Showtime für die Ameise der Kunst

von Thomas Askan Vierich

Wien, 30. Mai 2010. Ja, so soll Theater sein: Die auf der Bühne sind nachher fix und fertig - und wir gehen beschwingt nach Hause. Marc Hosemann stand die Anstrengung beim Verbeugen ins Gesicht geschrieben. Immer wieder hatte er in den zurückliegenden wortreichen anderthalb Stunden rufen müssen: "Penis und Vagina, Penis und Vagina, immer nebeneinander, immer dasselbe!" und war dabei über Sofas marschiert und unten drunter durchgekrochen. Wenn er seinen Einsatz verpasste, sprach die hinter ihm stehende Souffleuse vor, so laut, dass man es bis in die letzte Stuhlreihe hörte. Nur er verstand es nicht. Also entriss er ihr das Textbuch und deklamierte die nächsten Sätze direkt aus dem Script.

Um zwei Tage hatte man die Premiere von "Peking Opel" am Akademietheater verschoben. Man müsse noch mehr proben, hieß es lapidar. Noch mehr proben - bei Pollesch? Wenn Schauspieler ihre Einsätze verpassen, sich verhaspeln, frei improvisieren, dann gehört das bei ihm dazu. Kindergeburtstage, die charmant entgleiten. Ein Schelm, wer hier die Sinnfrage stellt. Man freut sich, wenn man die Anspielungen erkennt: Habe ich diese Szene nicht mal in einem alten Film gesehen?

Abgehalfterte Varietéstars

Jemand hämmert vehement auf eine Schreibmaschine ein, als sei sie ein Musikinstrument, das man virtuos beherrscht. Bei Pollesch hämmert das ganze Ensemble - gefilmt in Schwarzweiß. Verkrachte Künstlerexistenzen, die ihrem Vermieter Honig ums Maul schmieren, statt ihm die fällige Miete zu zahlen? Pollesch zitiert jetzt nicht mehr nur TV-Soaps und Kino, er greift zurück bis Puccini. Na, er hat ja auch den Text zur Oper "Metanoia" von Jens Joneleit geschrieben, die in der Inszenierung von Schlingensief im Herbst am Schillertheater Premiere haben wird.

In "Peking Oper", Verzeihung "Opel" beginnt alles mit Wackelvideokamera in Schwarzweiß. Eine Viertelstunde lang steht niemand auf der Bühne, nur eine kunterbunte, varietéartige Anordnung mit Schminktisch und Chaiselongue ohne Schauspieler. Auf einer Leinwand sehen wir Martin Wuttke, Catrin Striebeck und Marc Hosemann, wie sie exaltiert hinter der Bühne in die Kamera sprechen. Sie tragen wie abgehalfterte Varietéstars seidene Hausmäntel.

Über der Videoleinwand prangt: "Fame on you". Sie feiern ihren größten Erfolg, "Die stille Stunde" - Pantomime im Radio. Angeblich eine Sternstunde. Radiosprecher, die niemand hört. "So eine gute Idee werde ich nie wieder haben", schreit Wuttke. Und jammert über seine Muse Catrin Striebeck, die keine Muse mehr sein will, weil für sie "nur achtzig Prozent" dabei herausspringen. Außerdem ist sie auch die Muse von Marc Hosemann, Partner von Wuttke beim Radio, ein Autor, der stolz darauf ist, Stücke zu schreiben, die nie aufgeführt werden. "Darin bin ich sehr erfolgreich!"

"Nur Dialoge, keine Gedanken!"

Oder hat das Wuttke gesagt? Egal, alle sagen sowieso alles immer wieder. Wie üblich bei Pollesch wird viel gesprochen, teilweise improvisiert. Man weiß nicht genau, wovon gesprochen wird. Das ist Absicht. Es geht um die Unmöglichkeit der Kommunikation. "Nur Dialoge, keine Gedanken!", ruft Marc Hosemann. Oder war es Wuttke?

© Reinhard Werner
© Reinhard Werner

Für Martin Wuttke ist heute Abend Showtime. Wuttke kennt seinen Pollesch noch aus Prater-Zeiten in Berlin. Er wirkt mit seiner schwarzen Hornbrille und seiner intellektuellen Selbstzerfleischung wie ein zu gut gekleideter Woody Allen auf Speed. Wuttke schwätzt, schwitzt, tobt, tanzt - wie Marc Hosemann immer kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Er hat ein Problem mit der Wahrheit, fühlt sich belogen und betrogen. Von seiner Muse. Die ihn auslacht. Wegen seines Wahrheitsbegriffs. Er solle sich lieber auf gute oder bessere Lügen konzentrieren.

Wuttke stutzt, dann jammert er weiter über ausbleibende Inspiration, das Nettsein "in einer unwahren Gemeinschaft", die "miese Anti-Radikalität", den elenden "Zwang zur Individualisierung". Jonathan Meese zitierend, schreit er: "Ich bin die Ameise der Kunst" und krabbelt über die Bühne. "Das hast du jetzt bestimmt nicht verstanden, Schatz!", wirft er seiner untreuen Muse an den Kopf. "Aber du hast es wenigstens mal gehört."

Witze und tiefere Einsichten

Wuttke trägt ein gelbes Hemd mit weißem Kragen und schwarzer Fliege. Dazu eine enge schwarze Satinhose und Stiefeletten mit hohem Absatz. Kollege Hosemann hat die Kostümbildnerin Nina Kroschinske in einen knalligen, karierten, etwas zu weiten Anzug gesteckt, Catrin Striebeck trägt erst ein eng anliegendes braunes Kleid, das ihr bis zu den Knöcheln reicht, später darf sie auf hochhackigen Schuhen über die Schleppe ihres beeindruckenden schwarzen Kleides stolpern. Kroschinske gibt den Figuren etwas Strizzihaftes, aber auch Fröhliches.

Fröhlich bramarbasieren sich die durch ihre Textcollagen. Die intellektuelle Bandbreite reicht vom erzählten Witz ("Wo ist eigentlich Ihre Frau? Zuhause. Woher wollen Sie das wissen? Ich trage ihre Schuhe.") bis zu tiefer reichenden Einsichten: "Vielleicht sollte ich lieber dazu übergehn, mich mit dem zu beschäftigen, womit ich mich sowieso gerade beschäftige. Dann bräuchte ich auch keine Muse. Oder so etwas Belangloses wie Inspiration."

Das haben Schauspieler wie Zuschauer wörtlich genommen: Die einen haben sich voll reingehängt und die anderen sind voll mitgegangen. Polleschs wilde Worte haben einem das Hirn kräftig umgerührt. Das hat sehr gut getan.

 

Peking Opel (UA)
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Bühne: Janina Audick, Kostüme: Nina Kroschinske, Video: Kathrin Krottenthaler, Licht: Felix Dreyer, Dramaturgie: Amely Joana Haag.
Mit: Catrin Striebeck, Marc Hosemann, Hermann Scheidleder, Volker Spengler, Stefan Wieland, Martin Wuttke.

www.burgtheater.at

 

Mehr zu René Pollesch im nachtkritik.de-Glossar. Pollesch-Star Martin Wuttke spielte am Burgtheater zuletzt in Das Begräbnis von Thomas Vinterberg.

 

Kritikenrundschau

"Peking Opel ist eine Happy Hour (eigentlich eineinhalb), die auf die ziemlich ansprechendste Art, die Theater so zu bieten hat, zum Nichtverstehen einlädt", fasst Margarete Affenzeller den Abend im Wiener Standard (1.06.2010) zusammen. Polleschs Theaorie- und Reflexionsmaterial, in früheren Arbeiten in großen Mengen direct importiert, werde zunehmend ausagiert: Die Schauspieler fallen regelmäßig aus ihren Rollen. Dahinter stecke "harsche Repräsentationskritik".

"Warum sieht man sich Uraufführungen von René Pollesch an?", fragt Norbert Mayer in Die Presse (1.06.2010), um dann die Unfertigkeit des Abends zu geißeln und festzustellen: "Ein großer Wurf war's aber nicht, selbst wenn einiges geboten wurde". Mayer befindet, dass Pollesch in der Krise stecke, muss aber zugeben: "Es ist tatsächlich ein Spaß, diese dadaistische Endlosschleife anzuhören. In der letzten halben Stunde wird sie aus nicht nachzuvollziehenden Gründen als lange Bettgeschichte sogar noch spannend."

"Fertig waren nach eineinhalb Stunden ,Peking Opel' (…) nur die Schauspieler", kalauert Michaela Mottinger im Kurier (1.06.2010) und kritisiert die Textunsicherheit von Volker Spengler und Marc Hosemann: "Da griff selbst der alte Pollesch-Schmäh, der jeden Verhaspler als konsequent Freud'schen Versprecher bejuxt, nicht mehr." Alter Egos des Autors seien die Figuren mehr noch als sonst; die Schauspieler agieren "entlang am Nervenzusammenbruch", ausführlich preist sie Martin Wuttke. Letztlich scheint sich auch Mottinger amüsiert zu haben: "Wenn demnächst alle ihren Text können, wird das ein Super-Abend."

Ein typischer Pollesch, befindet Judith Schmitzberger in der Wiener Zeitung (1.06.2010), "inklusive Spielräumen hinter der Bühne samt Video-Übertragung, sich wiederholenden, mäandernden Textblöcken, latenter emotionale Aufgebrachtheit und tragikomischem Slapstick". Pollesch befasse sich mit der Frage nach Kommunikation und Autorschaft, "bei der es immer wichtiger wird, wer etwas gesagt hat und nicht mehr, was es eigentlich war." Schmitzberger resümiert: "Ein dichter, komplexer Abend, der nachwirkt. Und dessen kritische Schärfe und Sinn erst allmählich aus dem scheinbaren Unsinn heraussickern."

“Wieder klappert die Wortmühle am rauschenden Bach des Diskurses”, beobachtet Ulrich Weinzierl in der Welt (1.06.2010). “Diesmal fließt, beziehungsweise rast er durchs Wiener Akademietheater. Gerne würde man sagen: Es reicht!” Aber so ganz kann sich Weinzierl dem Charme des Abends nicht entziehen: Nach halbstündiger Verzögerung erlebt er “einen Hexenkessel des hellsten Wahns, hinter dem listige Intelligenz hervorblitzt.”

Stephan Hilpold schreibt in der Frankfurter Rundschau (2.6.2010): Hollywood und René Pollesch teilten die Leidenschaft für die "große Emotion", die sich bei Pollesch schon lange in "pure Hysterie" verwandelt habe. Worum sich die Erregung in "Peking Opel" drehe, sei "so genau" nicht zu sagen. "Um fehlende Inspiration, um die verschwindende Muse, die Wahrheit in der Sprache, die tagtägliche Lüge." Man könnte es auch "das Pollesch-Problem" nennen, eine "Abwandlung des Adorno-Problems: Wie führe ich ein richtiges Leben im falschen?" In Wien schnurre die "Pollesch-Maschinerie" in "vielen Momenten" zwar "herrlich" vor sich hin, hätte aber mehr Öl, sprich Proben vertragen. Im Zentrum des Abends stehe der "grandiose Martin Wuttke". Er funktioniere wie "ein Durchlauferhitzer, aus dem sich Slapstick, Alltagskonversation und Theoriegebrabbel brühend heiß ergießt". Seine Kompagnons auf der Bühne täten sich da schwerer, "die wahnwitzigen Erregungsmomente" erreichten sie nur selten.

 

 
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