Wir glotzen zurück

22. Juni 2022. Ilia Papatheodorou vom Künstlerinnenkollektiv She She Pop spricht über die spezielle Beziehung der Gruppe zu ihrem Publikum. Der Beitrag entstand im Rahmen des Essays Wo bleibt das Publikum?

Von Sophie Diesselhorst

22. Juni 2022. Wenn Relevanz der Schlüssel zur Wieder- oder Neugewinnung eines Theater-Publikums ist, dann kennen She She Pop sich aus: Bereits 2007 machten sie es sich in ihrer Produktion "Relevanzshow" zur Aufgabe, zusammen mit ihrem Publikum Relevanz "eigenständig zu definieren und spontan herzustellen, wenn möglich für alle Anwesenden".

Schlüssel dazu war die schonungslose Interaktivität, für die das mittlerweile mehr als 25jährige und preisgekrönte Freie Szene-Kollektiv bald berühmt-berüchtigt wurde.

"Als wir angefangen haben, waren wir überrascht und schockiert vom voyeuristischen und sexistischen Blick des Publikums auf uns Frauen”, erinnert sich She She Pop-Mitgründerin Ilia Papatheodorou. "Wir haben beschlossen, 'das Licht anzumachen' um zurückzuglotzen und diesen Blick mitzuinszenieren."

Man habe also "eine Art sadomasochistischen Pakt" mit dem Publikum geschlossen, das She She Pop daraufhin auf verschiedene Weisen in ihre Szenarien involvierte, indem sie soziale Szenarien wie zum Beispiel einen Stuhlkreis, ein Lagerfeuer, einen Ballsaal zitierten.

"Die Gemeinschaft war also in jedem Stück eine andere, aber das Zuschauen wurde von uns stets definiert, es wurden spezifische Aufgaben damit verbunden", sagt Ilia Papatheodorou. Dabei sei stets klar gewesen, dass das Publikum nicht ferngesteuert werden kann, dass es als "spontane Realität" die Kunst aus der Bahn wirft, wie zum Beispiel, als Papatheodorou sich in der Relevanzshow eine 100 Euro Note ins Korsett steckte und das Publikum dazu auffordert, mit ihr darum zu kämpfen. Ein Zuschauer nahm die Aufforderung an, so ernsthaft, dass es erst zum verbalen, dann auch zum physischen Gerangel führte.

Trotzdem habe sich mit jedem weiteren Interaktivitäts-Experiment bestätigt, dass das Zusammentreffen der Realitäten auch seine Grenzen habe, so Papatheodorou: "Interaktion ist immer etwas Künstliches."

Seit mehr als zehn Jahren (seit ihrer Erfolgs-Produktion Testament, wo die Performerinnen ihre Väter mit auf die Bühne holten) haben She She Pop den "sadomasochistischen Pakt" mit ihrem Publikum nunmehr weitgehend gebrochen und lassen es meistens unbehelligt im Zuschauerraum sitzen. "Das liegt allerdings vor allem daran, dass wir seitdem in fast jeder Produktion mit Gästen gearbeitet haben", sagt Papatheodorou.

Aus der Beschäftigung mit Brechts Lehrstück-Theorie haben sich neue Formen der Interaktion ergeben, in denen das Publikum in den Produktionen "Einige von uns" (2015) und Oratorium (2018) als Chor involviert wurde. Im Corona-Lockdown haben She She Pop außerdem ihre Produktion Kanon umgemodelt als 1:1 Angebot an ihre Zuschauer:innen, ins Telefongespräch zu kommen. “Es hat durchaus Spaß gemacht, aber nicht immer so gut funktioniert”, sagt Ilia Papatheodorou. “Denn es war zwar das Jetzt da, aber nicht das Hier, das hat gefehlt."

Die Anwesenheit des Publikums betone das Hier und Jetzt. "Aus ihr spricht gleichzeitig eine hohe Verbindlichkeit, aus der wir viel ziehen als Künstlerinnen." Einen Publikumsschwund hätten sie bei ihren Vorstellungen derzeit noch nicht bemerkt. "Unser Publikum ist nicht so groß, aber sehr verbindlich." Unter jahrelangem hohen Einsatz haben She She Pop sich also ihre eigene Community gebaut.

(Aufgezeichnet von Sophie Diessehorst)

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