Jetzt blatzt die Blase!

von Otto Paul Burkhardt

Tübingen, den 17. Januar 2009. Sie haben alles – und doch fehlt ihnen etwas. Weil beide das spüren, nehmen Johannes, Fondsmanager, und Lisa, Redakteurin, eine Auszeit vom Alltag. Wohin? Auf eine Almhütte? Auf die Malediven? Nach New York? Nein, Johannes hasst verbrauchte, verwertete, ausgeleierte Orte. Er reist mit Lisa über die Dörfer.

 

Das Paar fährt von Wien in die österreichische Pampa, nach St. Veit an der Gölsen und Steinakirchen am Forst, nach St. Peter in der Au und Statzendorf, logiert im Schwarzen Ochsen, im Gasthaus Schoißengeyer oder beim Ochsenkellerwirt. Eine agrarisch geprägte Roadmovie-Variante? Ein Fluchtversuch ins No-where-Land? Eine Art Reset, ein Neustart von der Peripherie aus?

Sinnkrise der Wohlstandsgesellschaft
Auf jeden Fall eine Rettungsaktion. Denn das Paar ist ebenso äußerlich erfolgreich wie innerlich ausgehöhlt. Lisa ahnt, dass das Leben zwischen Office und Essengehen beim Taiwanesen einem Kreislauf gleicht. Johannes sieht überall nur noch Bilder, Spiegelungen, mediale Manipulationen und vermisst die bare, haltgebende Wirklichkeit. "Dörfer" ist das neueste einer ganzen Reihe von Stücken, in denen sich der österreichische Autor Volker Schmidt (Jahrgang 1976) mit lebensunglücklichen Ärzten, Architekten, Kostümbildnern und Werbefilmern beschäftigt – kurz, mit der "Sinnkrise der Wohlstandsgesellschaft".

Mit "Himalaya" (2003) fing das alles an – und mit "Mountainbiker" (2007) avancierte Schmidt schließlich zum Doppelpreisträger des Heidelberger Stückemarkts. Jetzt, in "Dörfer" (November 2008), kommt zur geistigen Krise der Börsencrash hinzu – entsprechend hat Schmidt sein bereits 2005 freigegebenes Stück noch einmal umgemodelt und aktualisiert. Sicher, es gibt Bezüge zu Handkes "Über die Dörfer" – etwa in Schmidts mythisch raunenden Kapitelüberschriften wie "Die Offenbarung" und "Die Versuchung". Doch anstelle des Verkündertons in Handkes "dramatischem Gedicht" benutzt Schmidt eher knappe, pointierte Ping-Pong-Dialoge, um komplexe Befindlichkeiten zu skizzieren.

Die eiskalte Standby-Beziehung erwacht
Robert Arnold inszeniert die Uraufführung am Tübinger Zimmertheater (das sich unter der umtriebigen Doppelintendanz von Christian Schäfer und Axel Krauße wieder mit zeitgenössischer Dramatik profiliert). Arnold, von Haus aus Schauspieler, findet für Schmidts seismographisches Katastrophenprotokoll karge, abstrakte szenische Anordnungen in einem fast leeren weißen Raum. Schon zu Beginn des Selbsterfahrungstrips durch die Provinz zeigt die Regie, dass dieses Paar innerlich längst getrennt lebt – Lisa (Hannah Kobitzsch) steht im Mantel aufbruchsbereit mit Rollkoffer am Rand, Johannes (Frank Siebenschuh) liegt stumm auf einer Art Straße mit Mittelstreifen und sieht aus wie ein Unfallopfer, womöglich infolge überhöhter Geschwindigkeit.

So übersetzt die Inszenierung innere Zustände in äußere Szenarien – nicht schlecht gemacht. Und Schmidts ambitionierte Szenenüberschriften ("Der Seher. St. Veit an der Gölsen, Gasthaus zum schwarzen Ochsen, 19.52 Uhr") werden kurz als coole, weiße Leuchtschriften eingeblendet. Als Lisa und Johannes den Absprung wagen (sie kündigt ihren Job, er verschenkt den Wagen), erwacht die erkaltete Standby-Modus-Beziehung zu neuem Leben: "wir haben uns begriffen". Doch Schmidt spitzt die Konflikte zu.

Milliardendollardreckskredite
In Statzendorf, beim Ochsenkellerwirt, kurz nach 17.11 Uhr, macht Johannes einen entscheidenden Fehler: Er schaltet den Fernseher ein, sieht den aktuellen Finanzcrash, mutiert wieder zum Börsenjunkie und lässt Lisa sitzen. Die rächt sich prompt mit einem Fremdgeh-Abenteuer. Am Ende begegnen sich beide wieder – stark ramponiert und reuig ("wir haben unser leben auf pump gelebt ... aufgebaut auf falschen erwartungen auf falschen bildern").

Gut, manches – vor allem das kalkulierte Ineinander von Beziehungs- und Weltwirtschaftskrise – mag stellenweise plakativ wirken. Doch die Dialoge entwickeln einige Dramatik, und die Regie macht genau das Richtige: beamt das Geschehen in eine unwirkliche Sphäre. Und so – ohne nachhechelndes Realismus-Getue, quasi im statisch schwebenden, abstrakten Raum – wertet die Tübinger Uraufführungsinszenierung Schmidts Economy-Krisenstück ("milliarden dollar dreckskredite über den ganzen globus verteilt ... jetzt platzt die blase") zum tiefer lotenden Sinnsucher-Drama auf – ohne in Welterklärungstonfall zu verfallen.

Volker Schmidts Trip über die "Dörfer" wirkt in Tübingen wie Paul Virilios vielzitierter "rasender Stillstand" auf dem Theater. Den typisch Schmidt'schen Hoffnungsschimmer am Ende (die Aussicht auf ein neues Zusammenleben des Paars) bebildert die Regie eher skeptisch: Lisa reisefertig mit Rollkoffer, Johannes wie ein Verkehrsopfer auf dem Mittelstreifen. Womit wieder alles von vorne beginnen könnte.


Dörfer (UA))
von Volker Schmidt
Regie/Ausstattung: Robert Arnold, Dramaturgie: Nina Thiele. Mit Hannah Kobitzsch und Frank Siebenschuh.

www.zimmertheater-tuebingen.de


Mehr zu Volker Schmidt? Im November 2007 wurde in Heidelberg sein Stück Die Mountainbiker uraufgeführt. Für sein multimediales Sationenstück über einen jugendlichen Amokläufer komA wurde Schmidt 2008 mit dem österreichischen Theaterpreis Nestroy als beste Off-Produktion ausgezeichnet.

 

Kritikenrundschau

Volker Schmidt habe mit "Dörfer" ein "sehr aktuelles wie beklemmendes Abbild einer modernen Zweierbeziehung geschaffen", schreibt Veit Müller im Reutlinger General-Anzeiger (19.1.2009): "Hier treten zwei starke Figuren auf, die noch miteinander wollen, aber nicht mehr miteinander können." Hannah Kobitzsch als Lisa und Frank Siebenschuh als Johannes setzten am Tübinger Zimmertheater den "gemeinsamen Trip durch Verzweiflung, Sprachlosigkeit, falsche Hoffnungen und unerfüllte Wünsche" hervorragend um. Dem Regisseur und Ausstatter Robert Arnold sei ein "funktionales wie sehr aussagekräftiges Bühnenbild gelungen. Das Leben von Lisa und Johannes spielt sich auf einer symbolisierten Straße ab, die aus dem Nichts kommt und die ins Nichts führt." Den Beifall dürften sich die "Schauspieler wie Regisseur wie auch Autor Volker Schmidt gleichermaßen zuschreiben".

Volker Schmidt habe "ein Näschen, aber auch ein gutes Auge für die Nöte und Neurosen, wie sie in besser gestellten, jedoch verunsicherten Kreisen vorkommen", meint Wilhelm Triebold im Schwäbischen Tagblatt (19.1.2009). Er habe sein neues Stück "Dörfer" "vor der Uraufführung wohl noch einmal kräftig der allgemeinen Krise angepasst" und greife darin "die derzeitige psychologisch grundierte Vertrauenskrise in der Börsen- und Bankenwelt geschickt auf, indem der suchtabhängige Wertpapiertiger Johannes, der eben viel zu viel Flausen und Futures im Kopf hat, um an eine verträgliche Zukunft zu denken, in seine bröckelnde Paarbeziehung eher spekuliert als investiert." Der Regisseur Robert Arnold erledige seine Sache "gut, mit sauberer Personenführung und Gespür für Situationen".

 

 
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