Am liebsten eine Theaterwunderexplosion

von Sarah Heppekausen

Bochum, 21. Mai 2010. Anselm Weber hat sich für einen theaterneutralen Ort entschieden. In einer restaurierten Altbau-Villa am Stadtpark stellt er sein Programm für die kommende Spielzeit am Schauspielhaus Bochum vor. Die elegante Gediegenheit verströmt herrschaftliche Bedeutsamkeit. Als Weber das Wort ergreift, wird die Atmosphäre aber wieder lockerer. Mit offenem Hemdkragen stellt er sich der Presse. Und die Ideen und Pläne fürs nächste Jahr sprudeln nach 18-monatiger Vorbereitungszeit aus ihm heraus, manchmal auch so schnell, dass er sich verspricht oder seine Gedanken nicht nachkommen.

Weber will's explosionsartig angehen. Das neue Logo ist ein kleines "b", ausgefüllt von einem Stern. Manch einer assoziierte gleich eine Bombe, Weber selbst spricht vom "Strahlen" und von einer "Theaterwunderexplosion". Im Spielzeitheft heißt es "Willkommen in der Weltexperimentiermaschine". Eigentlich ist es mehr ein Magazin, 144 Seiten dick. Gewichtig wie ein großes Versprechen. In Blau leuchtet es dem Leser entgegen. Bochums Lieblingsfarbe. Anselm Weber hat ein sensibles Gespür für die Stadt, in der er arbeitet, und ihre Menschen. Das hat er schon in seiner aktuellen Amtsstätte Essen bewiesen. Auch in Bochum hat er seine Sensoren ausgefahren und fleißig in der identitätsstiftenden Geschichte des Hauses gewühlt. Den Tanz zum Beispiel will er wiederbeleben. Die kleinste Spielstätte – das bisherige TuT – heißt bald wieder "Theater unten", so hatte es auch Peter Zadek seinerzeit genannt. Und die Speiskammer trägt in Erinnerung an Tana Schanzara ab September den Namen "Tanas".

I-Tüpfelchen Europa

Am Essener Grillo Theater hat Weber mit seinen Stadtprojekten bundesweit Aufmerksamkeit erregt. In der Nachbarstadt mit dem größeren Theater musste etwas Neues her. Weber hat sich für den weiten Blick entschieden, über die Grenzen Bochums hinaus nach Europa. "Boropa" heißt entsprechend sein neues Motto. Mit der niederländischen Veenfabriek will das Schauspielhaus über drei Jahre eng zusammenarbeiten. Paul Koek wird am 23. September die Spielzeit mit einer Inszenierung von Voltaires "Candide" eröffnen. Der tunesische Regisseur Fadhel Jaibi bearbeitet mit Schauspielern des Bochumer Hauses den Medea-Stoff, Mahir Günsiray ("er spricht kein Wort Deutsch") aus Istanbul Goethes Faust. Monika Gintersdorfer zeigt eine neue Arbeit mit ihrem Dauer-Bühnenpartner Franck Edmond Yao von der Elfenbeinküste. Und es inszenieren der polnische Regisseur Jan Klata und die türkische Regisseurin Sahika Tekand.

Vorsichtige Experimente, Verlass auf Kontinuität

Weber lässt sich dabei sicher auf Experimente ein, auch wenn ein Intendant mit dem Schwerpunkt Europa erstmal nichts falsch machen kann. Wenig Risiko geht er auch bei der Besetzung seines Teams ein, da setzt er auf Konstanz. Dramaturgie und fast sein komplettes Essener Ensemble gehen mit nach Bochum. Alte Bochumer Bekannte wie Armin Rohde und Dietmar Bär kommen als Gäste. Roger Vontobel, Lisa Nielebock und David Bösch inszenieren wieder, letzterer nun als leitender Regisseur des Hauses. Weber, der gebürtige Münchner, ist angekommen im Ruhrgebiet. Er setzt auf intensive Bindungen. Theater geht er nicht eitel, sondern offenherzig an, Altbewährtem bleibt er treu. Und Diese Eigenschaften sagt man den Menschen dieser Region ja grundsätzlich auch nach.

 

Das neue Spielzeitmagazin online: www.boropa.de

 

Mehr zu Anselm Weber? Auf der nachtkritik-stuecke2010-Seite spricht Weber in der Videorubrik ruhrpods über das Ruhrgebiet, seine Essener Intendanz und das Theatermachen in Zeiten kommunaler Finanznot.

 

 

 

 
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