Naivling im Schreckenssumpf

von Charles Linsmayer

Bern, 18. Dezember 2010. Ein ebenso spektakuläres wie problematisches Element verbindet die schweizerische Erstaufführung des "Parzival" von Lukas Bärfuss mit der Uraufführung am Schauspiel Hannover: hier wie dort wird die Titelfigur von einer Frau gespielt, in Hannover von Sandra Hüller, in Bern von Milva Stark. Aber abgesehen davon, dass Matthias Kaschig den Geschlechtertausch auf das ganze Personal ausdehnt und Herzeloyde und Liase durch Männer darstellen und dafür immer wieder mal die Frauen einen Bart vorhängen und Ritter spielen lässt, nimmt sich dieser weibliche tumbe Tor ganz anders als in Hannover aus. Pummelig und in Strampelhosen, strapaziert er sein ahnungsloses Fragen bis zum GehtnichtMehr und kommt bis zum Schluss nicht aus seiner drollig-infantilen Kindlichkeit heraus.

Was eigentlich verwunderlich ist, präsentiert sich die Welt in dieser Inszenierung doch als eine jeglicher unschuldigen Kindlichkeit zutiefst abholde Schreckensvision in Form eines vor Nässe triefenden Sumpfs, von dem man sich nur kurze Zeit freihalten kann, ehe man, mit brauner Brühe bekleckert, deutlich von ihm gezeichnet ist. Wen die geheimnisvoll-unsichtbare Macht des naiven Helden trifft, der wälzt sich sterbend im braunen Nass und wankt über und über verschmutzt als Schattengespenst zu einer improvisierten Garderobe hinüber, wo den ganzen Abend lang verdreckte Kleider abgelegt und frische angezogen werden. Einzig Parzival behält seine zunehmend brauner werdende Babygarnitur an und hängt am Ende auch wieder die bunte Bettdecke darüber, die ihm die Mutter mit auf den Weg mitgegeben hat.

Klamauk statt Tragik

In einer Anordnung und auf eine Weise, die an spontanes, behelfsmäßiges Improvisieren denken lässt, spielen acht Protagonisten sämtliche Rollen, und des Öftern entsteht dabei der Eindruck, als solle partout die Komik über das Seriöse, der Klamauk über die der Geschichte innewohnende tiefere Bedeutung triumphieren. So ist des Artus' Tafelrunde eine reine Lachnummer, bei der ein bärtiger mittelalterlicher Zwerg an einer von bigotten Rittern getragenen Tischplatte neben einer Ginover Platz nimmt, die einem Serienfilm der siebziger Jahre entsprungen sein könnte. Diego Valsecchi spielt die Liase, die Parzival angetraut werden soll, als Tunte im rosafarbenen Minirock, und als Parzival Ither, den roten Ritter, zum Kampf auffordert, zieht der nicht nur die Rüstung, auf die sein Gegner es abgesehen hat, ohne sie je anzuziehen, hinter sich her, sondern lässt gleich seine ganze Garderobe mit Kitteln, Hemden und Anzügen an einem Kleidergestell über das Sumpfgeländer heranrollen.

Obwohl Bärfuss' hintergründiger Text in dem schmuddeligen Ambiente viel von seiner Verve und Pfiffigkeit verliert, ermöglicht er doch eine Reihe teils witziger, teils in ihrer Tragik karikierter Figuren: Marianne Hamre als gedemütigte Jeschute und am Hungertuch nagende Conduireamur, Marcus Signer als stilvoll leidender Anfortas, Henriette Cejpek als zornige Rachefurie Cundrie, Andri Schenardi als melancholischer Artus und schneidig-autoritärer Gurnemanz, Jonathan Loosli als belustigende Ritter-Karikatur Segramors und Lukas Turtur als nur im vordergründigen Sinne weiser Trevrizent.

Des Kindskopfes Zähmung

So gewöhnungsbedürftig die permanente Schlammschlacht einem erscheint, so fragwürdig das Kasperlehaft-Kauzige vieler Szenen anmuten mag: nach einiger Zeit beginnt man in den Auftritten des unverbesserlichen pummeligen Kindskopfs Parzival dennoch etwas Konsequentes, in sich Stimmendes, ja fast schon Tragisches herauszufühlen. Sein mit weinerlicher Stimme vorgetragenes "ich habe gemacht, was man mir sagte" offenbart gegen Schluss jedenfalls die verborgenen Triebfedern einer Figur, die mit ihrer Naivität und Unbedarftheit in einer Welt aus Opportunismus, Hinterhältigkeit und Berechnung von Anfang an chancenlos war und tollpatschig-ahnungslos durch eine Welt stolperte, die sie zur Siegerfigur kürte, um sie am Schluss als Nachfolgerin des Anfortas außer Dienst zu stellen und in der Gralsburg zum lebendigen Denkmal zu machen.

 

Parzival (SEA)
von Lukas Bärfuss
Regie: Matthias Kaschig, Bühne: Michael Böhler, Kostüme: Sandra Klaus, Dramaturgie: Patric Bachmann.
Mit: Milva Stark, Marcus Signer, Andrei Schenardi, Lukas Turtur, Jonathan Loosli, Marianne Hamre, Henriette Cejpek, Diego Valsecchi.

www.stadttheaterbern.ch

 

In Hannover, bei der Uraufführung im Januar 2010 durch Lars-Ole Walburg, spielte Sandra Hüller den Bärfuss'schen Parzival. Von Regisseur Matthias Kaschig besprachen wir zuletzt seine Schweizer Erstaufführung von Roland Schimmelpfennigs Der goldene Drache in Bern.

 

Kritikenrundschau

Aus Wolframs "monumentalen Epos" habe Bärfuss "jene Episoden herausgebrochen, die ihn interessieren, und sie neu vertextet, in einer Sprache, die knapp ist und handfest und in ihrer Bildhaftigkeit immer wieder betörend", schreibt Daniel Di Falco im Berner Bund (20.12.2010). Nicht das Mittelalter, sondern "eine überzeitliche Geschichte" habe den Dramatiker gereizt. Parzival als "Asozialer, der sich unter Menschen zurechtzufinden hat. Natur, die Gesellschaft werden soll." Matthias Kaschig, "ein Mann fürs Zupackende und Drastische", lasse es auch diesmal nicht langweilig werden. Bei ihm werde Parzival "endgültig zum zeitlosen Fall, und Mittelalter ist nur noch, was die Generation Playmobil schon kennt". Während Parzival bei Eschenbach "noch eine läuternde Lektion in Mitgefühl" lernte, sei der weise Trevrizent bei Bärfuss nur noch "ein Schwätzer mit billigen Sprüchen über das Nirwana", "am Ende hat diese heillose Welt nur ein Geheimnis - dass alle so tun, als hätten sie sie verstanden". Kaschig forciere die "Groteske, ohne in die Klamaukfalle zu tappen", halte "die Balance zwischen Witz und Schrecken und überspielt dazu noch die Halbheiten, die es auch gibt in Bärfuss' Text". "Ziemlich unprima" sei dagegen der Parzival von Milva Stark, die dem Kritiker "zu wenig Geheimnis und zu wenig Gefahr auf die Bühne" bringt. "Zu berechenbar bleibt sie in ihrem stereotypen Hin und Her zwischen kindhafter Drolligkeit und Anfällen von Zorn."

"Grandios lässt Milva Stark ihren Parzival wechselweise rührend tölpelhaft, unwissend und unbedarft oder als kraftstrotzendes Energiebündel erscheinen", meint hingegen Anne-Sophie Scholl in der Berner Zeitung (20.12.2010). Dass wiederum eine Frau im Titelhelden-Kostüm stecke, sei ein "geschickter Regieeinfall, der dem in der stark männlich konnotierten Ritterwelt angesiedelten Stück universelle Gültigkeit verleiht. Auf der Bühne zeige sich die Welt "als schlammige Abfallgrube". Parzival benenne "in töricht anmutender Unbedarftheit des Aussenseiters, wie absurd die Wertvorstellungen sind, die die Gesellschaft regieren". Letztlich bleibe er "ein tumber Aussenseiter, der eigentlich nur zu seinen Hirschen zurück will. Die Welt versteht er nicht, doch er hat gelernt, sich in ihr zu bewegen."

 
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