Anarchistische Wunschträume

von Dieter Stoll

Nürnberg, 13. November 2010. Wenn der Christbaum gefallen, die Krippe zertrampelt, das Weihnachtsmann-Kostüm besudelt und die Hausbar geplündert ist, wenn also Grundvoraussetzungen für "eine schöne Bescherung" erfüllt sind, kann man in Ruhe darüber nachdenken, was der Überzeugungs-Franke Fitzgerald Kusz mit seinem neuen Stück "Lametta" wollte. Etwa den Entwicklungssprung der bundesdeutschen Familiengeschichte dokumentieren?

1976 begann Fitzgerald Kusz auf der Bühne der Nürnberger Kammerspiele mit dem großen Konfirmations-Fressen "Schweig, Bub" seine dialektoffene Theater-Karriere, die ihn nun wieder zum Urknall zurück führt. Aber damals saß die ganze Sippe wie eine schrecklich nette Familie festgenagelt bei Tisch, während heute das Chaos der Patchwork-Beziehungen gnadenlos Einrichtungsgegenstände und Traditionen schreddert. Sollte die historische Leberknödel-Gemeinde, die nach 730 Vorstellungen in 34 Jahren in Kürze im großen Haus wieder antritt, irgendwann den Blick in die eigene Zukunft wagen, könnte das unabsehbare Folgen haben. Zum Beispiel ein gemeinsames "Allmächd".

Eierndes Erschlaffen

Der Vorhang der Kammerspiele glitzert in Silberstreifen, repräsentiert also schon mal den Titel und verfügt gleichzeitig über den Glamour einer Travestie-Show. Er gibt den Blick frei auf ein Zimmer voller Polstersessel, das den Sonderposten Parkett-Laminat an der Wand entlang bis zur Decke fortsetzt. Erstes Signal von Regisseur Frank Behnke und Bühnenbildner Günter Hellweg, dass hier nicht nur mit Sprache gekämpft wird. Da ist bereits das gutbürgerliche "Jauchzet, Frohlocket" durch eine bis zum eiernden Erschlaffen aufgerufene Endlos-Schleife von Peter Alexanders Grinzinger Version des "White Christmas" bedrängt. Ab dann kann man Katastrophen nummerieren.

Zum Frohen Fest mit dem in Scheidung lebenden Sparkassen-Filialleiter und seiner aktuellen Gefährtin (Heimo Essl und Nicola Lembach spreizen die Dialekt-Muskeln ihres Sprachtrainings) treffen reichlich Überraschungsgäste zum Patchworkshop ein. Die maulende Oma, die wie immer auf ihren baldigen Wechsel zum Südfriedhof hinweist (Marion Schweizer schwingt munter die Krücke gegen den Zeitgeist) neben zwei herangewachsenen Kindern, einer Ex und dem bereits als Altlast abgeschriebenen Alkoholiker, den bei jedem Erwachen aus dem Koma eine zweifache Miss Franken umschwirrt. Bei ihr wird alsbald vom feuchten Tanga die Rede sein, was 2010 selbst Konfirmanden nicht schreckt.

Ein ausgebeuteltes Katastrophen-Szenario

Fitzgerald Kusz, der als begnadeter Mundart-Lyriker immer nach wenigen Zeilen auf den Punkt kommt, bleibt im Theater ein Stillstands-Beschreiber. Wie in all seinen Stücken geraten die Figuren mit ihren kleinen Macken unters Vergrößerungsglas. Das ist Regisseur Frank Behnke zu wenig Bewegung, also streut er Juckpulver zum Anschub für anarchistische Wunschträume. In denen geht die Chance für eine Weiterentwicklung der bislang besten Kusz-Umsetzung im extratrockenen Puppenspiel von Thalias Kompagnons einfach unter.

Zu sehen ist statt der abgründigen Groteske, die da wohl angepeilt war, ein ausgebeutetes Katastrophen-Szenario, wo im Dienste der Heiterkeit Armbrüche und Mordgedanken mit Übelkeit und Stromausfall kooperieren, welcher im Fränkischen ja schließlich "Kotzschluss" heißt.

In Nürnberg war diese Uraufführung der Schlusspunkt einer Premieren-Welle, die sich an drei Tagen der Problem-Partnerschaften annahm. Etwa mit der Deutschland-Premiere von Sibylle Bergs Gespenster-Komödie "Nur nachts" (uraufgeführt im Februar am Wiener Burgtheater), wo es sich ein aufgedrehtes Ensemble unter Anleitung von Schirin Khodadadian im Zynismus der Autorin gemütlich machte. Die Rückbesinnung auf Comedy-Klassiker von "Sketchup"-Format und die Wiedergeburt von Loriots Opa Hoppenstedt ("Bananen? ­ Neger-Obst!") sind da die größte Überraschung. Das Öffnen der Kammer des Schreckens, die dem zaudernden Paar (Thomas Nunner, Elke Wollmann) von gardinenverhüllten Angstmachern beschrieben wird, soll vermutlich zum Totlachen führen. In Nürnberg sind Songs in GRIPS-Manier dazugeklöppelt.

Partnerschaften? Schwierig!

Dann war Christoph Mehler wieder zur Stelle. In seiner vierten Produktion vor Ort machte er Schillers "Kabale und Liebe" reif fürs Panoptikum und verblüffte in der letzten Viertelstunde der 100-Minuten-Fassung mit einer scharfen Kurve ins Romantische. Da durften Ferdinand und Luise (in Sprache und Spiel glänzend: Henriette Schmidt und Felix Axel Preißler) ihre letzte Limonade wie in Kino-Großaufnahme genießen. Was, ohne den scharfen Kontrast des langen Vorspiels, wo den Bösen immer noch eine Fratze draufgeknallt wird und der nette Musikus Miller als Alleinerziehender antritt, vermutlich wie Kitsch ausgesehen hätte. Jetzt ist es eine überraschende Wende nach schreienden Monstern, die Präsidenten-Stuhlgang in der Hocke mit lebendem Papierhalter zeigen und weder Onanieren noch Nasenbluten fürchten. Sie wurde vom Publikum dankbar anerkannt.

Die Uraufführung der Kusz-Abrechnung mit dem zweifellos gefährlichsten aller Feste hat in den Nürnberger Premieren von Berg und Schiller glaubwürdige Zeugen, dass es mit Partnerschaften schwierig war, ist und bleibt. Wer davon überrascht ist, sollte schnellstens abonnieren.

 

Lametta, UA
von Fitzgerald Kusz
Regie: Frank Behnke. Bühne und Kostüme: Günter Hellweg. Sprachtraining: Claudia Sendlinger. Dramaturgie: Katrin Breschke, Maren Zimmermann. Mit: Heimo Essl, Marion Schweizer, Philipp Niedersen, Adeline Schebesch, Nicola lembach, Maria Vogt, Michael Hochstrasser und Ruth Macke.

www.staatstheater-nuernberg.de

 

Mehr von Frank Behnke: Im Feburar 2009 insznierte er nach Gotthold Ephraim Lessing und George Tabori das Stück Die Juden/Jubiläum, Ende Oktober 2010 war er der Projektleiter für die zehn Uraufführungen im Rahmen von Paradiesische Zustände.

 

Kritikenrundschau

Fitzgerald Kusz sei "ein kleiner Meister im Aufspüren von Sollbruchstellen in Idyllen, und er schafft das auf hinterhältige Art", meint Bernd Noack auf Deutschlandfunk (14.11.2010). "Denn an der Wärme des Dialekts verbrennt man sich bei ihm die Finger und die Seele gleich mit." In "Lametta" wolle Kusz nun die "Entlarvung kleinbürgerlicher Be- und Empfindlichkeiten auf die Christbaumspitze treiben. Aber es gelingt ihm nur in wenigen kleinen, schöngarstigen Sequenzen, als Ganzes ist das Stück nicht mehr als eine seltsam einfach gestrickte Homestory aus den Niederungen lichterkettenverhängter deutscher Wohnzimmer". Der "eilige Abend" kranke aber auch "an der unentschlossenen Regie von Frank Behnke, der die Oberflächlichkeit des Textes nimmt, wie sie ist. Es bleibt plump, wo man endlich das Groteske herbeisehnt, und es dehnt sich, wo alles unaufhaltsam in den Abgrund hinabstürzen sollte."

Fitzgerald Kusz habe "Lametta" "mehr als einen Mundart-Schwank" gewollt, meint Hans-Peter Klatt in der Nürnberger Zeitung (15.11.2010). Es dränge Kusz offenbar, "die heutige Lage der Familien und damit der Gesellschaft zu beschreiben. Patchwork heißt dieser Zustand, denn die Erscheinungen des modernen Lebens können wir nur noch auf Amerikanisch einordnen." Zwar sei es "dramaturgisch etwas schematisch" geraten, im Kern aber sei es ein "bitteres Stück, das gleichwohl solide Unterhaltung bietet. Beide Komponenten hat Regisseur Frank Behnke in seiner Uraufführung herausgearbeitet und virtuos gegliedert: Auf turbulente, lächerliche Phasen folgen Momente der Besinnung, welche die Leere in den Figuren zeigen. Kitschige, eiernde Weihnachtsschlager karikieren das vergebliche Ringen um Festtagsstimmung."

In seinem neuen Stück greife Kusz sein Lieblingsthema - das Schlachtfeld Familie - wieder auf, schreibt Steffen Radlmaier in den Nürnberger Nachrichten (15.11.2010): "Ein verzweifelt-komischer Nachruf auf die Familie, die wie 'Lametta' scheinbar aus der Mode gekommen ist." Die Grundidee sei "in diesen Patchwork-Zeiten der Zweit- und Drittehen und Lebensabschnittsgefährten brisant und aktuell: An Weihnachten soll zusammenwachsen, was sonst kaum zusammengehört. Kann ein Familienfest mit einander fremden Menschen und Beziehunsgopfern überhaupt gelingen?" Statt auf Komik setzt Regisseur Frank Behnke aber "von Anfang an auf Klamauk und Knallchargen. Das ist streckenweise sogar lustig, auf Dauer aber ziemlich fad."

 

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