Einmal Bochumer Sushi, bitte!

von Georg Petermichl

Wien, 5. Dezember 2009. Sein Theater sei ein Gemischtwarenladen: In Matthias Hartmanns TV-Portrait im ORF – gewissermaßen seiner Antrittsrede als frischer Burgtheaterintendant – plauderte er im September 2009 auch über die Beziehung des Theaters zum wahren Leben. Niemand wolle ausschließlich "Käsebrot", manchmal brauche es auch "Sushi". Und weil es manchmal einer kraftreichen Theaterernährung bedarf, hat er ein paar Energieriegel nach Eigenrezeptur aus seinen Altintendanzen ins Programm des Burgtheaters gepackt. Bisher wurden bereits "Amphitryon" und "Immanuel Kant" aus Zürich, bzw. "1979" und jetzt "Warten auf Godot" aus Bochum nach Wien importiert.

Seiner Aufarbeitung von Samuel Becketts Klassiker – dem "Godot" – könnte man ein Eigenleben, samt Gründungsmythos, schwerer Pubertät in Bochum und einem derzeitigen Wiener Coming-of-Age zugestehen: 2001 beschloss Hartmann, dass es nur einen wahrhaftigen Zeitgenossen für die Rolle des seltsam indifferenten, grenzwertig-wahnwitzigen Prügelknechts Lucky geben könnte: Der Late-Night-Entertainer Harald Schmidt wurde dafür engagiert. Das Voraustheater spielte sich dementsprechend auf den Titelseiten ab, die Bochumer standen Schlange um ihn auf der Bühne zu bewundern, und die Kritiker schossen sich auf die Darbietung des Publikumsmagneten ein. Mit "Warten auf Godot" schien 2002 das Leben rund ums Theater zum totalen Theater zu werden.

Betrunken im surrealistischen Meisterwerk
In Wien ist die Produktion ein weiteres Mal mit Michael Maertens und Ernst Stötzner in den Hauptrollen zu sehen, allerdings ohne Harald Schmidt und Fritz Schediwy als Nebenrollenbesetzungen. Ohne unglückliche Fokusverschiebung wird nun der Blick frei auf eine atemberaubend animierte Inszenierung. Vorweg: Das absurde Theater findet mit Hartmanns "Warten auf Godot" dank der Schauspielleistung des Quartetts (komplettiert durch Ignaz Kirchner als Pozzo und Marcus Kiepe als Lucky) seine Aktualisierung.

Estragon und Wladimir (Maertens) sind als Vagabunden inmitten eines surrealistischen Meisterwerks gestrandet, das im Vordergrund von einem goldenen Museumsrahmen eingegrenzt wird. Ihr Lebensgrund schwebt als kippbare Bühnenebene weit über dem Bretterboden. Der Angelpunkt der Ebene ließe sich als überdimensioniertes Ei beschreiben. Aus deren Mitte ragt ein Bäumchen heraus: Eine Stange Dynamit samt verästelter Zündschnur (Bühne: Karl-Ernst Herrmann). Und genau an diesem bemitleidenswerten Landmark warten die beiden Traumtänzer auf Godot.

Dafür scheinen sie sich allerdings Einen angetrunken zu haben. Dieser oder ein anderer aberwitziger Drogenrausch ermöglicht ihnen zwischen emotionsgeladener Zweisamkeit und unbeirrbarer Sturheit in wirre Verrenkungen zu verfallen und ihr Stimmvolumen an den Grenzwerten zu testen: Die beiden raunzen, flüstern, kratzen sich in den Haaren, stolzieren, schlurfen, humpeln, springen. Estragon (Stötzner) ist dabei eher cholerisch, Wladimir (Maertens) dagegen hysterisch. Ein händeringender Buster Keaton, und der Fingerakrobat Charlie Chaplin sind hier in einer Welt zusammengeschweißt.

Wenn der Zement abbröckelt
Zeit und Raum spielt bei solchen Underdogs keine Rolle mehr. Und doch reden sie über Körperpflege und Religion, die Zukunft und ihre Vergangenheit, das Leben und den Tod. Godot wird für sie trotz alledem nicht kommen. Dafür kriegen sie Besuch von Pozzo und Lucky, die sich in einer anderen Form von Zweisamkeit, nämlich als SM-Couple, zusammengeschlossen haben.

"Früher hatte man Hofnarren. Heutzutage hat man Knucks." Kirchner spricht als Pozzo halb himmelwärts in die Ewigkeit hinein, während er genüsslich im bereitgestellten Picknickstuhl residiert. Seinen gebückten Knuck Lucky führt er an der Hundeleine, lässt ihn absurde Tänze aufführen, oder auf Kommando "denken", was zu einem Monolog an sinnentleerten Sinneszusammenhängen führt. Von Beginn an werden die beiden Gestalten von Wladimir und Estragon ausschließlich dafür verwendet, ihr Clowngehabe gegenüber der Restwelt auszuprobieren.

Immer dann, und das ist Hartmann besonders anzuerkennen, wenn der Zement der beiden Konstellationen zu bröckeln beginnt, wird das Figurenbild eingefroren. Die Produktion besticht in ihrem Rhythmus. Was sie allerdings mit all ihrem Humor nicht bestimmen mag, ist die klassische Frage worauf nun eigentlich gewartet wird: Ist Godot nun Gott, die Erlösung oder das Nichts? Irrelevant, im absurden Theater findet Hartmann. Underdogs fehlt es nun mal an Fortschritt. Das wahrhaftig Schöne an diesem Mangel und der gegenseitigen Abhängigkeit, haben Maertens und Stötzner daraus gemacht.

 

Warten auf Godot
von Samuel Beckett
Regie: Matthias Hartmann, Bühnenbild: Karl-Ernst Herrmann, Kostüme: Su Bühler, Dramaturgie: Thomas Oberender.
Mit: Ernst Stötzner, Michael Maertens, Ignaz Kirchner, Marcus Kiepe.

www.burgtheater.at

 

Mehr zu Matthias Hartmann: Eva Maria Klinger besprach im September 2009 Hartmanns Eröffnung an der Burg mit Goethes Faust 1 & 2. Seine letzte Arbeit am Zürcher Schauspielhaus war eine Auseinandersetzung mit Jon Fosses Ich bin der Wind im Februar 2009.

 

Kritikenrundschau

Matthias Hartmann habe sich bei seiner Beckett-Lesart "mit Theorien nicht weiter aufgehalten: Er wählte den Theaterspaß", schreibt Barbara Petsch in der Presse (7.12.2009) anlässlich der Übernahme der "Warten auf Godot"-Inszenierung an die Wiener Burg. "Für diesen hat er Schauspieler, denen man nicht erklären muss, was der Unterschied zwischen Witz mit Tiefgang und Schenkel klopfen ist." Trotzdem komme die Aufführung "nur langsam in Gang", denn man müsse sich einhören – "und das dauert". Entlohnt werde man mit einer wunderbaren Bühne und "viel herrlichem Slapstick". Fazit: "Eine gelungene Aufführung."

Indem Wladimir und Estragon in Hartmanns Inszenierung als "proletarische Clowns" aufträten und die Sprache "auf den Umgangston der WDR-Krimis" eingeschliffen werde, handle es sich laut Hans Haider von der Wiener Zeitung (7.12.2009) bei dieser Aufführung um "eine befremdliche Vervolkstümlichung". Michael Maertens komme "das riesige Textpaket munter von den Lippen. Freilich in seiner inzwischen zur Manier erstarrten Intonation mit nasalen Auftakten, vokalischen Tremoli und verschluckten Endsilben." Stötzner hingegen sei "mit seinem Gesicht, das gleichzeitig lachen und weinen kann, ein mimischer Großfeuerwerker und der wahre Gewinn und Gewinner des weithin spannungslosen Abends. Man sah dem Gast die Rührung an, als ihm das Publikum laut dankte."

 

 

Kommentar schreiben