem Lied "An die Hoffnung" – immerhin von Mozart, nicht von Beethoven. Der teils pathetische, teils wehleidige Sprechton entfernt sich so weit vom Gestus der Musik, dass die Aufführung über Strecken den Charakter eines Rezitationsabends mit Gesangseinlagen annimmt. Von dem Luk Perceval, der einst mit "Schlachten“ berechtigtes Aufsehen erregt hat, lässt diese "Entführung“ nichts mehr ahnen. Sie ist allenfalls eine konzeptionelle Idee, aber kein Bühnenereignis.

 

Die Entführung aus dem Serail
von Luk Perceval und Aslı Erdoğan nach Johann Gottlieb Stephanie und Wolfgang Amadeus Mozart
Musikalische Leitung: Jānis Liepiņš, Regie: Luk Perceval, Bühne: Philip Bußmann, Kostüme: Ilse Vandenbussche, Licht: Mark Van Denesse, Choreographie: Ted Stoffer, Szenische Neueinstudierung: Fanny Gilbert-Collet, Dramaturgie: Patricia Knebel, Luc Joosten, Chor: Dani Juris.
Mit: Estelle Kruger, Amelia Scicolone, Joshua Whitener, Raphael Wittmer, Patrick Zielke, Tatja Seibt, Anna Magdalena Fitzi, Joris Bultynck, Patrice Luc Doumeyrou.
Premiere am 18. Juni 2022
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

Kritikenrundschau

"(...) inmitten der vom tosenden Leben umkreisten, mit Stützen verstrebten Fachwerkkonstruktion Philip Bußmanns (stellt) sich ein intimes Kammerspiel über Sehnsüchte und Verlangen ein und vollzieht sich, süßlich verziert mit freudigen Ereignissen wie Hochzeit und Geburt, eine Aussöhnung mit dem Leben", beschreibt Nikolaus Schmidt in den Badischen Neuesten Nachrichten (20.6.2022) den Abend. All das gehe in den zwei pausenlosen Stunden nicht ohne "kräftige Eingriffe" des Regisseurs in das Werk, die für den Kritiker dem Gelingen des Abends aber keinen Abbruch tun.

Laut Kritiker Stefan M. Dettlinger (Mannheimer Morgen, 20.6.2022) tue der Mannheimer Sommer nur so, als hätte er "Die Entführung aus dem Serail" gezeigt. "Dabei ist es eher so, dass ein paar Leute, die mit Mozarts Werk nicht mehr ganz zufrieden sind (oder nichts mit ihm anfangen können), die 'Entführung' entführten in eine neue, aktuelle Sphäre, indem die Figuren einer Art Cancel Culture unterzogen worden sind – also einem Abgleich, ob sie unter Gesichtspunkten politischer Korrektheit noch tragbar sind", findet Dettlinger. Zwar packe einen "der Abend über einsame Menschen, die die Kälte in der vielbevölkerten Großstadt und in ihrem Inneren reflektieren, poetisch, verbittert oder selbstmitleidig" immer wieder mal. Doch: "So etwas wie Ahnungsdrang, der durch die pausenlosen zwei Stunden zieht und die Zeit vergessen lässt – Fehlanzeige." Hieße der Abend 'Perceval/Erdogan: Eine Entführung mit Mozart', ginge er für den Kritiker "in Ordnung". So aber existiere diese "Entführung" nicht.

"Klappt das? Kann sein. Mag sein. Der Eifer der Neu-Deuter ist gewaltig", schreibt Sigrid Feeser in der Rheinpfalz (20.6.2022) über den Abend. Doch: "(...) die Handlung fehlt", findet die Kritikerin. "Was zu Mozarts Zeiten als platte Entführungsgeschichte glatt durchgehen konnte, ist modischer Korrektheit zum Opfer gefallen." Luc Percevals Inszenierung sei handwerklich brillant umgesetzt; man erkenne und schätze die "Pranke des Löwen". "Nur, muss man das so haben?", fragt Feeser skeptisch.

 

 

 

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Kommentare

Kommentare  
#1 Serail, Mannheim: Geseufztes "Endlich"Frank 2022-06-22 23:01
Die Musik konnte man wohl genießen, das Gerede zwischendrin eher nicht. Ohne Zusammenhang zur Musik und ohne roten Faden.

Das seufzende "Endlich" eines Zuschauers beim Vorhang beschreibt den Abend passend.

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