Wenn Eiapopeia-Träume zerplatzen

von Otto Paul Burkhardt

Stuttgart, 18. April 2009. Irgendwann stürmt eine 15-köpfige Gang aus türkischstämmigen Jungmännern von der Bühne herab ins Publikum, drängelt sich in die Sitzreihen und brüllt den ganzen Frust eines ausgegrenzten Lebens ins Zuschauerrund. Eine Publikumsbeschimpfung? Ja, natürlich. Theater hat bei Volker Lösch eigentlich immer mit Wut zu tun. In fast allen seinen Regiearbeiten, egal ob sie nun "Dogville", "Medea" oder "Hamlet" als Brandherd nutzen, mischt Lösch die geschlossene Gesellschaft namens Theater mit theaterfernen, real existierenden Menschen auf. Erweiterte Sozialarbeit, argwöhnen manche. Andere finden, es komme neues Leben in die Bude.

Für "Wut", die in Stuttgart uraufgeführte Bühnenfassung des gleichnamigen TV-Films von Max Eipp (2006 gesendet, heiß diskutiert und mehrfach preisgekrönt), hat Lösch 15 junge Männer, zum Großteil aus türkischen Familien, gecastet. Der Film reißt ein heikles Thema an: Can, ein gewalttätiger türkischer Dealer attackiert die Familie des Uniprofessors Simon Laub – bis, nach einem Horrorüberfall des Can-Clans auf die Laub-Familie in Clockwork-Orange-Manier, der gedemütigte Professor ausrastet und Can umbringt. Was tun, heißt die unangenehme Frage, wenn Eiapopeia-Träume von multikultureller Koexistenz in der Realität krimineller Jugendgewalt restlos zerplatzen?

Befindlichkeits-Collage mit Wucht

Die Stuttgarter Bühnenfassung (von Lösch, Beate Seidel, Bernd Freytag und dem Spielensemble) modelt den thrillerartigen Filmplot zu einer Sozialrecherche in Parallelwelten um. Die wird angereichert mit Erzählungen der jungen Männer, in denen Ausgeschlossenheitsgefühle genauso zu Wort kommen wie unkaputtbare Träume. Zudem sind Passagen aus Dritt-Texten eingestreut, etwa aus Henryk M. Broders bissiger "Kritik der reinen Toleranz".

Man könnte vieles einwenden. Zum Beispiel, dass Lösch auch diese Vorlage wieder lediglich als Stichwort-Steinbruch ausschlachtet. Oder dass er über weite Strecken die sozialpsychologische Feinzeichnung des Films durch zwei grobe blockartige, theatralische Stereotypen ersetzt. Und dass er die Kanak-Sprache Cans ("ey krass", "alder", "scheißendreck") sogar glätten muss, um sie nicht als Klischee vorzuführen. So kommt "Wut" zwar nicht an Arbeiten wie "Dogville" oder "Medea" heran, entwickelt aber als geballte Befindlichkeits-Collage einer chorisch und tänzerisch kraftvoll agierenden Jungmänner-Crew durchaus eine eigene Wucht.

Die Figur des Straßendealers Can löst sich bei Lösch in einem Kollektiv auf, in einer Gruppe von Individuen, die ihre jeweiligen Erfahrungen in gemeinsam und somit solidarisch skandierten Chortexten ins Publikum schleudert. Diesem Kollektiv konträr gegenüber steht die deutsche Akademikerfamilie Laub, gemimt von Profis des Stuttgarter Ensembles.

Mit dem Charme eines integrativen Stadtteilfestes

Professor Simon Laub ist bei Sebastian Kowski ein stattlicher Kerl, der gern mit Studentinnen anbändelt; doch als er sich die vom Türken-Clan geklauten Chic-Schuhe seines Sohnes zurückerobert, verrät er in seinem supertoleranten Friedensangebot nur die eigenen krassen Vorurteile. Seine Frau Christa (Katharina Ortmayr) hat ihn längst als Verbalhelden durchschaut ("Du redest immer so lang, bis alles stimmt") und tröstet sich derweil mit Simons Freund, dem bösen Onkel Michael (Martin Leutgeb), der am liebsten Türkenwitze erzählt. Laub-Sohn Felix (Till Wonka) ist hin und her gerissen zwischen Fremdheit und Faszination gegenüber der Can-Gang.

Mal driftet Löschs Inszenierung in die bittere Satire ab (auf den tiefen Fall der Laubs vom hohen Sockel gönnerhafter Toleranz hinab in die pure  Hilflosigkeit), mal versprüht sie den tapferen Charme eines integrativen Stadtteilfests. Und am Ende sieht es fast so aus, als ob Lösch sich um den Originalschluss herumdrückt. Doch in einem zweiten Anlauf rollt dieser Schluss dann ab, wenn auch verändert und vom Zuschauerraum vielsagend weggerückt auf die Guckkastenbühne.

Dort machen die Laubs – in einem grotesk auf rosa getrimmten Design-Interieur – auf heile family und legen mit der türkischen Putzfrau (ebenfalls rosa) einen Toleranz-Tanz aufs Parkett. Bis die Gang mit Äxten das Idyll zertrampelt – und Simon Laub sie allesamt in Rambomanier niederschießt.

Irgendwann einmal werden alle Lösch-Arbeiten zusammen eine einzige, gigantische Langzeitstudie zum Thema "Sozialarbeit im Theater" ergeben. Was keineswegs ironisch gemeint ist, denn ohne Lösch, den Mann fürs Heftige, Wuchtige, Chorische, Antikulinarische, Störende und Wehtuende, wäre das Theater in Dresden, Hamburg und eben auch Stuttgart erheblich lauer.

 

Wut
von Max Eipp (Uraufführung)
Regie: Volker Lösch, Bühne und Kostüme: Carola Reuther. Mit Sebastian Kowski, Katharina Ortmayr, Till Wonka, Martin Leutgeb, Sarah Sophia Meyer, Dennis Bucher, Ümit Celik, Ümit Coban, Volkan Demirkan, Yasin Elharrouk, Brian Mebert, Simon Iyob, Ahmet Kiliç, Hüseyin Kalkan, Kreshnik Mehmetaj, Ammar Mekacher, Nahuel Pozo, Roy Ratnagopal, Samuel Hidalgo Staub, John Wanjiku, Dilaver Gök, Ruhsar Aydogan.

www.staatstheater.stuttgart.de


Mehr lesen zu Volker Lösch? Im Januar 2009 kam in Stuttgart Volker Löschs apokalyptischer Hamlet heraus, im Februar in Dresden Die Wunde Dresden. Löschs umkämpfte Peter-Weiss-Variation Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?, hatte im Oktober 2008 in Hamburg Premiere und wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

 

Kritikenrundschau

Für Armin Friedl von den Stuttgarter Nachrichten (20.4.2009) bürgen die "15 jungen Männer mit Migrationshintergrund" in Volker Löschs Stuttgarter "Wut"-Inszenierung für die "Authentizität" der von ihnen erzählten Geschichten. Den Can verkörperten sie "nach allen Regeln der Kunst" und mit enormer körperlicher Präsenz, seien ein "eindrucksvoller Chor" und "wenn sie zu lauter Rap-Musik ihre Breakdance-Künste zeigen, kehrt ein Stück Bronx ins Schauspielhaus ein". Till Wonka als Felix habe es natürlich schwer, dagegen anzuspielen, Dilaver Gök als Cans Vater sei hingegen "ein Riesentalent, wenn er laut polternd durch den Raum rennt". "Gegensätze und Widersprüche prallen bei Lösch unvermindert aufeinander", würden "politisch korrekt wiedergegeben" und alle "Stichworte" zum Thema abgehandelt. Die jugendlichen Laiendarsteller hätten für die Theaterarbeit "Mühen und Zeit aufgewendet, die ein deutscher Jugendlicher in diesem Alter mit Arbeitsplatz nie aufbringen könnte", schreibt der Kritiker außerdem und bemerkt überdies, dass sie bei der Premierenfeier "eleganter gekleidet" waren als ein Großteil des übrigen Publikums: "Das Theater ist für sie ein besonderer Ort der Begegnung".

Wenn immer wieder "fünfzehn dunkle Burschen in Jogginghosen, Windjacken und Turnschuhen über die sich duckenden Zuschauerköpfe" hinwegsteigen, schreibt Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (20.4.2009), werde es "direkter als sonst bei Lösch, physisch noch beklemmender ereignet sich das brisante Multikultidrama mitten unter uns". Die Film-Vorlage schildere "überaus realistisch", wie Can eine deutsche Familie tyrannisiere und mache die Türken "im Widerspruch zu schönfärberischen Sonntagsreden (...) nicht zu Opfern, sondern zu Tätern". Lösch unternehme nun alles, um seine Inszenierung "vom (übrigens großartigen) Fernsehspiel abzusetzen" und sie zu einer "theatralischen Recherche über die Einwanderungsstadt Stuttgart" zu machen, "weshalb die fünfzehn Migrantenjungs" eigene Erfahrungen einspeisten. "Die bedrückenden, mit Ingrimm skandierten Reportagen von ganz unten", in "rüder Gossensprache" oder "abenteuerlicher Kanak-Sprak", wirkten "so kraftvoll und authentisch, dass sie den Rest der Veranstaltung (und das ist dann doch ihre Schwäche) etwas blass aussehen lassen": Löschs Deutsche seien "nur Witzfiguren, schnell durchschaubar, rasch erledigt". Allerdings sei dies dem Konzept geschuldet, aus "Wut" ein "Thesenstück nicht nur über die verfehlte Integrationspolitik, sondern auch über die verlogene Liberalität der Deutschen" zu machen.

Im Gegensatz zu seinen Kollegen hält Arno Widmann von der Frankfurter Rundschau (20.4.2009) das Film-basierte Stück selbst für "rassistisch", weil alle darin vorkommenden Türken "gewalttätig", "arbeitsunwillig und nur sehr rudimentär artikulationsfähig" sind. Dass Protagonist Can von 15 jungen Männern "unterschiedlichster Herkunft" gespielt wird, verstärke "den Eindruck einer Invasion". Um dem Publikum "die Türkengefahr" nahezubringen, finde sie im Saal statt, und wenn die Can-Darsteller die Zuschauer beim Treten auf Armlehnen um Entschuldigung bitten, widerlegten sie "das gegen sie – auch vom Stück – gehegte und genährte Vorurteil". "Spätestens bei dieser Beobachtung" dämmere dem Zuschauer, "dass der Rassismus des Stücks sein eigener sein soll. Hier sollen keine wirklichen Türken, sondern die Projektionen der Einheimischen auf die Zugereisten deutlich gemacht werden." Während im Stück so getan werde, als seien die Ausländer für die Gewalteskalation verantwortlich, führe die Inszenierung den "rassistischen Blick auf die Anderen" vor, den deutschen ebenso wie den türkischen. "Die ästhetische Konfrontation, der der Zuschauer (...) ausgesetzt ist, ist gewissermaßen eine Übung für den Ernstfall draußen" und zeige, "wohin es führen kann, wenn man sich den Problemen nicht rechtzeitig stellt". Eine "sozialpädagogische Betreuung", wie sie das Programmheft aufführe und damit das Problem eher potenziere, bräuchten die "sehr überzeugend" spielenden Jugendlichen nach Widmann übrigens nicht.

Eigentlich fällt ein Theaterworkshop für Problemjugendliche nicht in die Zuständigkeit der Theaterkritik", beginnt Martin Halter seine Kritik in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.4.2009), bemerkenswert genug, dass an diesem Platz überhaupt die Kritik einer Lösch-Inszenierung erscheint). Denn wie solle man "die Arbeit des Verantwortlichen für 'sozialpädagogische Betreuung' beurteilen?" Aber Theater sei "auch eine moralische Anstalt", und Volker Lösch "einst Sozialarbeiter zur See" gewesen, wo er "schwer erziehbare Jugendliche auf Schiffen" betreut habe, und diese "Grundausbildung" komme ihm "als Regisseur jetzt zugute".

Da sind wir erst einmal baff.

"Wenn fünfzehn ausländische Streetkids mit Turnschuhen und Tattoos" den Zuschauern "mit Chorgebrüll ... auf den Pelz rücken" solle "einem schon bange werden", fährt Martin Halter fort. Aber die Jungs seien ihrem Regisseur dankbar, "dass sie ihre üblen Erfahrungen mit schwäbischen Vermietern, Kapitalisten und autoritären Vätern in diesen heiligen Hallen vortragen dürfen". Das Publikum "ist auch dankbar", es spende "erleichterten Beifall". "Der Einbruch der sozialen Realität war nur ein sozialpädagogisch betreuter Albtraum, ein aufregender Abenteuerurlaub in den Parallelwelten der Hochkultur." Der WDR-Spielfilm "Wut" - vor drei Jahren ins Nachtprogramm abgeschoben, weil es den Fernsehleuten nicht gefiel, dass ein ordentlicher Literaturprofessor bis aufs Blut gereizt, alle Masken von politischer Korrektheit fallen lässt – gelte heute als "Klassiker". Für den "Authentizitätsfanatiker Lösch" allerdings sei die Vorlage Nebensache, "die Form nichts, Wirkung alles". Lösch wolle "Toleranzgrenzen provokativ austesten". Weil deutsche Jungschauspieler seiner Meinung nach zu wenig authentisch seien, "musste wieder einmal ein Laienchor von Profis in Deklassierungserfahrungen ran". Allerdings bleibe dabei "Wut" auf der Strecke. "Im Theater sitzen Oben und Unten für neunzig Minuten in einem Boot, und alles hört auf ein Kommando, auch wenn es Schauspiel mit Sozialarbeit verwechselt."

Die Ausgangsthese von "Wut" sei, so Adrienne Braun in der Süddeutschen Zeitung (29.4.2009), dass die Integration "grandios gescheitert" ist. Gezeigt werde das "Opfer der Integration als Täter". Lösch analysiere nicht, warum sich die ausgesprochenen Wünsche der Laien mit Migrationshintergrund nicht erfüllten, sondern stelle "schlicht die Diagnose, dass aus den heterogenen Anteilen dieser Gesellschaft eine hochexplosive Gemengelage entstanden ist". Was man schon tausendmal gehört habe – "Konflikte, Delikte, Positionen und Parolen" – knalle Lösch einem hier "mit höchster emotionaler Wucht" vor die Füße, ein "überhitzter Kulturkampf, der in den Zuschauerreihen stattfindet". Ortmayr und Kowski spielten das altlinke Ehepaar "brillant", "präzise" seien die Chor-Passagen, die Männer-Gewalt "sorgfältig choreographiert". Was diesen Abend jedoch "wirklich stark macht, ist die authentische Kraft der jungen Männer, durch die die Ausweglosigkeit physisch spürbar wird". "Den Scherbenhaufen haben alle Beteiligten verursacht, die deutschen Wohlstandsbürger allerdings ein bisschen mehr". Wenn Lösch sie aber "zur Karikatur ihrer selbst" mache, sei dies "ein billiger Triumph, der nicht sehen will, dass liberale Erziehungsmethoden und die Bemühungen um Gesprächskultur nicht nur lächerlich sind, selbst wenn sie scheitern".

 

 
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