Was die Seele ist

von Charles Linsmayer

Zürich, 4. Dezember 2009. "Ich halt das nicht mehr aus. Warum müssen wir immer selbst lieben? Ich will, dass das endlich jemand anderer für mich macht. Ich will das nicht alles selber machen!" Martin Wuttke gibt Aussagen wie diese voller Entrüstung von sich und lässt sich von Carolin Conrads schnippischem "Du willst doch bloß deine Liebe zu mir an jemand anderen delegieren" nicht aus dem Konzept bringen. Er ist sich sicher: "Unsere intimsten Regungen können wir an andere delegieren. Ohne dass wir ein Problem damit haben. Da genau ist unsere Seele: Die Außenbeziehung des Körpers mit sich selbst!" Worauf die Partnerin, um Antworten nicht verlegen, kontert: "Das erlebe ich manchmal, wenn du mit anderen Körpern irgendwelche Außenbeziehungen pflegst: ich weiß dann, das ist meine Seele."

Die beiden agieren innerhalb einer Bühnenkonstruktion von Janina Audick, die aus zweistöckigen Bauten, einer Drehbühne, zwei Videobildschirmen und der Andeutung eines Variété-Theaters besteht. Und sie wechseln ständig ab zwischen Präsentationen auf den Bildschirmen und wirklichen Szenen und entwickeln dabei einen Aktivismus, von dem man schon bald zu vermuten beginnt, dass er den handlungsarmen Text von Pollesch à tout prix in Fahrt zu bringen hat – und vielleicht auch ein klein wenig über seine inhaltliche Dürftigkeit hinwegtäuschen soll.

Geburt des interpassiven Theaters

Thema des Abends ist aber keineswegs der Aktivismus, sondern der Passivismus. Polleschs Stück präsentiert sich nämlich als Geburtsstunde des interpassiven Theaters, das das bisherige, pauschal als interaktiv desavouierte, ablösen und eine Form von Bühnenkunst initiieren soll, die keinerlei Sinn oder Erkenntnis mehr vermittelt, sondern bloß noch Körper vorzeigt. "Ihr seid gar nicht passiv", ruft Wuttke dem Publikum zu. "Ihr wollt noch fühlen, ihr wollt noch irgendetwas erleben, ihr wollt den ganzen sentimentalen Scheiß!"

Pollesch warnt im Programmheft: "Nicht der Text muss Sinn garantieren, sondern die Schauspieler, und die meisten nehmen den Auftrag auch gerne an." Was auf das Verhalten der Protagonisten des Abends hundertprozentig zutrifft, gelingt es dem rührig engagierten Marti Wuttke und der jugendlich-alerten Carolin Conrad doch, aus der Textvorlage gerade dadurch, dass sie sie mit pathetischem Bierernst umsetzen und scheinbar ihre ganze Seligkeit von der korrekten Vermittlung der Interpassivitätstheorie von Robert Pfaller an das Zürcher Publikum abhängt, wunderbar komisches Slapsticktheater zu machen: Grand Guignol und Commedia dell'Arte, Zirkus und Clownerie in einem.

Am besten aber sind sie immer dann, wenn sie für Momente vom Theoretisieren abkommen und ganz in den sprachlichen Nonsens verfallen. Da zum Beispiel, wo sie unentwegt "den Becher mit dem Fächer" mit dem "Pokal mit dem Portal" verwechseln. Oder wenn Carolin Conrad am Ende eines überlangen Disputs ungerührt fragt: "Wo ist mein Lippenstift" und ein mannsgrosses Exemplar des fraglichen Accessoires erscheint, das in einer wunderbar komischen Zirkusnummer Verwendung findet.

Schlingensief stiehlt Pollesch die Show

So witzig das zuweilen anmutet, nach etwa einer Stunde läuft sich der Interpassivitätsdiskurs trotz allen Anklängen an die calvinistische Askese, die es zu überwinden gilt, langsam tot, und das Publikum ist sichtlich erfreut, dass mit dem Einzug von Schlingensiefs Trauerzug mit Chor, Ministranten, Priester und Todeskandidat nun doch der Interaktivismus wieder die Oberhand gewinnt – der fast schon historisch zu nennende erstmalige Interaktivismus zwischen den zwei Zürcher Schauspieltheatern nämlich.

Schlingensief, der unter komischer Verballhornung des Schweizer Dialekts einen fremdenfeindlichen Leserbrief vorliest und verkündet: "Ich bleibe hier und gehe nicht zurück nach Deutschland", stiehlt Pollesch letztlich die Show, und weil das Stück exakt mit dem Abzug der Schlingensief-Truppe zu Ende geht, ist es nicht einmal sicher, wem der eher dürftige, von den meisten noch im Aufstehen und Weggehen gespendete Applaus denn nun gegolten hat: Polleschs Passivitäts-Slapstick und dem brillanten Komikerpaar, das ihn gerettet hat, oder Schlingensiefs Aktivitäts-Spektakel, das nicht nur mit der gegenwärtigen politischen Diskussion in der Schweiz, sondern auch mit jenem Entsetzen Scherz treibt, das der Tod, unter was für Masken auch immer, noch allemal darstellt.

 

Calvinismus Klein (UA)
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Bühne: Janina Audick, Kostüme: Aino Laberenz, Video: Meika Dresenkamp.
Mit: Carolin Conrad und Martin Wuttke.
In den Vorstellungen am 6. und 8. Dezember Kooperation mit Christoph Schlingensiefs "Unsterblichkeit kann töten. Sterben lernen! (Herr Andersen stirbt in 60 Minuten)" und dem Theater am Neumarkt.

www.schauspielhaus.ch

 

Mehr zu René Pollesch in unserem Glossar.

 

Kritikenrundschau

In der Sendung Kultur Heute auf Deutschlandfunk berichtete Christian Gampert am 5.12.2009: Bei Christof Schlingensief verliere das Sterben einen Teil seines Schreckens, wenn es "kollektiv zu Kunst verarbeitet wird". Wenn der Sterbende mit "französischem Akzent herumnäselt" und als "skurrile Jesusfigur" sein Kreuz die Treppe heruntertragen müsse. Schlingensief suche "Seele", "Unsterblichkeit" und den "Hypergott", der für ihn eine "alles umfassende Energiewolke oder so was" sei. Wie ein "dadaistischer Passionszug" zögen die Schlingensief-Schauspieler durch die nächtliche Züricher Altstadt in Richtung Schauspielhaus. Das seien die schönsten Momente dieser Inszenierung: "Eine verschleierte, aus dem Mittelalter herausgefallene Madonnenfigur tänzelt über den Zebrastreifen, ihr folgt eine Mutter mit 50iger-Jahre-Kinderwagen und der kreuztragende Jesus nebst Anhängern. Die Autos halten an, die Stadt steht einen Moment lang still." Ein "groteskes, subversives Fellini-Theater" komme da über die Schweizer, "der Einbruch des Sakralen in die banale Kommerzwelt der Finanzmetropole Zürich".


In einem ersten Artikel schreiben tan/sda auf der Webseite des Zürcher Tages-Anzeigers (5.12.2009): Wer Lust habe auf "sinnigen Nonsens, auf perfekte Schauspieler-Kunst-Stücke und tiefernsten Blödsinn", solle sich die "verlinkte Freundschafts-Theater-Coproduktion" unbedingt ansehen. Bei René Pollesch gehe es "um die Beseitigung des «jahrzehntelangen Terrors des interaktiven Theaters, diese widerliche Kunstform der Geselligkeit.»" Nur Körper seien noch wichtig, Sinn sei "Papperlapapp", referieren die Zeitungswebseitenreferenten das zu Referierende. Die beiden Schauspieler spielten "brillant" Und als der "ganze Ulk doch etwas schlaff zu werden" drohe, komme Christoph Schlingensief zu Hilfe. Schon vorher habe man auf Video den Weg der Schlingensiefschen Prozession verfolgen können, mit dem "das Kreuz tragenden Andersen, mit Chören, Maria und Kinderwagen". Ein "schön geselliger, sinnreich-sinnloser, witzig-frecher, kurz-würziger Theaterabend", das Publikum "lachte sich krumm".

Die eigentliche Rezension reicht Simone Meier nach. Sie schreibt auf der Webseite des Tages-Anzeigers (7.12.2009): "Calvinismus Klein" beweise "wie erfrischend" radikales Denken sei. Thema des Abends: Carolin Conrad und Martin Wuttke suchen nach einem "interpassiven Theater"; wo man nicht mehr selbst Rührung verspüren müsse, sondern die Erledigung dieser "Arbeit" delegiere. So kümmere sich ein Schauspieler etwa einen Abend lang um die Frau, während der Theaterbesucher sich entspannen und "calvinistischer Askese" hingeben könne. Das "traditionelle Sinnsuchertheater" dagegen sei "absolut hohl", verkünde Wuttke. "Wie immer bei Pollesch" spielten die Schauspieler "mit Leib und Leben", und die "hochkomplexe Interaktiv-Interpassiv-Theorie" verschmelze "mit einer sehr handfesten Verkörperung, deftigen Kostümen" (den "Spielcasinos und Tanzpalästen der 20er-Jahre" entnommen), "Tricks und Zauberei". Hypnotisch, wie "schamlos charmant" Pollesch dem Pfauen-Publikum eine Beschimpfung" unterjubele. Dann stürme Schlingensief "wie ein komischer Onkel aus Havanna im Boulevardtheater" auf die Bühne. Wenn Wuttke auf ihn zeige und sage: «Mein Freund stirbt», meine er damit den realen Schlingensief, der real sterbe. "Und weil Christoph vor uns auf der Bühne steht und stirbt, delegieren wir im Zuschauerraum – der interpassiven Theatertheorie zufolge – nun unser Sterben kollektiv an ihn. Womit dann recht eigentlich Christus auf der Bühne stünde."

In der Neuen Zürcher Zeitung (7.12.2009) schreibt Barbara Villiger Heilig: "So, wie in den Kleiderschrank jeder Frau ein Calvin-Klein-Hosenanzug gehört, braucht jedes Theater seinen Pollesch auf dem Spielplan." Die glitzernde Posse "Calvinismus Klein" sei "nicht schlecht, aber schlicht". Wie immer handele es sich um einen "hochstaplerischen Mix von Zitaten aus den intellektuellen Schubladen", bloß "weniger bissig" als zu besseren Pollesch-Zeiten. Wenn Wuttke "mit erregter Inbrunst" darlege, dass er Conrad nicht "andauernd selber lieben" könne und sie den Blick mit "äusserst gekonnt damenhaft-dämlichem Ausdruck" an Wuttkes Lippen hefte, simulierten die beiden "Boulevardkomödie altmodischen Stils". Die "neumodische Verkleidung als Diskurstheater" sei problematisch. "Denn: Was soll diese aufgeblähte Petitesse, deren Gehalt pure Luft" sei? Die "ganze Mär vom interpassiven Theater" sei ein "netter, nicht wirklich abendfüllender Witz, dem man alles Gute wünscht für die Zukunft im Abonnement". Der als "Papst kostümierten Schlingensief" und die Seinen hätten indes durch ihr Erscheinen René Pollesch die Show gestohlen. Allerdings feierten "Insider" sich beim "interpassiven Mummenschanz" auf Kosten der Theatergäste" selbst. Wen interessiere das eigentlich?

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (7.12.2009) erklärt Martin Halter: Der Höhepunkt der "partiellen unmittelbaren Kommunikation" zwischen Schlingensiefs "hyperaktiven Körpertheater und Polleschs interpassivem Kopftheater" sei der Einzug eines Messias mit Kreuz und Dornenkrone, Kirchenchor und Publikum ins Schauspielhaus, der zum "Abbruch der Veranstaltung" führe. Das "Freundschaftsspiel" zwischen dem "Theaterdiskurskritiker" und dem "Sterbelehrer" ende mit "dem Sieg des todkranken Entertainers", der sich auf dem Boden wälze, "Islamfeinde drollig auf Schweizerdeutsch" imitiere und sich mit "einer Drohung" verabschiede: "Ich bleibe hier und gehe nicht zurück nach Deutschland. Ich will eure Toilette sein." - "Calvinismus Klein" dagegen sei eine "einzige Enttäuschung", "total missglückt als Interaktion". Polleschs "interpassives Stück" sei ein "sich selbst betrachtendes Werk, das nur sehr reflektierten Gemütern Genuss aus zweiter Hand verschafft".

In der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung ist heute (7.12.2009) – Dank der vom Besitzer beider Zeitungen Dumont angestrebten Synergieeffekte – eine von Dirk Pilz und Peter Michalzik verfasste "interaktive Doppelkritik" erschienen. "Wie redet man über das Sterben?" fragt Michalzik und setzt fort: "Eine Antwort auf die Frage wäre fast schon ein Antwort auf die Frage: Wie stirbt man? Das ist Schlingensiefs Frage." Alles sei "Skizze", "bloß keine Stilisierung, bloß kein künstliches Gefühl". Ein "typisches Schlingensief-Chaos, diesmal in der ganz kleinen Form". Bei René Polleschs "Calvinismus Klein" habe Martin Wuttke, berichtet Dirk Pilz, immer wieder gerufen: "Ich verstehe das nicht!" Dabei wische die Hand "fahrig die Stirn hinauf". In Polleschs jüngstem Werk gehe es um das "interpassive Theater" (Wuttke), um "die Unaktive im Bad!" (Conrad), um den "Boulevard-Schmerz" (Schlingensief). Polleschs Theater wolle, dass wir "an Erkenntnis gewinnen, es will aber auch, dass wir nicht dauernd unseren Kopf anschalten". Immer stritten diese zwei Seelen in seinem Bühnenspiel, und fast immer siege "die Amüsierlust des Publikums". Wahrscheinlich gebe es im Stadttheaterbetrieb derzeit kein besseres Boulevardtheater. Was dagegen Schlingensief in Zürich zeige und tue, so wiederum Michalzik, sei "kein Theater mehr und keine Kunst. Wenn es etwas ist, dann ist es Gottesdienst." Das ginge ohne "peinlich zu sein", weil er es nicht zu kaschieren suche. "Schlingensief fragt angesichts seines Sterbens naiv und öffentlich nach Gott. Er ist jetzt wirklich ein Sterbelehrer. Wenn es noch Propheten geben könnte, müsste man ihn einen Prophet nennen."

In der Süddeutschen Zeitung (7.12.2009) macht sich Christopher Schmidt Gedanken um Interaktivität und Interpassivität. "Vergesst die Interaktivität!", hebt Schmidt an, dieses alte "Versprechen auf direkte Demokratie in den Künsten". Jetzt ist "Interpassivität das neue Losungswort der Stunde". Darum kreise Polleschs Abend. Der Titel "Calvinismus Klein" setze "Verzicht und Konsum" gleich. Das interaktive Theater, so Wuttke, habe auf eine Kommunikation gezielt, die auf einem abwesenden Sinn beruhte. Zu erkennen, dass der Sinn im Theater aber der Körper sei, das pädagogische Anliegen indes eine Illusion, könnte ein erster Schritt zur Überwindung des Kapitalismus sein, "dessen Zahlungen selbst ‚nur auf dem Versprechen künftiger Zahlungen’ beruhen."

Gut, soweit.

"Calvinismus Klein" habe sein Theorem auf die Ebene eines Ehestreits "heruntergebrochen", wobei das "Boulevard-Setting" "populäre Unterhaltungsformate" bediene, "um sie zu unterwandern". Das Carolin Peters (sic!) zwischendurch in drei Teile geteilt werde, sei Sinnbild "für den disjunktiven Charakter der arbeitsteiligen Gesellschaft". Weil der Einbruch der Schlingensief-Schauspieler früher als geplant geschah, sei "für Momente" im Schauspielhaus "Chaos" ausgebrochen und Wuttke um "die Coda seines Textes" gebracht worden. Jedenfalls aber könne man sagen, dass auch das Pollesch-Theater "seine Virtuosen besitzt". Allein wie "Martin Wuttke mit gespielter Atemlosigkeit seine Einsätze dehnt, um seiner in diesem Hochgeschwindigkeits-Theater ungeübteren Partnerin echte Atempausen zu gönnen, weist ihn als Hochleistungs-Profi des Theater-Kapitalismus aus."

Auf Welt Online (7.12.2009) erinnert der Österreicher Ulrich Weinzierl an die Parallelen zwischen Österreich und der Schweiz. Beide Länder seien – aus gutem Grund – vom Helden zum Buhmann der Völker abgestiegen, beide litten unter "Demütigungen des nationalen Selbstbewusstseins". Und beide suchten "Zuflucht in der Trotzhaltung des "Jetzt erst recht!" In die aufgeheizte Atmosphäre in der Schweiz, wo Kritiker des Volksentscheides bereits als Totengräber der Demokratie gebrandmarkt werden, platze nun abermals wie zu Zeiten der Ausländer- und Asylantenhetze der ÖVP/FPÖ-Regierung in Wien, Christoph Schlingensief, mit einer "hurtig improvisierten "Intervention" ". Seit "eh und je" seien Polleschs Stücktitel die "witzigsten im deutschen Sprachraum", nur leider sei der Titel "Calvinismus Klein" auch das Beste an dem Stück. Die Theorie der Interpassivität des Wiener Kulturphilosophen Robert Pfaller, lasse sich "am einfachsten am Wesen der Pornografie veranschaulichen": „Wir haben Lust an fremder Lust.“ Martin Wuttke und Carolin Conrad erörterten das "furios". Indes habe das "bewährte" Pollesch-Prinzip, "hochgestochenen Diskurs aus rasanten Plappermäulchen in hysterische Boulevardkomödie zu verwandeln", schon überzeugender funktioniert. Rettung bringe Schlingensiefs "berüchtigte Interaktivität". Das Motto im Untertitel "Sterben lernen!" habe "den Beigeschmack emotionaler, existenzieller Wahrhaftigkeit", verbunden mit einer Frohbotschaft: "Solange Christoph Schlingensief seine Krebskrankheit zum Tode zu inszenieren vermag, geht es ihm nicht ganz schlecht."

 

 
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