Du hast kein Recht, mich so zu verlassen!

von Sarah Heppekausen

Dortmund, 12. Dezember 2008. Die Frau starrt noch einmal sekundenlang mit weit aufgerissenen Augen ins Leere, dann wirft sie sich der Vogelscheuche in die Arme und ist tot. 90 Minuten lang wurde im Dortmunder Studio das Lebensende verhandelt. Die letzten Stunden im ziemlich verkorksten Dasein einer Frau, die in einem übergroßen Bett schläft und auf einem winzig kleinen Stuhl sitzt.

Ein surrealer Raum zwischen Diesseits und Jenseits. Hier strahlt alles in weiß: Bäume, Bettwäsche, das Nachthemd der Frau. Weiß wie das erkaltete Leben, steril wie ein Leichenschauhaus. Schwarz sind nur die Schuhe, mit denen die Frau später begraben werden will. Und Mantel und Schlapphut der Vogelscheuche. Klar, es ist ja auch der Tod, der hinter der Gestalt der zierlichen Figur mit den wilden Haaren lauert. Auch wenn das die Frau selbst erst kurz vor dem Ende erkennen wird.

Zynische Leichtigkeit

Das jüngste Stück der irischen Autorin, das 2006 in London uraufgeführt wurde, formuliert eindeutige Bilder. Im Schrank spannt der schwarze Vogel seine Flügel aus: die Vogelscheuche als ständige Begleiterin der Frau, als beste Freundin, Spiegelbild oder Alter Ego, zwingt zu unverfälschten Erinnerungen. Eine Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit auf dem Sterbebett.

Ohne das Wissen um den irischen Glauben an Geister und Übersinnliches fällt es nicht immer leicht, dem Text essentielle Belange zuzutrauen, die sich nicht in spirituellen Metaphern erschöpfen. Regisseurin Patricia Benecke belässt diese Bilder in ihrer gelegentlich schwer nachzuvollziehenden Anschaulichkeit und schrammt so – unterstützt vom verspielten Bühnenbild – oft knapp an der Grenze zur romantisierenden Märchenerzählung vorbei. Aber Benecke setzt auf die Komik, die in Carrs Geschichte trotz des bitterernsten Themas angelegt ist.

Das gibt dem Abend eine angenehme, manchmal sogar zynische Leichtigkeit, die vor allem Juliane Gruner zu verdanken ist. Als todkranke Frau verzerrt sich die Schauspielerin zwischen kraftvollem Trotz und dahinsiechendem Fieberwahn. Denn wenn Besuch aus der realen Welt ins Zimmer kommt, begegnet sie ihm verkrampft unter der Decke liegend, mit leiser, leidender Stimme.

Grimassen im Sterbezimmer

Jederzeit zum Kampf und zum Tanz bereit ist sie hingegen für die Vogelscheuche. Die wird von der Frau auch mit lauter, tiefer Stimme als "mieser Parasit" oder "bissige, besserwissende Bestie" beschimpft. Mit ihrem knochigen Körper, den zerzausten Haaren und den stierenden Augen gibt Juliane Gruner fast die überzeugendere Vogelscheuche ab. Monika Bujinski wirkt dagegen zu zart und anständig für den Tod. Da hilft auch keine ausladende schwarze Federboa. Als Ehemann der Frau hat Claus Dieter Clausnitzer stets den Vorwurf in der Stimme. "Du hast kein Recht, mich so zu verlassen", herrscht er seine Frau an. Um sie dann vorsichtig in den Arm zu nehmen, nachdem er sich ordnungsgemäß die Hose fürs Bett ausgezogen hat. Wahre Liebe kann man sich bei den beiden nur schwerlich vorstellen.

Elisabeth Krejcir ist das Rosenkranz betende "Tantchen Ah". Auch sie bleibt in ihrer Darstellung der berechnenden Ziehmutter blass neben Gruner. Denn die beherrscht das Sterbezimmer mit ihrem Grimassen ziehenden Mund und dem wahnsinnigen Blick, der dem Tod ins Auge schaut. Dieser sei theoretisch zwar großartig, ihr eigenes Ende gestalte sich allerdings zu prosaisch, meint die Frau gleich zu Beginn unzufrieden.

Ein bisschen mehr Prosa allerdings hätte der Inszenierung gut getan. Ein bisschen mehr naturnahe Sachlichkeit wie in den Bildern von Caravaggio – die hat sich die Frau früher so gerne im Louvre angeschaut, Heiligendarstellung ohne Idealisierung. Ein bisschen mehr Diesseits. Denn das Epische hebt sich das Leben bis ganz zum Schluss auf. Das zumindest erklärt die Vogelscheuche. Und die muss es ja wissen, schließlich ist sie der Tod.

Woman and Scarecrow
von Marina Carr
Deutsch von Patricia Benecke
Regie: Patricia Benecke, Ausstattung: Gesine Kuhn.
Mit: Juliane Gruner, Monika Bujinski, Claus Dieter Clausnitzer, Elisabeth Krejcir, Emilia Struß.

www.theaterdo.de

 

Zuletzt sahen wir im November 2008 in Dortmund experiment. prisoner 819 did a bad thing, Hermann Schmidt-Rahmers Inszenierung, in der er den Stanford-Versuch nachstellte.

 

 

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