Alice im Wundenland

von Stefan Bläske

Wien, 25.3.2009. Karim wohnt in Wien, am Naschmarkt, ist 31 Jahre und Schauspieler am Burgtheater. Als smarter Moderator mit Zahnpastalächeln führt er durch den Abend. Er (Karim Chérif) ist der Chor, der sich fragt, ob es vielleicht naiv ist, die Geschichte von Elektra – "tausend Mal erzählt" – noch einmal zu erzählen. Dabei hängt das nicht vom Alter der Geschichte ab, sondern davon, wie man sie erzählt.

 

Der 1955 geborene niederländische Dramatiker und Regisseur Koos Terpstra entwickelte seine Version der Elektra vor zehn Jahren als Reaktion auf den Kosovokrieg. Nicht von Olivenbäumen wird "Meine Elektra" beschattet, sondern von Nato-Bombern: "Der Schatten der Gegenwart liegt über dem Text." Autor und Regisseur Terpstra schrieb dem Auftrags- und Uraufführungstheater Erlangen im Herbst 1999 ins Spielzeitheft: "Erwartet Wut."

Eskalierende Auseinandersetzung

Die Wiederentdeckung dieser Wut in Wien zeigt sich vor allem in geballten Fäusten. Orest steht starr und angespannt, eine Kampfmaschine, abgerichtet zum Töten der Mutter. Seine Schwester Elektra schlägt sich mit der Faust auf die Brust, ein fanatisiertes Emotionsbündel, voll des Hasses gegen Klytämnestra, gegen die Mutter, die den Vater (bzw. Mann) tötete, der wiederum die Schwester (bzw. Tochter) getötet hat. Es ist so tragisch wie klassisch: Alle haben irgendwie Recht, werden aber ungerecht, indem sie stur auf ihrem Recht, ihrer Wahrheit beharren.

Die schicksalhaft-unausweichliche Konfrontation verschiedener Wahrheiten macht die Kraft antiker Tragödien aus, und sie verleiht auch der Inszenierung von Barbara Nowotny einige berührende Szenen: so etwa die eskalierende Auseinandersetzung zwischen der blindwütig (g)eifernden Elektra (Pauline Knof) und ihrer sie dennoch mit Liebe behandelnden Mutter. Myriam Schröder als Klytämnestra gelingt mit ihrem kraftvollen Auftritt eine Reanimation des sonst eher smaragdgrün dahinplätschernden Abends. In dieser Mutter, die die Hand liebt, die sie töten wird, toben Kämpfe zwischen Vergebung und Verachtung, Verzweiflung und Verlorenheit.

Während nun aber das Nebeneinander verschiedener Gefühle und Wahrheiten die Stärke des Stoffes ausmacht, ist im Nebeneinander verschiedener Varianten auf anderer Ebene die Schwäche der Inszenierung zu sehen: Eine fehlende Konsequenz und Konsistenz in der Schauspielerführung und der Anlage insbesondere der männlichen Figuren.

Mord und Muskeln

Der Erzieher (Dirk Nocker), der Orest zum Mord anstachelt, ihn als Werkzeug für eigene Interessen benutzt, muss ein harter Hund sein. Denn er muss nicht nur Orest, sondern zugleich die Handlung antreiben. In der Inszenierung hat er dafür jedoch zu wenig Biss. Orest steckt – in Terpstras Text – voller Unsicherheit und Zweifel. In Nowotnys Inszenierung wird er indes zum Soldaten, auf Mord und Muskeln getrimmt (Patrick O. Beck), ein Hyperventilator, der die Tat dann doch nur im rauschhaften Zustand, angepeitscht von lauter Musik, Elektra und dem Erzieher, vollführen kann. Und Karim? Bei Terpstra ist die Rolle auf eine sehr junge Schauspielerin zugeschnitten: das Mädchen von nebenan, das durch Elektras Welt stolpert wie Alice im "Wundenland" und dabei reichlich naive Kommentare von sich gibt.

Wie anders klingen dieselben Worte nun aus dem Mund eines Moderators und Entertainers, der selbstbewusst durch den Abend führt! Der zwar unversehens auch ins Geschehen involviert und blutig geprügelt wird, dann aber wieder mit strahlend weißem Hemd dasteht und im Reiseführerstil die Schönheit Griechenlands preist, als sei nichts geschehen. In alledem lässt Barbara Nowotny zwar manchmal interessante Interpretationen aufblitzen, meist aber ohne diese Facetten in ein stimmiges Gesamtbild einzufügen. Zwischen Terpstras Zugang und Nowotnys Umgang damit, zwischen Text und Inszenierung, ja selbst innerhalb der Anlage einzelner Figuren gähnt so manche Kluft.

Elektra lebt

Das kann auch Karim, der Chor, nicht ändern, der ab und an auftaucht, um uns kommentierend durchs Geschehen zu führen und der sozusagen unser Stellvertreter ist. Denn so wie er, könnten auch wir leben: Urlaub in Griechenland machen und am Abend zwar die Nachrichten schauen, doch dabei froh sein, keine Verantwortung zu tragen. Achselzuckend geht er ab, als Elektra hinter ihm zusammenbricht, und achselzuckend verlässt man am Ende auch die Inszenierung.

Damit auch wirklich jeder den Zusammenhang zwischen dem antiken Mythos und den Schatten der Gegenwart versteht, zählt der anfangs noch moralisierende Karim in einem langen Monolog vorher noch alle Kriege auf, die es seit seiner Geburt gegeben hat. Das ergibt eine beeindruckend lange Liste – wobei den stärksten Eindruck wohl hinterlässt, wie oft Karim sich verspricht, nicht weiter weiß, Hilfe von der Souffleuse braucht. So viel Krieg kann und will man sich wohl nicht merken.

... und plötzlich wird die Verzweiflung über dieses ganze Morden echt, für einen kurzen Moment. Elektra lebt. Aber sie leidet.


Meine Elektra
von Koos Terpstra
Deutsch von Eva Pieper
Österreichische Erstaufführung
Regie: Barbara Nowotny, Ausstattung: Angelika Höckner, Viktoria Rautscher, Musik: Rainer Jörissen. Mit: Pauline Knof, Myriam Schröder, Patrick O. Beck, Dirk Nocker, Karim Chérif.

www.burgtheater.at


Mehr lesen? Der antike Stoff elektrisierte und inspirierte 1966 schon Ingmar Bergmann, dessen Film Persona über eine Schauspielerin, die durch ihre Darstellung der Elektra verstummte, Philipp Reuss im Januar 2009 für das Deutsche Theater in Berlin adaptierte. Im September 2008 inszenierte Roger Vontobel die Orestie in Essen.

 

Kritikenrundschau

Im österreichischen Standard (27.3.) schreibt Isabella Hager kurz und wenig animiert: "Irgendwo ist immer Krieg, und im zeitlosen Irgendwo siedelt Barbara Nowotny auch ihre Inszenierung einer erschreckend laschen Familientragödie im Burgtheater-Kasino an. (...) Verloren wie Hänsel und Gretel im Wald stehen Nowotnys Orest und Elektra am Ende des knapp eineinhalbstündigen, enttäuschenden Abends da: War das jetzt richtig, Mutti zu ermorden? Pylades tätschelt ihnen wohlwollend die Köpfe: Brav gemacht, ihr Kleinen!"

Etwas ausführlicher befasst sich in der österreichischen Zeitung Die Presse (27.3.) Norbert Mayer mit der Sache. Zu einer wesentlich anderen Einschätzung kommt er dabei aber nicht. "Barbara Nowotny inszeniert 'Meine Elektra' etwas unentschlossen als Lehrstück gegen Gewalt", fasst die Unterzeile zusammen. "Durchwachsen" sei "diese kühle Inszenierung", heißt es im Text, "schwankend zwischen Tristesse und Zorn und jener Ironie, mit der man dem Schicksal trotzt." Dem amoklaufenden Orest von Patrick O. Beck sei mit Myriam Schröder allerdings eine differenziert spielende Elektra gegenübergestellt, die, "im Gestus dem antiken Drama nah", dem Abend "Intensität" gebe.

 

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