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Kultur ist die neue Gier

von Christoph Fellmann

Zürich, 14. Mai 2011. Not herrscht auf der Bühne. Eine Szene muss her, und zwar schnell. Die Schauspieler streiken, und die drei Menschen, durch eine verzweifelte Laune des Schicksals hinter den Vorhang geworfen, der sich gleich öffnen wird: Sie müssen sich ganz schnell etwas einfallen lassen. Nicht, dass sie sich das nicht zutrauen, es sind schließlich drei Menschen aus der Kreativwirtschaft und haben also gelernt, kreativ zu sein, um überhaupt an der Gesellschaft teilnehmen zu dürfen. Also stürzen sie vor den Vorhang und spielen Innerlichkeit. Sich selbst und ihre Gefühle. So etwas wie Liebe vielleicht. Eine größere Lüge hat man noch nie gesehen.

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Was für eine Sklaverei diese Eigenverantwortung

Und schon befinden wir uns mitten in "Fahrende Frauen", dem neuen, wiederum ganz gut rockenden Stück von René Pollesch am Zürcher Schauspielhaus. Es geht um die Kreativität, und wie schrecklich normal sie geworden ist: "Jean Ziegler (ein linker Schweizer Soziologieprofessor, Red.) spricht bei Nestlé über die bewusstseinserweiternde Kraft der Kunst?", japst Carolin Conrad in die Kamera: "Willkommen im Konsens."

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© Matthias Horn

Kreativität, Selbstverwirklichung, Eigenverantwortung. An diesem Abend sind das kapitalistische Begriffe. Mit Opernguckern lässt Pollesch seine drei Schauspieler beobachten, wie ihre Kreativität in Echtzeit ins Publikum sickert und von diesem bald als Schlüsselqualifikation auf dem Arbeitsmarkt verscherbelt werden wird. Die schicke neue Polizeiuniform? Geht zurück auf das erste Tröpfchen Farbe auf der Leinwand von Jackson Pollock. Die Kreativität ist die neue Gier, und: "Was für eine Sklaverei, diese Eigenverantwortung!"

Ja, es gibt sie also auch hier wieder, diese Pollesch'schen Merk- oder Sprengsätze, die auch dem Theater selber an die Grundfeste gehen. Als Franz Beil, Carolin Conrad, Lilith Stangenberg auf der Bühne verzweifelt nach "Schauspielern" rufen, drückt man ihnen die Bewerbungen einer Kosmetikfachfrau und eines Elektrotechnikers in die Hand. Das sind noch Berufe mit klar umrissenen Rollen, aber das hilft in diesem Fall auch nicht weiter, denn gerade die Schausteller müssen heutzutage ja "sich selber" sein und sich aus sich selbst heraus verausgaben. Kein Wunder, dass die drei verfügbaren Exemplare durch Selbstaufblähung längst viel zu groß sind für die pittoresken Gebäudchen lokaler Zürcher Provenienz, die ihnen Bert Neumann auf die Bühne gestellt hat. "Unsere kleine Stadt" (von Thornton Wilder) hätte gespielt werden sollen, aber da passen die Schauspieler ganz offensichtlich nicht mehr hinein. Hey, das ist hier schließlich keine Provinzbühne!

Es gibt keine innere Schönheit

Es hat verschwenderischere Pollesch-Abende gegeben als diesen; und Ensembles, die seine rasenden Rhapsodien markiger über den Bühnenrand gewuchtet haben. So hat "Fahrende Frauen" zum Beispiel nicht die überschäumende Orgiastik seiner kürzlichen Peking Opel in Wien, von der es einige Themen weiterspinnt. Aber gerade die gezügelte Kraft und die dünnhäutige Verletzlichkeit, die Beil, Conrad und Stangenberg auf die Bühne bringen, geht ganz gut damit zusammen, wie sie sich hier sozusagen in des Kaisers neuen Kleidern präsentieren. Und sich vis-à-vis eines Parketts, das sich gerade wissend und einverstanden übers virtuose Meta-Theater amüsiert, ernüchtert fragen: "Seit wann wissen die da unten, wie das hier oben geht?" Natürlich wurden Verantwortliche bereits beim Namen genannt an diesem Abend. Mit Thornton Wilder, der 1938 in "Unsere kleine Stadt" die Schauspieler als Schauspieler vorführte, oder mit Jackson Pollock, der 1950 in einem Kurzfilm zeigen ließ, wie seine Tröpfelbilder entstanden.

Die hier und heute auf der Bühne stehen, haben nun den Dreck: Das Publikum interessiert sich schon lange mehr für ihren ganz persönlichen Künstlermythos als für die Geschichte. Und das ist das Kühne und das ungemein Berührende an diesem Abend: Die Antwort auf die Post- und Post-Post-Dramatik, wie sie Pollesch hier formuliert, ist natürlich nicht die Rückkehr in die Dramatik (wie sie von Lilith Stangenberg immerhin angetönt wird: "Wir brauchen einen Plot. Einen Krieg"). Die Antwort ist vielmehr der Sturz in die schauspielerische Verzweiflung. Klug und heiter ausgelegt, wie immer bei diesem Theatermacher, und ganz schön prekär gespielt.

Bis sich gegen Ende des Abends der Text doch noch zu so etwas wie einem Pamphlet verdichtet. "Es gibt keine innere Schönheit", heißt es dann, und: "Im Unpersönlichen gibt es mehr Entfaltungsmöglichkeiten." Erst in der Fremdverwirklichung – außen, nicht innen – ist der Mensch lebendig. Man nennt das auch Kommunikation. Oder Theater.

 

Fahrende Frauen (UA)
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Nina von Mechow, Soufflage: Rita von Horvath, Dramaturgie: Roland Koberg.
Mit: Franz Beil, Carolin Conrad, Lilith Stangenberg.

www.schauspielhaus.ch

 

Mehr zu den Arbeiten von René Pollesch gibt's im nachtkritik-Lexikon.


Kritikenrundschau

"Ein schönes und ein kluges Spiel" hat Andreas Klaeui für die Neue Züricher Zeitung (16.5.2011) erlebt, einen Pollesch, der "stärker und entspannter als andere Pollesch-Abende" sei. Das Ende der entfremdeten Arbeit und die Vollendung der modernen Kreativwirtschaft werden als die zentralen Themen ausgemacht, die hier "wieder ein schwindelerregendes Karussell der Ideen, Zitate und Assoziationen, auch der Kalauer" in Gang setzten, ein Theater "der gleichzeitigen Entzauberung und Neuverzauberung der Begriffe". Auch drehte sich das Spiel "auf und ab wippend" um das Theaterspielen selbst: "die Künstlermythen im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit und was nach der Post-Postdramatik noch sein kann – mit andern Worten: um Charme und Kunst der Bühne."

Auch Simone Meier vom Tages-Anzeiger (16.5.2011) ist begeistert: "Zu lachen gibt es enorm viel in dieser quirligen Debatte, die nichts anderes ist als ein ekstatisches, leidenschaftliches, schnell getaktetes Nachdenken übers Denken an sich." Der Diskurs über die Möglichkeiten des Schauspiels im Zeitalter der Kreativwirtschaft werde "gepimpt mit den illusionistischen Mitteln des Theaters. Mit Boulevardzitaten, mit viel Ganzkörpereinsatz, mit berauschenden Kleidern." Polleschs Botschaft laute "Denken ist geil" und die kommt in dieser Inszenierung gemessen an den Schilderungen der Kritikerin vollends rüber: "Die Theorie, die diesem Abend zugrunde liegt, ist schwierig. Trotzdem verlässt man das Theater im Zustand euphorischer Unbeschwertheit. Man nennt das wohl ganz einfach einen Zauber."


 
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