Wenn Iglus schmelzen

von Marcus Hladek

Wiesbaden, 20. November 2010. Die Uraufführung des Wenderomans "Der Turm" (Deutscher Buchpreis 2008) in der Fassung von Jens Groß und Armin Petras fand im September in Dresden statt. Guten Sinn hatte der zeitliche Vorrang vor Wiesbaden vor allem stofflich. Zwar setzt die Wiesbadener Bearbeitung durch den Schriftsteller und Thomas-Mann-Dramatisierer John von Düffel jetzt Maßstäbe, denen sich eigentlich nur nachhinken lässt – doch der stark autobiografisch geprägte Roman spielt nun einmal zwischen 1982 und 1989 in einem Dresdner Villenviertel, genauer in einem Milieu aus Ärzten, Lektoren, Musikern und sonstigen Bildungsbürgern, die sich bei Hausmusik und zweckfreier Kulturschwärmerei so gut es geht von den Zumutungen des DDR-Systems abschotten. Im Zentrum stehen der Abiturient Christian Hoffmann (Michael von Burg), der sich das Medizinstudium durch drei Jahre NVA erkaufen wird, und seine Eltern: der Arzt Richard Hoffmann (Lars Wellings) und Anne (Doreen Nixdorf, auch als Vera).

Künstlertyp und Stasi-Jacken

Den Zwiespalt ihrer "inneren Emigration" zeigt schon die Eingangsszene von Richards Geburtstagfeier. Befrackt, im Smoking oder Abendkleid, lassen sich die Gäste von einer Vermeer-Figur aufwarten und gehen von Arztanekdoten zu politischen Witzen über. Dieser Freimut, den Christian in Kostümierung und Haartracht bald als Künstlertyp zwischen Romantik und George-Kreis augenfällig macht, hat bei Tellkamps Menagerie staatstreuer Freigeister Grenzen in Vorsicht und Anpassung.

Jenseits der Liebesnöte Christians, der Zweitfamilie seines Vaters, des Leids der ungedruckten Schriftstellerin Schevola (im langen schwarzen Dichtermantel: Sybille Weiser) und ihres verzagten Lektors Meno (Samtjackett und Weste: Jörg Zirnstein) geht es dann vor allem um die Stasi in ihren bleichen Windjacken oder russischen Pelzmützen, um Spitzeldienste, Gewissenszwang und Opportunismus, brutale NVA-Erlebnisse und die Zwangsarbeit in der Chemie. Das Selbstbild der "Turmgesellschaft" frei nach Goethe zerstiebt symbolisch, als Nixdorf gegen Ende, auf "der" Mauer sitzend, aus "Wilhelm Meister" rezitiert und – eine Goethe-Büste auf ihr zertöppert.

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© Lena Obst

Es kann doch nicht immer so bleiben

Vor der Pause zeigt Ariane Salzbrunns Bühne die "Turm"-Welt als Insel mit antiken Säulen, verschüttet unter Sanddünen und nach hinten gestaffelt. Immer mal öffnen sich an den Säulen Fenster, aus denen Turm-Bewohner hervorlugen wie aus Renaissance-Geschlechtertürmen, oder Richards verborgene Geliebte lässt – Rapunzel, Rapunzel! – ein Netz herabhängen. Prompt verstrickt sie sich darin: ihr versuchter Selbstmord. Schöner Kontrast, wenn Christian mit seiner NVA-Mannschaft redend das Absaufen ihres Panzers beschwört und das folgende Bild uns eine ebenso nasse Gondelfahrt im "Elbvenedig" beschert. Die wiederum illustriert die Rückwärtsgewandtheit der "Turm"-Bürger, die an anderer Stelle mit dem einschlägigen Buch in Händen "Das alte Dresden!" vor der Bombennacht bejubeln.

Wenn die riesigen Muschelschalen im Sand nicht just Richard und seine Geliebte in einer Phase des Glücks einhüllen (Botticellis "Geburt der Venus" lässt grüßen), weisen diese und weiteres Pop-Art-Krustengetier symbolisch auf die tödliche Stagnation der DDR hin. Ein schmelzendes Iglu versinnbildlicht das Überwintern in der Eiszeit und dass nichts bleibt, wie es ist.

Nach der Pause dann die Plattenbau-Mauer, immerzu auf- und niederfahrend: Die Mauer flattert, doch sie fällt (noch) nicht. Dahinter entsteigt, als Chris die Erlebnisse "im Karbid" präsent macht, Trockeneis-Rauch den zu Bitterfelder Schornsteinen umfunktionierten Türmen.

Zwischen Semmel-Panegyrik und West-Pop

Gersch verrückt den tändelnd-verspielten Regiestil, den er so gut drauf hat, für Tellkamps nachgeholten Vatermord an der DDR diesmal stärker ins Ernsthafte, bewahrt sich mit dem alten Zygmunt Apostol in seinen Verkleidungen als Goethe in der Campagna (oder als "altes Dresden"?), als Zwiebelturm-Träger und blinkende Fantasiegestalt jedoch eine groteske Note.

Die der Romanform gedankte Detailfülle ohne dramatischen Bogen, die einen Wechsel der Dialoge mit Reden in der ersten und dritten Person oder Brieftexten bedingt, das Epische und Pathetische also, bewältigt Gersch, indem er reflektierenden Szenen wie zwischen Schevola und Meno Raum gibt, ansonsten den Darstellern vertraut und mit West-Pop und Klassik alles auflockert.

Glänzt Michael von Burg als Christian agil in allen Registern vom unreif Verliebten und sensiblen Dichtertyp bis zum NVA-gelernten Zyniker, der zuviel Gewalt gefressen hat und sie weitergeben muss, so macht Wellings' Richard sein zauderndes Hin und Her aus Protesthaltung, Verrat, goethisierender Semmel-Panegyrik und innerer Leere immer plausibel.

Als aufmüpfiger Doktor Wernstein, drangsalierter Soldat Jens und Brutalo-Kamerad "Pfannkuchen" hat Michael Birnbaum es mit am schwersten, schlägt aber wunderbare Funken aus der Verschiedenheit. Ähnlich Sybille Weiser, die von der Geliebten und Mutter in Häuptlings-Federschmuck zur 150-Prozentigen Swetlana und zurück zur rebellischen Schriftstellerin Schevola findet. Eine mit zwei Stunden vierzig Minuten etwas epische Inszenierung ohne wirkliche Längen.

 

Der Turm
nach dem Roman von Uwe Tellkamp. Bühnenfassung von John von Düffel, bearbeitet von Dagmar Borrmann und Tilman Gersch.
Regie: Tilman Gersch, Bühne und Kostüme: Ariane Salzbrunn, Dramaturgie: Dagmar Borrmann.
Mit: Michael von Burg, Lars Wellings, Doreen Nixdorf, Jörg Zirnstein, Sybille Weiser, Lissa Schwerm, Michael Birnbaum, Uwe Kraus, Wolfgang Böhm, Benjamin Krämer-Jenster, Michael von Bennigsen, Zygmunt Apostol.

www.staatstheater-wiesbaden.de

 

Der Regisseur Tilmann Gersch, 1964 in Berlin-Ost geboren, begann seine Theaterlaufbahn als Bühnentechniker im Berliner Deutschen Theater. An der Ernst-Busch-Schule Berlin studierte er Regie. Am Staatstheater Wiesbaden inszenierte er u.a. im Juni 2009 Beaumarchais' Figaro! Der tolle Tag.


Kritikenrundschau

Tilman Gersch schlage im Vergleich zur Dresdner Inszenierung, die aus Tellkamps Buch "ein zeitloses Gesellschaftsstück gemacht" habe, "den umgekehrten Kurs ein und reduziert den 'Turm' auf ein Familiendrama oder noch präziser: auf das Drama eines Sohnes", schreibt Andreas Platthaus in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.11.2010). Dafür habe Bearbeiter John von Düffel "alle Figuren gestrichen, die den Roman zum Sozialpanorama der DDR machen: die Bonzen und Künstler, Wissenschaftler und Verleger, Handwerker, Händler, Rentnerinnen, Sonderlinge und auch fast die ganze Familie Hoffmann, die nur noch aus Vater, Mutter, Kind besteht." Nur Zygmunt Apostols Personifikation des alten Dresdens "und ein paar weitere lebende Dresdner Bilder (...) entsprechen der ästhetisch-nostalgischen Stimmung, die Tellkamp so bissig bloßzustellen versteht." Ansonsten vergebe Gersch "die zweite Bühnenchance des Romans, und Wolfgang Engel, der angereist war, um zu sehen, wie die West-Konkurrenz die Sache anpackt, kann beruhigt zurück nach Dresden fahren."

In Ariane Salzbrunns Ausstattung finde Tilman Gersch "ein apartes, aber gut bespielbares Gelände vor", meint Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (22.11.2010). Gersch bestücke es "mit einem flexiblen Ensemble, in dem man Karikaturen ebenso zu sehen bekommt wie Menschen. Tellkamps Hauptinteresse gilt allerdings nicht den psychologischen Untiefen der Einzelnen, sondern eher den Mechanismen, in denen sie sich zurechtfinden müssen. Das ist auf der Bühne kein Vorteil, die Schauspieler machen daraus, was sie nur können." Doch der Wiesbadener Versuch, "die Geschichte möglichst umfassend zu transportieren", sei vergeblich: "so elegant die Szenen ineinanderfließen und die Darsteller sich die Erzählerrolle teilen, so leuchtet doch stets der Versuch durch, das Notwendigste mitzuteilen: Jetzt kommen Richards komplizierte Familienverhältnisse, jetzt kommt die Stasi, jetzt kommen die Angepassten, die Überzeugten, die Privatisierenden, die Zyniker, die Aufmuckenden, die Entrüsteten, jetzt muss noch rasch die Problematik der Mangelwirtschaft abgehandelt werden. Gerade weil es gut gemacht ist, zeigt sich die Aussichtslosigkeit des Unterfangens."

Mit einem deutlichen "Jein" antwortet Gerd Klee im Wiesbadener Tagblatt (22.11.2010) auf die Frage, ob man den Kosmos, den Tellkamp in seinem Werk entworfen hat, so auf die Bühne stellen könne, dass er fürs Theater taugt. Die Wiesbadener Aufführung sei "ein respektabler Theaterabend der mittleren Art". Für das, "was den Reiz des großen Entwurfs in Uwe Tellkamps Roman ausmacht, die ungeheure Welthaltigkeit", müssten Andeutungen genügen, die aber "in der Inszenierung von Regisseur Tilman Gersch durchaus präsent" seien. "Was von diesem Abend bleibt, ist die ordentlich erzählte Geschichte der Leiden des jungen C. und der Wunsch, mehr von den Bedingungen ihrer Voraussetzung zu erfahren, von dem Leben in Muschelschalen und Schneckenhäusern, die in der Bühne von Ariane Salzbrunn sinnreich angedeutet sind."

 

 
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