Spiel gegen Null reduziert

von Thomas Askan Vierich

Wien, 11. Februar 2010. Was bleibt vom Theater übrig, wenn man aufs Bühnenbild verzichtet, auf Requisiten, Schauspieler und gesprochene Sprache? Und nahezu auf jede Interaktion und Bewegung? In While We Were Holding It Together, mit dem Ivana Müller vor drei Jahren im Wiener brut gastierte, wirkten die Schauspieler eingefroren wie in einem tableau vivant. Sie bewegten sich nicht, aber sie sprachen immerhin. Und das oft recht witzig.

Im neuen Stück der in Amsterdam und Paris lebenden Kroatin, das jetzt am brut in Wien Premiere hatte und danach auf Europatournee geht, sprechen die Schauspieler keine Texte mehr. Die werden an die Bühnenrückwand projiziert. Diese Übertitel tun die Arbeit, während die "Schauspieler" kopflose Puppen herumschleppen oder mal als Parkbank für ihre Puppe figurieren. Deshalb passt der Titel des rund eine Stunde dauernden Stücks durchaus: "Working Titles".

Wenn Puppen kopflos schweigen

Erzählt wird die Geschichte einiger sehr zeitgenössischer Individuen: Adam, 43, arbeitet in der Textilindustrie. Sein Problem: Er ist single und etwas übergewichtig. Und er trinkt nur am Wochenende. Außerdem ist er wie alle Protagonisten eine kopflose, lebensgroße Puppe. Er trifft im Laufe des Stücks Eva, 30, arbeitslos, und Zoe, 21, schwanger und kein Vater in Sicht. Den könnte Adam vielleicht abgeben. Er schlägt das einmal vor, möchte die jüngere Geschichte umschreiben, um die nahe Zukunft zu verändern. Das ist ein bisschen das Thema des Stücks. Diese nahe Zukunft. Aber leider mehr im Programmheft als auf der Bühne.

Weiters treten auf: Die beiden Kinder Tom und Tina, die irgendwann in einer indischen Bollywoodproduktion zu Stars werden. Oder war es ein Werbespot für eine Lebensversicherung? Der kommt auch vor. Alles bleibt recht vage. Der Zuschauer liest die projizierten Übertitel, die die stummen und bewegungslosen Puppen zum Leben erwecken sollen. Weil das nicht recht klappt, versucht er seine Fantasie einzuschalten. Etwas, das Ivana Müller in ihren reduzierten Choreographien immer voraussetzt. Warum auch nicht.

Nur diesmal bekommt der Zuschauer keine Hilfe. Was soll er damit anfangen, wenn die 76-jährige Vicky, ein reiches Ex-Model, stirbt und wir im Hintergrund ein Auto wegfahren hören. Dann wird die Puppe Vicky von einem "Schauspieler" von der Bühne getragen. Hm.

Wo Spieler Puppen stoisch tragen

Die projizierten Texte sind prägnant, in ihrer Schlichtheit zwar manchmal witzig, aber letztlich doch reichlich oberflächlich und auch beliebig. Manchmal assoziieren sie ein wenig, spinnen den Faden einer vorhergehenden Szene weiter. Öfter auch nicht.

Vor allem bekommt der Zuschauer keine Hilfe von den trotz aller Puppen ja dennoch anwesenden Schauspielern. Oder soll man sie eher Requisitenträger, Puppenträger nennen? Denn viel mehr machen sie nicht. Ihrem Mienenspiel ist nichts zu entnehmen, keine Andeutung eines Kommentars. Ganz selten werden sie von den Puppen angesprochen, dürfen aber auch nur in projizierten, kargen Sätzen antworten. Dazu machen sie ein paar schlichte Handbewegungen. Der Höhepunkt der Interaktion zwischen Puppen und Schauspielern ereignet sich recht früh, als Puppe Adam sich beklagt, dass sie zu fett sei. Und der sie stützende Schauspieler etwas Stopfmaterial unter seinem Hemd hervorzieht und es der ihr gegenüber sitzenden schwangeren Puppe Zoe in den Bauch stopft.

Ausdrucksvolles, überraschendes Theater sieht anders aus. Aber das will Ivana Müller uns nicht bieten. Was will sie? Uns vorführen, wie viel man weglassen kann, bis Theater nicht mehr funktioniert? Das ist ihr in "While We Were Holding It Together" und bedingt in "Playing Ensemble Again and Again" gelungen. Jetzt hat sie die Grenze überschritten. Ohne Theater ist halt alles: gar kein Theater.


Working Titles
Regie und Choreografie: Ivana Müller, Konzept: Ivana Müller und Bill Aitchison, Text: Ivana Müller und die PerformerInnen, Lichtdesign/Technik: Martin Kaffarnik,  Sounddesign: Viljam Nybacka.
Mit: Bill Aitchison, Katja Dreyer, Karen Roise Kielland, Anne Lenglet und Adam, Eva, Joao, Tina, Tom, Vicky, Zoé.
Eine Koproduktion von I'M'COMPANY, brut Wien und Productiehuis Rotterdam/Rotterdamse Schouwburg.

www.brut-wien.at

 

Mehr zu Ivana Müller: Mit While We Were Holding It Together gewann sie den Preis des Festivals Impulse 2007, Playing Ensemble again and again zeigte sie 2009 beim Live Art Festival in Hamburg.


Kritikenrundschau

Die aus Kroatien stammende Performancekünstlerin Ivana Müller repräsentiere "eine neue Generation von Kritikern der Kommunikationskultur in Kunst und Medien", die wisse: "Persiflieren bewirkt gar nichts mehr; und moralisieren ist nur noch ein Schuss in den Ofen", schreibt Helmut Ploebst im Standard (13.2.2010). Müller setze mit ihrer Performance im Brut Wien "Working Titles" "bei einem Produkt an, das Kulturgänger wie Unterhaltungskonsumenten gleichermaßen gern anhecheln: bei der Erzählung". Stereotypen der Narration" würden hier "gnadenlos vorgeführt", ebenso werde "der Anspruch, den jede erzählte Geschichte stellt, nämlich interessant zu sein, mit ironischem Gestus ausgehöhlt und säuberlich zerspielt." Am Ende sei das, "was der Kultur- und Kommunikationsbetrieb seinen Klienten als 'Geschichten' einredet, unter Müllers künstlerischem Messer zwar verendet, aber das Einreden selbst steht noch da, paradox wie ein sprichwörtlicher Schwanz, der mit dem Hund wedelt. Optimistischer kann Fundamentalkritik an Culturetainment gar nicht formuliert werden."

 

 
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